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„Ein gemeinsamer organisatorischer Kraftakt“ - Corona-Charterflüge bringen deutsche Manager zurück nach China

Von Verena Menzel  ·   2020-07-30  ·  Quelle:China heute
Stichwörter: Deutschland;China;Charterflüge
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Erinnerungsfoto nach der Landung: Am 30. Mai traf der erste AHK-Charterflug in der nordostchinesischen Hafenstadt Tianjin ein. Die Lufthansa-Maschine brachte rund 200 deutsche Managerinnen und Manager, Angestellte und deren Angehörige zurück nach China. 

Geht es der Wirtschaft gut, wird sich alles andere schon finden. Dies schien über Jahrzehnte die Losung, auf der sowohl die nationale Entwicklung einzelner Länder als auch die wirtschaftliche Globalisierung fußte. Dann kam das Jahr 2020 und mit ihm die Coronakrise. Sie brachte diese scheinbare Selbstverständlichkeit plötzlich ins Wanken. Die Pandemie hat ein neues Spannungsfeld erzeugt zwischen Wirtschaftsentwicklung und Gesundheitsschutz, in dessen Sog alle Länder derzeit nach der richtigen Balance und einer gangbaren neuen Normalität suchen. Was es nicht einfacher macht, ist, dass wir in einer wirtschaftlich eng verflochtenen Welt leben, in der rasche gemeinsame Antworten und Lösungswege gefragt sind, will man die gemeinsame Bedrohung erfolgreich meistern. Plötzlich stehen die Bedürfnisse einer globalisierten Wirtschaft den Erfordernissen des lokalen Gesundheitsschutzes gegenüber. Hier ein neues Gleichgewicht zu finden, erfordert Fingerspitzengefühl und vor allem eine funktionierende internationale Abstimmung. 

Wie schwierig sich dieser Balanceakt gestaltet und wie in der aktuellen Krise dennoch unkonventionelle Lösungswege gefunden werden können, zeigt sich am Beispiel der deutsch-chinesischen Wirtschaftszusammenarbeit.  

Einreisebeschränkungen „größter Kopfschmerz deutscher Unternehmen“ 

Deutschland und China sind ökonomisch eng miteinander verflochten. Das beweist unter anderem die Vielzahl deutscher Firmen in China, rund 5000 Betriebe sind es momentan. Doch die Coronakrise stellt den bilateralen Wirtschaftsaustausch derzeit auf eine harte Probe. Angesichts der Pandemie haben deutsche Firmen in China nicht nur mit Umsatzeinbrüchen zu kämpfen. Es sind vor allem auch bestehende Reisebeschränkungen, die die Firmen vor große Probleme stellen, weiß Jens Hildebrandt, der Leiter der Deutschen Auslandshandelskammer in Beijing. „Aus Blitzumfragen von Februar, April und Ende Juni dieses Jahres unter unseren Mitgliedsunternehmen wissen wir, dass Reisebestimmungen, insbesondere internationale Einreisebeschränkungen, deutschen Unternehmen derzeit am meisten Kopfschmerzen bereiten“, sagt er. 

Denn China legt den Gesundheitsschutz derzeit schwer in die Waagschale. Das Land hat sich praktisch für eine Null-Fälle-Politik entschieden. Corona-Neuinfektionen sollen möglichst vermieden werden, notfalls eben auch auf Kosten der Wirtschaft. Angesichts der wachsenden Fallzahlen weltweit legt China seit einigen Monaten deshalb einen besonderen Fokus auf den epidemiologischen Schutz der Landesgrenzen. Die Einschleppung von Infektionen aus dem Ausland soll mit allen Kräften verhindert werden. Kein Wunder, sitzt doch das Trauma von Wuhan denkbar tief. Volle Notkrankenhäuser, weitläufige Lockdowns, Ärzte und Pflegekräfte am Rande der Entkräftung - die Bilder aus dem einstigen Epizentrum der Epidemie sind noch frisch in Chinas Köpfen. Wuhan soll sich nicht wiederholen, da sind sich die Chinesen einig. 

Vor dem Hintergrund zahlreicher positiv getesteter Einreisender und voller Quarantänehotels entschied sich Chinas Regierung Ende März zu einem rigorosen Schritt: die Einreise von Ausländern wurde generell ausgesetzt, selbst bereits erteilte Visa wurden bis auf Weiteres eingefroren. Das habe letztlich auch die deutsche Wirtschaft in China stark getroffen, sagt Jens Hildebrandt. „Plötzlich saßen viele Mitarbeiter deutscher Unternehmen in Deutschland fest und konnten nicht nach China zurückkehren“, schildert er die Lage. „Es waren nicht nur Arbeitnehmer von ihren Unternehmen getrennt, sondern auch Familien. Auch Spezialisten, die hier in China vor Ort für kurzfristige Einsätze gebraucht werden, um beispielsweise Maschinen zu reparieren, konnten nicht mehr ins Land.“ 

Gemeinsame Charterflüge als weltweite Premiere 

Viele deutsche Firmen wandten sich vor diesem Hintergrund an die örtliche Auslandshandelskammer, die in China die Interessen von rund 2300 Mitgliedsunternehmen vertritt. Man entschloss sich, die Situation und die daraus entstandenen Schwierigkeiten gemeinsam mit der deutschen Botschaft dem chinesischen Außenministerium vorzutragen. Im Mai schlug dieses schließlich vor, gemeinsam ein Fast-Track-Verfahren zur Rückkehr deutscher Manager und dringend benötigter Fachkräfte sowie ihrer Familien auf Basis von Charterflügen auf die Beine zu stellen. „Dieses Charter-Pilotprojekt war eine weltweite Premiere“, erinnert sich Hildebrandt. Gemeinsam mit den chinesischen Behörden und der Unterstützung der deutschen Botschaft machte sich die AHK an die Organisation dieses ungewöhnlichen Projekts. Als Fluglinie holte man die deutsche Lufthansa mit ins Boot. 

 

Versüßung der Quarantänezeit: AHK-Mitarbeiter bereiten Begrüßungsbeutel mit Sponsorengeschenken für die Ankömmlinge aus Deutschland vor. „Die Gestaltung der Quarantäne war bei der Umsetzung der Charterflüge ein großes Thema“, sagt AHK-Chef Jens Hildebrandt. 

Bis allerdings die erste Maschine in China landen konnte, war es noch ein „ziemlich holpriger Weg“, erinnert sich Hildebrandt. „Schließlich haben wir hier gemeinsam mit den chinesischen Behörden ein Verfahren getestet, dass es so noch nie gab.“ Entsprechend hoch sei anfangs die Skepsis einiger lokaler Behörden gewesen, die für den Seuchenschutz in ihrem Zuständigkeitsbereich haften. „Das chinesische Außenministerium hat uns von Anfang an sehr unterstützt und großes Verständnis dafür gezeigt, dass die ausländische Wirtschaft ihre Leute zurück im Land braucht. Auf der anderen Seite waren da die lokalen Behörden, die natürlich stets die Gesundheit ihrer Bevölkerung im Auge haben. Epidemiologische Bedenken mussten also gegenüber wirtschaftlichen Bedenken abgewogen werden.“  

Gelöst wurden die Probleme schließlich durch die gemeinsame Ausarbeitung eines mehrstufigen Sicherheitsplans mit der chinesischen Seite. Für die Charterflüge wurde ein klar definierter Ablauf festgelegt, der den epidemiologischen Anforderungen entsprach. „Vor dem Abflug in Deutschland führen wir ein zentrales COVID-19-Testing am Flughafen Frankfurt durch. Nach der Ankunft am Zielort wird dann noch einmal auf COVID-19 getestet und auch ein Antikörpertest durchgeführt. Dann müssen die Ankömmlinge zwei Wochen in Quarantäne. Während dieser Zeit wird dann nochmals auf das Coronavirus getestet. So wird sichergestellt, dass wirklich alle Passagiere mehrfach getestet sind“, beschreibt Hildebrandt das Verfahren. 

Obligatorische Quarantäne sorgt für Unsicherheiten 

Insbesondere länderspezifische Quarantänevorschriften sorgen in Coronazeiten bei vielen Reisenden, ob nun privat oder geschäftlich unterwegs, für einige Unsicherheit. Das gilt vor allem dann, wenn die obligatorische Insolationszeit nicht zu Hause, sondern in einer allgemeinen Quarantäneeinrichtung verbracht werden soll. „Die Gestaltung der Quarantäne war bei der Umsetzung der Charterflüge tatsächlich ein großes Thema“, sagt auch Hildebrandt. „Man muss sich vorstellen, dass die Leute zwei Wochen ihr Hotelzimmer nicht verlassen dürfen. Das stellt natürlich eine psychische Belastung für die Passagiere dar. Wenn da die Rahmenbedingungen nicht stimmen, sei es, was die Hygiene im Hotel oder die Qualität des Hotelessens angeht, verstärkt sich dieser psychische Druck natürlich zusätzlich.“ 

Die Koordination mit den lokalen Behörden, Coronatests und Quarantänegestaltung - „es war insgesamt ein organisatorischer Kraftakt“, sagt der Chef der AHK Nordchina. Doch dank des großen Einsatzes aller Beteiligten auf beiden Seiten konnten zwischen Ende Mai und Ende Juli bereits fünf Charterflüge erfolgreich auf chinesischem Boden landen. An Bord waren rund 1000 Manager, Angestellte deutscher Unternehmen und Familienangehörige, darunter auch zahlreiche Kinder.   

 

  Andreas Krause von M.A.i Automation Technology. Eigentlich wollte der Deutsche schon im März seine neue Stelle als Produktionsmanager in der Nanjinger Niederlassung des deutschen Unternehmens antreten. Corona machte ihm einen Strich durch die Rechnung. 

Unter den Passagieren fand sich auch Andreas Krause. Der deutsche Manager wollte eigentlich schon im März seine neue Position als leitender Produktionsmanager der Nanjinger Niederlassung von M.A.i Automation Technology antreten, ein führender deutscher Anbieter in der Automationsindustrie mit Mutterkonzern im bayerischen Kronach. Der Deutsche ist mit einer Chinesin verheiratet, war schon zuvor rund 15 Jahre in China bei einem deutschen Maschinenbauunternehmen im Großraum Guangzhou tätig und besitzt eine chinesische Greencard. Seine Frau reiste bereits zum chinesischen Frühlingsfest Ende Januar nach China. Eigentlich wollte Krause Ende Februar nachkommen, doch Corona machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Alle Versuche von ihm und seiner neuen Firma, einen Platz auf einem der wenigen Linienflüge zu ergattern, scheiterten. Nicht nur der Antritt seiner neuen Stelle, auch das ersehnte Wiedersehen mit der Familie lag also coronabedingt für unbestimmte Zeit auf Eis. Schließlich erfuhr der Deutsche vom Charterflug-Programm der AHK und bewarb sich um einen Platz an Bord. Am 8. Juli landete er schließlich mit der insgesamt dritten AHK-Maschine im ostchinesischen Qingdao. 

Wir erreichen Krause per Telefon in der Hotelquarantäne. Für 14 Tage darf er das Hotelzimmer nicht verlassen. „Aber es gibt glücklicherweise einen Balkon, damit man mal frische Luft schnappen kann“, sagt er. Die Mahlzeiten werden vor die Tür gestellt, kontaktlose Lieferung also. Zweimal am Tag, vormittags und nachmittags, kommen Mitarbeiter in Schutzmontur, um die Körpertemperatur zu messen. Bereits bei der Charterflug-Registrierung wurden die Passagiere über die Abläufe und obligatorischen Tests während der Quarantänezeit genau informiert. Die ausführliche Aufklärung vorab soll dazu beitragen, Bedenken und Unsicherheiten zu nehmen. „Mir wurde auch schon vor dem Flug mitgeteilt, in welchem Hotel wir untergebracht sein würden und wie der Ablauf am Flughafen geplant war. Das hat mir das Vertrauen gegeben, dass alles sehr gut organisiert sein würde, was sich dann auch so bewahrheitet hat“, sagt Krause. 

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