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Ein unheimlicher „Virencocktail“

Von Ulrich Sollmann  ·   2020-02-13  ·  Quelle:Beijing Rundschau
Stichwörter: Coronavirus;Virus
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Seit gut vier Wochen beherrscht das neue Coronavirus die Schlagzeilen. Anfangs nur in China, dann überall auf der Welt. Dank „viraler“ Berichterstattung sind inzwischen schon weite Teile der Weltpolitik, der Weltwirtschaft und der Weltöffentlichkeit mit einem weiteren Virus infiziert – dem „Panikvirus“.  

Die mediale Auseinandersetzung mit dem Virus trägt selbst bereits pandemische Züge. Damit meine ich nicht nur die Berichterstattung über die Gefahren des Coronavirus. 

Es geht mir vielmehr um die Panik als eine Art „emotionales Virus“, mit dem sich die Menschen ebenfalls anstecken können. Und es geht um die digitale Kommunikation über die sozialen Medien, über die sich Nachrichten „viral“ verbreiten. Inzwischen scheint es gar keinen Unterschied mehr zu machen, von welcher Seite aus man dies alles betrachtet.  

Nicht das Coronavirus allein hat die Welt zurzeit im Griff. Vielmehr scheint die Welt einen Virencocktail getrunken zu haben, der sie erheblich aus dem Takt gebracht hat. Einen Cocktail, der in weiten Teilen der Welt eine ähnliche Wirkung zeigt.  

Wir sitzen also alle in einem Boot. Dies wird den meisten langsam klar. Aber wir handeln nicht danach.  

Die Erschütterung, die mit der Epidemie einhergeht, löst eine tiefe, überwältigende und beinahe unheimliche Unsicherheit aus, vor allem in der westlichen Welt und im südostasiatischen Raum. Viele Menschen fühlen sich von einem äußeren, unsichtbaren Feind bedroht oder angegriffen, einem Feind, der überall lauern könnte. Einem Feind, der – einer Flutwelle gleich – altgewohnte Sicherheiten zu überschwemmen droht. Der Feind ist aber nicht nur das Coronavirus. Auch die Panik wird wie ein Feind erlebt, wie etwas, das über einen selbst und die Welt hereinzufallen droht. Guckt man dann auf sein Smartphone, um sich zu informieren oder sich mittels sozialer Medien mit Freunden und Verwandten auszutauschen, schlägt einem diese Welle von „viralen“ Nachrichten, Anfeindungen, Gerüchten, Diskriminierung, Ausgrenzung, Panik oder ohnmächtigem Leid entgegen. 

Es ist daher nicht verwunderlich, dass Menschen sich Sicherheit wünschen, Schutz suchen, der sich nicht selten in dem Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit ausdrückt. Hofft man doch, in der Gruppe der subtilen oder offenen psychischen Erschütterung, vielfach als „Traumatisierung“ bezeichnet, entgehen zu können. Eine solche kann nämlich nicht nur von den Menschen, die in den vom Coronavirus betroffenen Gebieten leben oder gar infiziert sind, wie eine Gewalteinwirkung von außen erlebt werden.  

Traumaforscher wie Gottfried Fischer und Peter Riedesser sprechen dann von „…einem vitalen Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“ 

Wie begegnet man aber Menschen, die vom Virus wirklich und unmittelbar betroffen, möglicherweise infiziert sind? Wie denen, die aus China kommen aber tausende von Kilometern entfernt vom unmittelbaren Krisengebiet um Wuhan leben? Wie begegnet man der medialen Berichterstattung, der Flut von polarisierenden Kommentaren auf den Sozialen Medien? Wie hält man sich das Panikvirus vom Leib? Wie wehrt man sich in Deutschland gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und fremdenfeindliche Berichterstattung gegenüber chinesisch aussehenden Menschen? Titelgeschichte und Titelblatt des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ (Ausgabe Nr.6 vom 1.2.2020) sind ein markantes Beispiel. Sie erwecken den Eindruck („Coronavirus: Made in China“), als wäre das Coronavirus in China hergestellt. Verbunden mit der impliziten Botschaft, dass China sich wieder einmal sich als Gefahr und Bedrohung erwiesen habe. Dies weckt nicht nur Fassungslosigkeit, sondern auch Empörung ob der „viralen“ Wirkung einer solchen Botschaft. Spätestens jetzt, so kann vermutet werden, sei (nicht nur) Spiegellesern klar, wo der Feind zu sitzen habe. Und wenn man den Feind identifiziert habe, könne man sich ja wieder sicher fühlen.  

Recht schnell entstand offenbar nicht nur bei mir ein deutlicher Widerstand dagegen, den eigenen Blick auf dieses erschütternde Zusammenspiel, das uns alle betrifft, zu richten. Wer dies tut, dem wird nämlich klar, dass der eine Virus nicht effektiv bekämpft werden kann, wenn man nicht auch die anderen beiden – also das „Panikvirus“ und die virale Berichterstattung – beleuchtet. Wer dies nicht tut, der schließt sich schnell einer der gängigen Meinungsfraktionen an. So gibt es beispielsweise die „Vertreter der Fakten“, die die gegenwärtige Entwicklung z.B. mit der Grippewelle in Deutschland von 2018 vergleichen. Sie raten inständig, doch ob dieses Vergleichs der Fakten nicht in Panik zu verfallen. Was seien schon gut 700 Tote (Stand vom 8.1.2020) im Vergleich zu 20.000 Toten 2018 in Deutschland, fragen sie. Dann gibt es da noch die Vertreter der Abschottung. Wenn die Außengrenzen dicht seien, dann würde man genügend gesichert sein. Also niemanden ins Land lassen oder nur unter Quarantäne. Eine Stufe weiter sind dann schon diejenigen, die persönlich ganz auf Nummer sicher gehen wollen: sie hängen ein Schild an Ihr Restaurant, das chinesisch aussehenden Menschen das Betreten des Restaurants untersagt. Dann gibt es diejenigen, die aus der sicheren Distanz die Welterklärer spielen, dabei oftmals die eine oder andere Perspektive überstrapazieren, sich selbst aber nicht einbeziehen. Ganz zu schweigen von denen, die sich durch Satire über alles hinwegheben wollen. Auch diejenigen sollten genannt werden, die in altes Wagenburgverhalten verfallen und die Welt in Gut und Böse aufteilen, indem sie mit dem journalistischen Zeigefinger (mal wieder) auf China zeigen. Schüren sie doch hierdurch mal wieder die zumindest in Deutschland vielfach vorhandene Angst vor dem Fremden. Tagtäglich berichtete politische und kulturelle Ressentiments suchen inzwischen ihresgleichen. Schließlich gibt es noch diejenigen, die ihre Vorurteile bestätigt sehen und sich darüber im kleinen Kreis erzürnen, sich aber in der Öffentlichkeit schweigend – früher hätte man gesagt, „vornehm“ – zurückhalten.  

Wenn man sich einer dieser Fraktionen anschließt, anstatt die Epidemie als globales Phänomen zu sehen, dann ändert sich wahrlich gar nichts. Schutz suchen meint dann: Hauptsache ich bin ok, die anderen sind mir egal. 

All diese Menschen scheinen aber etwas gemeinsam zu haben. Sie sind zutiefst verunsichert und wissen der Unheimlichkeit dieses Virencocktails gegenüber nicht so recht zu reagieren. Sie haben Angst, auch wenn sie das gegenüber sich selbst und anderen nicht eingestehen wollen. Allein ihr Verhalten sowie die psychische Strategie der Abwehr, des Widerstands gegenüber einer ausgewogenen Betrachtung der Situation, nämlich auch ihrer eigenen, können als Zeichen hierfür angesehen werden.  

Ich weiß selbst, wie schwierig das ist – habe ich doch in meinem letzten Artikel über Wuhan vom 2.2.2020 in meiner Kolumne (auf FOCUS Online) versucht, sachlich typische chinesische Verhaltensmuster im Umgang mit einer Krise zu beschreiben, um die Situation besser nachvollziehbar zu machen. Ich habe aber gleichzeitig, wie ich inzwischen gemerkt habe, „zu sachlich-distanziert“ berichtet, meinte ich doch, als Experte nicht „emotional“ werden zu dürfen. Doch wenn ich über einer so schreckliche Situation schreibe, steht es auch mir als Experten nicht zu, so distanziert zu bleiben. Sonst laufe auch ich Gefahr, das menschliche Leid zu verdrängen, „kalt“ zu bleiben, die Menschen in Wuhan, in China und auch sonst wo auf der Welt aus dem Auge zu verlieren. Nicht ihre traumatische Erfahrung zu sehen, auf die ich, würde ich sie wahrnehmen, ganz anders reagieren müsste.  

Die von mir insgeheim erhoffte Sicherheit in der Rolle des distanzierten Experten stellte sich daher als trügerisch heraus, bot sie mir doch lediglich die Sicherheit der Zugehörigkeit zu meiner eigenen Fraktion, der „Gruppe der Experten“, grenzte mich aber zugleich von der Gruppe der Menschen, die von den Auswirkungen des Virencocktails betroffen waren, ab. 

Wenn die Vermutung zutrifft, dass wir alle, wenngleich in unterschiedlicher Intensität, von der Wirkung des Virencocktails betroffen sind, dann liegt es nahe, Schutz und Sicherheit in dem gemeinsamen Erleben einer solchen Situation zu suchen, nicht nur in irgendeiner Subgruppe. 

Die Fähigkeit, nach Schicksalsschlägen sich selbst nicht aufzugeben und es zu schaffen, das Leben wieder in positive Bahnen zu lenken, wird als Resilienz bezeichnet. Aus der Resilienzforschung weiß man, dass es mehrere Faktoren gibt, die die Gesundung fördern. Dazu gehören vor allem die Zuwendung Anderer, die (gemeinsame) Entwicklung von Strategien und Ressourcen zum Umgang mit der Krise sowie die Fähigkeit, die eigenen Emotionen und Handlungen zu kontrollieren. 

Es geht also nicht allein. Schutz und Sicherheit kann nur die Gruppe der Betroffenen geben. Und dank der Globalisierung und der „viralen“ Berichterstattung sind wir alle betroffen. Gemeinsam an einem Strick zu ziehen kann Hoffnung geben und das Wiedererlangen der Kontrolle über die Situation ermöglichen.  

Wir müssen wieder Vertrauen entwickeln. Vertrauen in uns selbst und in unsere Mitmenschen – hier in Deutschland, aber auch gegenüber den Menschen in China.  

Wir müssen uns abwenden von Abschottung und Panikmache. Nur Menschlichkeit und Anteilnahme können den „Virencocktail“ unschädlich machen. 

Der Autor ist Sozialwissenschaftler, Berater / Coach in der Wirtschaft und Politik, Psychotherapeut, Publizist, Gast-Professor Shanghai University of Political Science and Law, seit vielen Jahren regelmäßig in China tätig, Ethnologische Forschung zur psychischen Situation der Menschen in China heute. Autor des Buches „Begegnungen im Reich der Mitte – mit psychologischem Blick unterwegs in China“. www.sollmann.cn  

Der vorliegende Text spiegelt die Meinung des Autors wider, nicht notwendigerweise die der Beijing Rundschau. 

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