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Expertengespräch: Wie Chinas Binnenkonsum dem Weltmarkt nutzt |
| Zhao Piao · 2026-06-12 · Quelle:cdd-online.com.cn |
| Stichwörter: Konsum;Inlandsnachfrage |
2026 trat Chinas 15. Fünfjahresplan in Kraft. Einer der Arbeitsschwerpunkte für die kommende Periode ist die Wirtschaft. Auf der Zentralen Wirtschaftskonferenz Ende vergangenen Jahres hat das Zentralkomitee der KP Chinas acht ökonomische Kernaufgaben für das laufende Jahr formuliert. Primärer Punkt der Agenda: eine gezielte Stärkung der Inlandsnachfrage als wirtschaftliche Zugkraft.
Konsum ist nicht nur ein wichtiger Hebel zur Ausweitung der Inlandsnachfrage, er steht auch in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Lebensstandard der Bevölkerung, spiegelt ihre Bedürfnisse nach einem besseren Leben. Angesichts der komplexen Herausforderungen des aktuell instabilen internationalen Umfeldes sowie des Ungleichgewichts zwischen starkem Angebot und schwächelnder Nachfrage im Inland stellen sich entscheidende Fragen: Wie den Konsum maßgeblich ankurbeln? Wie Kauflaune und Konsumpotenzial der Menschen gezielt steigern? Wir haben mit dem renommierten Ökonomen Huang Qunhuiüber genau diese Fragen gesprochen. Er ist Forscher am Institut für Wirtschaftswissenschaften der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften.
Großeinkauf: Kunden an der Fleischauslage eines Supermarktes in Shanghai
Die Zentrale Wirtschaftskonferenz hat gezielt auf Chinas ausgeprägtes Angebot-Nachfrage-Ungleichgewicht hingewiesen. Welche Ursachen sehen Sie? Und welche Bedeutung hat die Binnennachfrage für Chinas weitere Wirtschaftsentwicklung?
Nun, die aktuellen Herausforderungen sind letztlich auf eine Vielzahl komplexer Faktoren zurückzuführen – darunter sowohl externe Einflüsse durch das veränderte internationale Umfeld als auch interne strukturelle und konjunkturelle Herausforderungen, die sich über einen längeren Zeitraum akkumuliert haben.
International gesehen erleben wir derzeit zunehmende Instabilität und vermehrte geopolitische Konflikte. Unilateralismus und Protektionismus sind auf dem Vormarsch, Hegemonismus und Machtpolitik nehmen zu. All dies stellt die internationale Wirtschafts- und Handelsordnung vor erhebliche Herausforderungen. Das Wachstum der Weltwirtschaft verliert zunehmend an Fahrt – mit spürbaren Folgen auch für die chinesische Volkswirtschaft.
Auf nationaler Ebene spielen derweil zwei Hauptfaktoren zusammen: Erstens strukturelle Ungleichgewichte als Folge einer über lange Jahre unausgewogenen und unzureichenden Entwicklung – insbesondere hinsichtlich der Verteilung und Steigerung der Einkommen. Zweitens konjunkturelle Belastungen, etwa der langfristige Abschwung des Immobilienmarktes, der über den sogenannten „Vermögenseffekt“ auch den Warenkonsum negativ beeinflusst.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Inlandsnachfrage natürlich besondere Relevanz: Sie kann nicht nur dabei helfen, Nachfrage und Angebot besser auszubalancieren, sondern fördert auch ganz direkt die Erhöhung des Lebensstandards der Menschen sowie den Konsum, was eine gesunde Wechselwirkung zwischen Konsum und Investitionen, Angebot und Nachfrage ermöglicht – sprich ein dynamisches Gleichgewicht auf höherem Niveau. Dies stärkt die endogene Triebkraft und Zuverlässigkeit unserer Binnenwirtschaft, ist folglich also von entscheidender Bedeutung für einen erfolgreichen Start des 15. Fünfjahresplans sowie für die Erreichung der darin formulierten Wirtschaftsziele.
Den Frühling festhalten: Ein Fotograf im Nanjinger Botanischen Garten Zhongshan in der Provinz Jiangsu lässt Besucher nach dem Shooting ihre Fotos auswählen.
Der Konsum entwickelt sich zunehmend zu einer grundlegenden ökonomischen Triebkraft in China. Welche Faktoren sind Ihrer Ansicht nach ausschlaggebend dafür, die angestrebte Erweiterung der Binnennachfrage zu realisieren?
Der Schlüssel zur Stärkung der Konsumkraft der Bevölkerung liegt in einem guten Zusammenspiel aus Beschäftigungsförderung, Einkommenssteigerung und Erwartungsstabilisierung. Durch die Förderung von Beschäftigung lässt sich das Einkommen aus Arbeit erhöhen, sodass der Anteil der Arbeitseinkommen am Gesamteinkommen der Haushalte kontinuierlich steigt – und dies ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass Menschen konsumieren können.
Wir müssen folglich dafür sorgen, Arbeitseinkommen und Arbeitsproduktivität parallel zu steigern und das Einkommenswachstum der Menschen in Einklang mit dem Wirtschaftswachstum zu bringen. Einerseits gilt es hierfür, das Beschäftigungsvolumen zu stabilisieren bzw. auszuweiten, indem wir Unternehmen bei der Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen unterstützen und Individuen bei Existenzgründung und Beschäftigung unter die Arme greifen. Zudem gilt es, neue Berufe und Arbeitsplätze zu entwickeln. Insbesondere sollten neue Beschäftigungschancen erschlossen werden. Ich denke hier etwa an Bereiche wie die digitale und die grüne Wirtschaft oder auch die Silberwirtschaft. Andererseits brauchen wir in Stadt und Land höhere Einkommen. Hierfür bedarf es einer schrittweisen Anhebung des Mindestlohns, einer Einkommenssteigerung in Stadt und Land sowie pragmatischer Maßnahmen für ein Einkommensplus für Geringverdienende. Zentral ist auch, die Vermögenseinkünfte der Bevölkerung zu steigern. Wir müssen das Gehalts- und Sozialabsicherungssystem weiter optimieren und das Geschäftsumfeld für Klein- und Kleinstunternehmen sowie Selbstständige kontinuierlich verbessern.
Beschäftigungsförderung: Am 25. April fand in Nanjing die 15. Jobmesse für Kulturfachkräfte statt.
Echte Kauflaune kommt in der Regel nur auf, wenn keine Zukunftsängste bestehen. Wie lassen sich politische Rahmenbedingungen bzw. institutionelle Regelungen so gestalten, dass bei den Einwohnern Kaufstimmung aufkommt?
Einen ersten Punkt habe ich gerade schon angesprochen, nämlich die Einkommenssteigerung in Stadt und Land, insbesondere für Geringverdienende. Hier muss gut geplant werden. Die Gruppe der Durchschnittsverdienenden sollte konsequent wachsen. Was wir brauchen, ist eine olivenförmige Einkommensstruktur. Mit Blick auf den Mechanismus der primären Einkommensverteilung gilt es, die Beiträge aller Produktionsfaktoren marktorientiert zu bewerten sowie eine beitragsbasierte Einkommensverteilung zu realisieren. Es muss gelten: Wer mehr leistet, höhere berufliche Qualifikationen mitbringt oder Innovationen vornimmt, soll auch mehr verdienen.
Zweitens brauchen wir ein Dienstleistungssystem, das alle Bevölkerungsgruppen und Lebensphasen noch besser abdeckt. Hierfür wird die Regierung in Zukunft verstärkt in Bildung, Sozialabsicherung und öffentliche Wohlfahrt investieren und ein gleichmäßiges Angebot an verlässlichen öffentlichen Grunddienstleistungen garantieren.
Drittens ist das differenzierte System zur Leistungsbewertung für die lokalen Regierungen zu optimieren. Mittels einer an Qualität ausgerichteten Entwicklung gilt es, einen langfristigen Mechanismus für Investitionen in die Menschen aufzubauen bzw. diesen zu vervollständigen. Unsere Aufgabe besteht darin, Indikatoren, Politik, Standards und Erfassungssysteme sowie unsere Evaluations- und Bewertungsmechanismen für politische Leistungen entsprechend auszurichten.
Prost und Jubel: Am 9. Mai 2026 verfolgen Fußballfans in Suqian eine Partie der Jiangsuer Stadtliga „Su Chao“.
Konsum hängt aber bekanntlich nicht nur von der Fähigkeit und Zuversicht der Konsumenten ab, sondern auch von der Qualität des Angebots. Welche tiefgreifenden Veränderungen vollziehen sich auf dem chinesischen Konsummarkt hier gerade und wie lassen sich Konsumpotenziale künftig noch besser freisetzen?
Die anhaltend wachsenden Einkommen in China haben in den letzten Jahren neue Konsumbedürfnisse in der Bevölkerung geweckt. Parallel dazu bringt die wissenschaftlich-technologische Revolution neue Konsumangebote hervor. Auch die demografischen Veränderungen bergen neue Konsumimpulse und das steigende Konsumniveau im ländlichen Raum setzt neue Potenziale frei. Bereiche wie Seniorenangebote, digitaler und grüner Konsum, Gesundheit, Wintersport und heimische Trendprodukte mit chinesischen Kulturelementen (Guochao) schaffen neuen Konsum auf höherem Niveau.
Um diesen Trends gerecht zu werden, müssen wir einerseits die Kapazitäten des Warenkonsums erweitern und sein Niveau heben. Zentral ist hier, die Steuerungswirkung von Marken, Standards und neuen Technologien zu verstärken. Andererseits sollten wir unseren Fokus in Zukunft verstärkt auf den Dienstleistungskonsum richten, sowohl was Konsumtrends als auch bestehende Defizite angeht. Insbesondere eine Lockerung des Marktzugangs und die Verbindung verschiedener Geschäftsformen können dabei helfen, den Dienstleistungskonsum noch einmal zu erweitern und auf diesem Weg neue Wachstumstreiber zu generieren.
Das Chinesische Forschungsinstitut für Reform und Entwicklung (CIRD) kommt in einem aktuellen Bericht zu dem Schluss, dass China bereits heute zu den weltweit größten Konsumnationen gehört. Wie sehen Sie die Wechselwirkung zwischen höherwertigem Binnenkonsum und Importausweitung? Und welche Rolle spielt China bei der Förderung eines ausgewogenen globalen Handels?
Aktive Importerweiterung ist ganz klar ein Kernaspekt von Chinas hochgradiger Außenöffnung. Mehr Einfuhren und weitere Öffnung fördern nicht nur den internationalen Wirtschaftskreislauf, sondern sorgen auch für neue Fortschritte bei Reform und Entwicklung. Unsere Importe zu steigern, ist definitiv eine notwendige Voraussetzung und zentrale Maßnahme zur Niveauhebung des Konsums sowie zur Befriedigung der wachsenden Lebensansprüche unserer Bevölkerung. Noch wichtiger aber ist, dass die positive Wechselwirkung zwischen Importerweiterung und höherwertigem Konsum entscheidend zur Ausgestaltung von Chinas neuem Entwicklungsgefüge beiträgt, ein Gefüge, in dem der große inländische Wirtschaftskreislauf die Hauptrolle spielt, während inländischer und internationaler Kreislauf einander fördern.
Mehr selbstständige Öffnung schafft neue Kooperationsspielräume für wechselseitige Investitionen und trägt außerdem zur Reform der strukturellen Rahmenbedingungen für ausländische Investitionen in unserem Land bei. Daneben kurbelt die Außenöffnung auch ganz klar den Export an und ermöglicht pragmatische Kooperationen in neu aufstrebenden Bereichen. Kurzum: Internationale Öffnung bringt allen Völkern mehr Wohlstand. Chinas klares Öffnungsbekenntnis trägt also eindeutig zur Förderung eines ausgewogenen globalen Handels bei und ermöglicht es der Welt, an Chinas Entwicklungschancen teilzuhaben.
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