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„Protektionismus und Handelskonflikte sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems“

  ·   2019-06-27  ·  Quelle:Beijing Rundschau
Stichwörter: G20;Globalisierung
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Exklusivinterview mit Dennis J. Snower, Gründer und Präsident der Global Solutions Initiative und des Global Economic Symposiums. Bis Februar 2019 war er Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Professor für theoretische Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.   

Dennis J. Snower 

Beijing Rundschau: Vom 28. bis 29. Juni findet in Japan der G20-Gipfel 2019 statt. Mit welchen Erwartungen schauen Sie auf das Treffen? 

Wir hoffen auf ein starkes Signal der G20, dass ihre Unterstützung des Multilateralismus zum Ausdruck bringt. Die G20 müssen die Auseinandersetzungen im Bereich Handel überwinden. Sie müssen verstärkt globale Gerechtigkeitsfragen adressieren. Und sie müssen einen entscheidenden Beitrag bei der Lösung von Zukunftsfragen wie dem Klimaschutz und der Digitalisierung leisten. All das wird nur gelingen, wenn die globale Zivilgesellschaft mithilft und die G20 offenen für diese Hilfe ist. 

Wie beurteilen Sie die Rolle der G20 in internationalen Angelegenheiten? 

In Handels-, Entwicklungs- und Wirtschaftsfragen sind die G20 stark und unersetzlich. Im Sinne eines erweiterten Sicherheitsbegriffs sind die G20 damit auch ein entscheidender Faktor der globalen Ordnungs- und Sicherheitspolitik, weil Fragen des Klimaschutzes oder der Energie- und Ernährungssicherheit zunehmend zu Konflikten führen. Die G20 können frühzeitig präventiv wirken. Wo die Herausforderungen mehrere nationale Grenzen überschreiten – wie zum Beispiel bei Klimawandel, Cyber-Konflikten, Finanzkrisen oder unfreiwilligen Migrationen – ist der einzig wirksame Weg zur Erreichung nationaler Ziele die multilaterale Zusammenarbeit.  

Die US-Regierung hat am 10. Mai die Zölle auf chinesische Waren im Wert von 200 Milliarden US-Dollar angehoben, und als Folge dessen hat sich der chinesisch-amerikanische Handelskonflikt wieder verschärft. Wie beurteilen Sie Trumps Verhalten? Wie könnte sich der Handelskonflikt zwischen China und den USA auf die Weltwirtschaft auswirken? 

Protektionismus und Handelskonflikte sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Die meisten Güter und Dienstleistungen werden heute über Ländergrenzen hinweg produziert. Somit gleicht die Weltwirtschaft einer Fabrik, in der unterschiedliche Abteilungen zusammenarbeiten. Durch die Kooperation profitieren sowohl die Länder als auch die Menschen – wenn die Gebote des „recoupling“ beachtet werden. Die neuseeländische Regierung hat beispielsweise Wirtschaftswachstum und soziale Gerechtigkeit als gleichrangige Ziele verankert und dementsprechend ihre Budgetplanung geändert. Dagegen führen Handelskonflikte zu weniger Innovation, wachsender Armut und zu politischen Spannungen. 

Zu den nachteiligen Auswirkungen dieser Zölle gehört nicht nur, dass die Menschen letztendlich mehr für ihre Güter bezahlen müssen, sondern auch, dass viele Unternehmen Investitionspläne aufgrund von Unsicherheiten im Handel zunächst mal auf Eis legen. Zusätzlich sehen wir eine sinkende Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen in den USA und China, da Unternehmen und Verbraucher aufgrund der Zölle in beiden Ländern mit höheren Kosten konfrontiert sind. Ein eskalierender Handelskrieg würde auch die Wechselkursmärkte beeinflussen. 

Gegenwärtig scheint die Globalisierung ins Stocken geraten zu sein, und die Zahl der Globalisierungsgegner sowie der Handelsprotektionismus nehmen zu. Was halten Sie davon? Wie sollten China, Deutschland und die EU mit dieser Entwicklung umgehen? 

Globalisierung ist ein Fakt. Es geht also nicht um die Frage, ob man für oder gegen Globalisierung ist, sondern wie man sie gestaltet. Multilateralismus ist notwendig, wenn wir die großen Herausforderungen der Menschheit, wie Klimawandel und Digitalisierung, bewältigen wollen.  

Es ist überdies ein grundsätzliches Missverständnis, dass die Teilnahme am Multilateralismus gegen nationale Interessen verstoße. Viele Länder haben durch die Einbindung in multilaterale Strukturen erheblich mehr Handlungsspielraum gewonnen.  

Was sind die Gemeinsamkeiten zwischen China und Deutschland im Rahmen der G20? 

Sowohl China als auch Deutschland sind Länder, deren Wirtschaft stark vom Export abhängig ist. Im Rahmen der G20 haben beide ein gemeinsames Interesse daran, starke Grundlagen für einen regelbasierten Freihandel weltweit zu schaffen. Entscheidend wird sein, dass China, Deutschland und alle anderen G20-Mitglieder die soziale Frage in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellen. Denn nur so können der aufkeimende Nationalismus und die „me-first“-Bewegungen überwunden werden. 

Sie sind Gründer der Global Solutions Initiative. Könnten Sie diese Initiative bitte einmal vorstellen? 

Die Global Solutions Initiative (GSI) ist eine globale Initiative, die die G20 und andere internationale Institutionen durch forschungsbasierte Politikempfehlungen unterstützt. Beim Global Solutions Summit, der immer in der Mitte einer jeden G20-Präsidentschaft in Berlin stattfindet, treffen sich die führenden Wissenschaftler mit Vertretern aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, um an Lösungen für die drängenden globalen Herausforderungen zu arbeiten. Die Global Solutions Initiative will als globales öffentliches Gut einen zivilgesellschaftlichen Beitrag zu einem funktionierenden Multilateralismus leisten. 

Aus welchem Anlass wurde die Initiative gegründet? 

Die GSI wurde 2017 gegründet, während der deutschen G20-Präsidentschaft. Es fehlte an Kontinuität bei den G20 und es gab zu wenige Möglichkeiten, auf bestehenden Erfahrungen aufzubauen. Die Wissenschaftler und Think Tanks, die sich in den sogenannten T20 zusammengeschlossen hatten, bekamen durch die GSI eine bessere Struktur und können ihre Empfehlungen nun effektiver einbringen. Die Global Solutions Initiative entstand aus dem Wunsch heraus, den T20 ein institutionelles Rückgrat zu geben. 

Was ist das erfolgreichste Beispiel unter den bisherigen politischen Empfehlungen und strategischen Visionen der GSI? 

Es geht uns bei der GSI um drei Dinge: Erstens um die Einbeziehung der renommiertesten Wissenschaftler bei der Suche nach globalen Lösungen. Zweitens wollen wir über die einzelnen Wissensdisziplinen hinweg zusammenzuarbeiten und so die Erkenntnisse aus unterschiedlichen Forschungsbereichen zusammenführen. Und drittens sollten auch diejenigen einbezogen werden, die tagtäglich an praktischen Lösungen arbeiten, sei es in Politik, Zivilgesellschaft oder Wirtschaft. Dieser Dreiklang führt nicht nur zu besseren Problemlösungen, sondern steigert die Akzeptanz von multilateralen Ansätzen. Dabei ist es entscheidend, dass es uns wieder gelingt, den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt mit dem sozialen Fortschritt zu verknüpfen, „recoupling“ nennen wir das. Dieses „recoupling“ ist die Voraussetzung dafür, dass die internationale Kooperation von den Menschen als der bessere Weg anerkannt wird. 

Ein konkretes Beispiel aus den Empfehlungen für die digitale Wirtschaft war die Einführung von Krypto-Assets in die bestehenden Standards zur Bekämpfung der Geldwäsche und des Terrorismus. Eine weitere Empfehlung zur Zukunft der Arbeit war die Unterstützung beim Arbeitsplatzwechsel und die Verringerung der Gefälle zwischen Männern und Frauen, vor allem in den naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen. 

LINKS:

Adresse: BEIJING RUNDSCHAU Baiwanzhuanglu 24, 100037 Beijing, Volksrepublik China


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