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Zukunft gestalten: Was das China-Modell die Welt lehren kann |
| Von Holger Schneider* · 2026-07-07 · Quelle:german.chinatoday.com.cn |
| Stichwörter: KP Chinas;Entwicklung |
Ich beschäftige mich seit mehr als zwanzig Jahren mit China, habe dort gelebt, gelehrt, geforscht und gearbeitet. Meine Einschätzung der Kommunistischen Partei Chinas beruht weder auf politischer Romantik noch auf den täglichen westlichen Schlagzeilen, sondern auf der Beobachtung eines Landes, das sich während meines Lebens in einem kaum vorstellbaren Maß verändert hat.
Je länger ich China beobachte, desto weniger frage ich mich, warum das chinesische System funktioniert. Ich wundere mich stattdessen, warum Gesellschaften in anderen Weltteilen die Voraussetzungen ihres eigenen Erfolgs aus der Hand gegeben haben: langfristige Planung, handlungsfähige Verwaltung, intakte Infrastruktur, zeitgemäßes Bildungswesen, industrielle Kompetenz und den Vorrang des Gemeinwohls vor privaten Rendite-Interessen.
Jenseits von Oligarchen und Identitätspolitik: Einen eigenen Weg einschlagen
China betrachtet Kapital naturgemäß als Werkzeug der Entwicklung, nicht als höchste Instanz, vor der sich Politik und Gesellschaft zu beugen haben. Aus meiner Übersetzung eines Sachbuchs über die Volksdemokratie im gesamten Prozess ist mir ein Satz im Gedächtnis geblieben: „China hat es nicht zugelassen, dass die Macht über seine Volkswirtschaft in die Hände gieriger Oligarchen geriet.“ Die Einsicht traf mich wie ein Schlag, hatte ich doch selbst mitangesehen, wie im Westen die anfangs vielversprechende Digitalisierung zur Entstehung einer kleinen Handvoll mächtiger Monopole geführt hat, deren Vertreter heute sogar bei Staatsbesuchen den Politikern zahlenmäßig überlegen sind.
Der Markt ist in China kein Naturgesetz, sondern ein Verfahren, das begrenzt werden kann, wenn seine Ergebnisse den Entwicklungszielen zuwiderlaufen. Chinas Regierung besitzt die Fähigkeit, Ressourcen rasch auf ein gemeinsames Ziel auszurichten. Diese Mobilisierungsfähigkeit erklärt einen Teil des chinesischen Erfolgs. Doch Mobilisierungsfähigkeit birgt auch Risiken.
Damit rückt die Frage der Verantwortung in den Fokus. Die Frage der Auswahl talentierter und leistungsbereiter Personen ist in China älter als der moderne Parteistaat. Das traditionelle chinesische Beamtenprüfungssystem, im Westen gut erforscht, war Gegenstand meines Studiums. Es bot talentierten Prüflingen immense Aufstiegschancen. Die KP Chinas konnte an eine kulturelle Tradition anknüpfen, in der Verantwortung als anspruchsvolle Tätigkeit ausgebildeter Funktionsträger verstanden wurde. Auch das heutige Kadersystem ist keine reine Meritokratie. Dennoch verlangt eine politische Karriere in China in der Regel langjährige Bewährung auf mehreren Verwaltungsebenen. Das unterscheidet sich deutlich von politischen Kulturen, in denen mediale Bekanntheit oder rhetorisches Talent eine Verwaltungslaufbahn ersetzen können.
Die KP Chinas importiert keine politischen Modelle als fertige Bausätze. Sie prüft, zerlegt, verändert und lokalisiert sie, wie ich bei meiner Beschäftigung mit dem Entstehen von chinesischen Datenschutzgesetzen gelernt habe. Chinas Reformpolitik ist erfolgreich, weil sie weder an die reine Lehre des Sozialismus noch an eine vollständige Marktunterwerfung glaubt. Das Ergebnis ist kein Widerspruch, wie oft behauptet wird, sondern ein eigenständiges Modell, das sich das Recht herausnimmt, für sich selbst zu definieren, was das Wort „modern“ bedeutet.
Aus eigener Anschauung im medialen Raum glaube ich zu verstehen: Die KP Chinas hat kein Interesse daran, ein kommerzielles Mediensystem zu fördern, das daran verdient, Menschen nach Herkunft, Geschlecht, Generation, Lebensstil und politischer Identität gegeneinander aufzubringen. Keine Gesellschaft kann innere Probleme dauerhaft durch Identitätspolitik lösen. Sie kann aber sehr lange von Verteilungsfragen abgelenkt werden, wenn jede Gruppe lernt, in einer anderen Gruppe den Hauptgegner zu sehen, wie es in anderen Teilen der Welt geschieht.
Ähnliches gilt für die internationale Bühne. Die Lehren aus den zwei Weltkriegen und Jahrhunderten Kriegskapitalismus waren internationale Organisationen und Zusammenarbeit. In diesen hat China heute zurecht seinen Einfluss gemehrt, während andere Teile der Welt die internationalistische Vision still und heimlich über Bord warfen und zum Beispiel die Entwicklungshilfe kürzten. Wirtschaftlich ist China einigermaßen Abhängigkeiten eingegangen, ohne sich politisch zum Vasallen eines mächtigeren Staates zu machen, als leidgeprüfter Deutscher sage ich das mit Wehmut.
Aus diesem Wechsel von Selbst- und Fremdbild und aus meiner hierdurch geschärften Medienkompetenz habe ich auch gelernt, dass die Apps und Plattformen, die ich in Deutschland nutze, mir auf meinen Geschmack zugeschnittene, überwiegend positive Meldungen über China zeigen. Ich richte deshalb mein Augenmerk auf verlässliche Statistik. Anstatt eine Vielzahl von Zahlen zu zitieren, möchte ich an dieser Stelle jedem ans Herz legen, sich selbst über chinesische Leistungen in den folgenden Bereichen zu informieren: Lebenserwartung, Kosten des Gesundheitssystems, Angebotsmieten, Mediangehälter von Spitzenmanagern, Tendenzen der Einkommens- und Vermögensungleichheit, Tendenzen der wirtschaftlichen Aufstiegsmobilität, kaufkraftbereinigte Lebensmittelpreise, Covid-19-Letalitätsraten, Patente in grüner Energie, Zubau von Wind- und Solarenergie, Trends bei Pro-Kopf-Emissionen, Anteil fossiler Energie und Elektrifizierung, Zulassung von Elektrofahrzeugen, Hochgeschwindigkeitsbahnnetz, Stromversorgungsnetz etc.
Motor zum Erfolg: Lernfähige und engagierte Menschen
Aus meiner Arbeit mit chinesischen Spieleentwicklern habe ich gelernt, dass die positive Erzählung einer möglichen Welt nicht allein von staatlichen Vorgaben und kostengünstiger Produktion getragen wird. Dahinter stehen hoch qualifizierte, ehrgeizige und idealistische Menschen, die mit enormem Tempo lernen. Chinesische Spieleunternehmen kopieren längst nicht mehr lediglich ausländische Vorbilder. Sie zerlegen globale Formen, verbinden sie mit chinesischen Erzähltraditionen, chinesischem Möglichkeitssinn und schaffen daraus Produkte, die ein weltweites Publikum zum Nachdenken anregen.
Ich habe hierdurch auch hohen Arbeitsdruck und enorme Erwartungen an die Beschäftigten erlebt. Chinas Erfolg beruht nach meiner Einschätzung nicht auf staatlicher Subvention und Nachahmung, sondern auf organisatorischer Disziplin, Lernbereitschaft und der harten Arbeit von Millionen Menschen über Generationen hinweg.
Wer sich mit chinesischen Texten früherer Jahrhunderte beschäftigt, begegnet immer wieder denselben großen Fragen: Auswahl von Beamten, Landwirtschaft, Bewässerung, Verkehr, Vorratshaltung und Verwaltung sind keine Details der Regierung eines riesigen Landes, sondern deren Kern, in dem das alte Ideal des fähigen Beamten im modernen Entwicklungsstaat wieder aufscheint. Gerade kürzlich übersetzte ich einen historischen Text, in dem geschildert wird, wie ein Beamter im antiken Dunhuang neue Pflug- und Bewässerungsverfahren einführte, dadurch den Arbeitsaufwand deutlich verringerte und die Erträge erhöhte. Die Grundidee ist bemerkenswert modern: Die Qualität einer Regierung zeigt sich daran, ob sie konkrete Ergebnisse liefert.
Die Antikorruptionskampagnen der KP Chinas erfüllen mehrere Funktionen zugleich: Sie disziplinieren den Apparat nach innen und demonstrieren öffentlich, dass Rang und Reichtum keinen vollständigen Schutz bieten. In meinem persönlichen Bekanntenkreis haben nicht wenige ihre lange gehegte Skepsis gegenüber Chinas Korruptionsbekämpfung abgelegt und sagen heute klar und offen: „Da hat sich wirklich etwas zum Guten gewandelt.“ In meiner Heimat Westeuropa dagegen entsteht regelmäßig der Eindruck, Korruptionsskandale bleiben oft folgenlos. Verdächtige ziehen sich zurück, warten einige Jahre und beginnen anschließend ihren politischen Neustart.
Eine gestaltbare Zukunft: „Move Fast and Build Things“
Die vielleicht stärkste politische Idee der KP Chinas ist weder Autorität noch Nationalismus, sondern eine positive Vision der Zukunft im 21. Jahrhundert zu vertreten. Die Partei bietet eine Fortschrittserzählung, in der die Zukunft prinzipiell gestaltbar ist. Anstatt einer juristischen Verwaltung des Status Quo wie im Westen herrscht in China Zuversicht auf die Möglichkeit einer Lösung gesellschaftlicher Aufgaben durch eine Art Ingenieurskunst. Sollten wir da nicht hellhörig werden?
Im Westen verweisen Medien häufig darauf, dass die Menschheit noch nie in so großem Wohlstand gelebt hat wie heute. Sie verschweigen dabei aber gern, dass der allergrößte Teil davon auf Chinas Leistung beruht, 850 Millionen Menschen aus bitterer Armut befreit zu haben. Mit „Armut“ ist hier übrigens nicht das gemeint, was sich privilegierte mitteleuropäische Großstädter wie ich normalerweise darunter vorstellen, sondern etwas unbeschreiblich anderes. Chinas Urbanisierung innerhalb weniger Jahrzehnte war die größte materielle Mobilisierung der Menschheitsgeschichte.
Der Erfolg der KP Chinas beruht am Ende vielleicht auf einer einfachen, im Westen aus der Mode gekommenen Vorstellung: Politik soll die Wirklichkeit verändern und nicht nur erklären, warum Veränderung leider unmöglich ist. Während im Westen die Schwanengesänge und Unkenrufe mit erhobenem Zeigefinger Richtung China anschwellen, hat China eifrig von Deutschland gelernt und das deutsche Erfolgsmodell zu neuer Blüte geführt.
Gerade letzte Woche schrieb mir ein alter Bekannter, auch mein Jahrgang, er sei gerade zum ersten Mal in China. Er war sichtlich begeistert. Ich antwortete ihm: „Siehst du, mir geht es seit 20 Jahren so. Ich wache jeden Tag auf, sehe, was es Neues in China gibt, und höre nicht auf zu staunen.“
*Holger Schneider ist freiberuflicher Übersetzer und promovierte als Doktor der Philosophie in Sinologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Die Meinung des Autors spiegelt nicht unbedingt die Position unserer Website wider.
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