17-01-2012
Das Jahr des Drachens kommt!
Karriere am Kaiserhof
 

In China machte der Drachen im Windschatten des Kaisertums eine Karriere, die ihn weit über seinen Vetter in Europa hinaustrug: jahrhundertelang war er das unangefochtene Symbol des Kaisers. Der gelbe Drache mit fünf Klauen war allein dem Kaiser vorbehalten, Missbrauch wurde mit dem Tode bestraft. In der Verbotenen Stadt durfte ausschließlich der Kaiser den Drachenweg benutzen, eine mit Drachenreliefs verzierte Steinplatte im Zentrum der Treppen, die zu Palästen führen. Wie aber kam es zu der besonderen kaiserlichen Wertschätzung eines Fabeltiers?

Der Umweg zur Beantwortung dieser Frage führt über Theorien zur Entstehung von Religionen zur Wissenschaft von den Völkern. Im 20. Jahrhundert wurde in den Kulturwissenschaften zeitweilig ein großes Aufheben um ein Phänomen gemacht, das „Totemismus" genannt wurde. Damit bezeichnete man die angebliche Auffassung bestimmter "Naturvölker", von Tierarten abzustammen. Man glaubte dies aus dem Einsatz von Tierdarstellungen bei der rituellen Verehrung der Ahnen ablesen zu können. Auch bestanden bestimmte Meidungsgebote bezüglich des Verzehrs des Fleisches jener Tiere.

Sigmund Freud nutzte diese These in seiner berühmten Abhandlung "Totem und Tabu" für eine höchst phantasievolle Erklärung vom Ursprung der Religion und der Sozialordnung.

Der amerikanische Ethnologe Ralph Linton hat diesen Glauben an den Glauben an tierische Vorfahren bezweifelt. Er griff dabei auf persönliche Erfahrungen aus seiner Militärzeit im Ersten Weltkrieg zurück und argumentierte, dass die Verbindung zwischen dem angeblichen Tierahnen und seinem menschlichen Nachfahren der Macht der Symbole geschuldet sei: Am Anfang war nicht der Glaube an die Abstammung, sondern das mehr oder minder zufällig gewählte Symbol, unter dem sich eine Gruppe zusammenfindet. Der Name des Symbols geht auf die Gruppe und damit auf jedes einzelne ihrer Mitglieder über. Schon werden aus Leuten, die sich beispielsweise unter dem Emblem des Bären zusammenfinden, die "Bärenleute". Derartige Zuweisungen können leicht zur irrigen Einschätzung Außenstehender führen, dass die „Bärenleute" tatsächlich glaubten, Nachfahren eines mythischen Bären zu sein.

Weil der legendäre Gelbe Kaiser auf seiner Kleidung eine Schlange als Wappen getragen haben soll und bei der Unterwerfung anderer Völker deren Insignien in sein siegreiches Zeichen integriert habe, sei schließlich der Drachen als Mischwesen herausgekommen. Als „Nebenprodukt" erfolgte eine Übertragung à la Linton, weshalb Chinesen noch heute oft als Nachfahren des Drachen bezeichnet werden. Es gilt als erstrebenswert, seine Nachkommen in einem Drachenjahr auf die Welt zu bringen, damit aus ihnen ein lebenstüchtiges, kämpferisches Völkchen werden möge!

Allerdings gilt das vor allem für den männlichen Nachwuchs: 望子成龙, 望女成凤 (wàngzǐ chéng lóng wàngnǚ chéng fèng) Söhne wie Drachen, Töchter wie Phönixe, Kraft für die Söhne, Schönheit und Anmut für die Töchter. Drache und Phönix ergeben eine perfekte Kombination, wobei der Drache für das männliche Prinzip, der Phönix für das weibliche steht.