18-12-2009 Beijing Rundschau
Macau zehn Jahre nach der Übergabe an China: Die Bilanz ist positiv
von Zhang Juan

 

Die Einkommen sind gestiegen, die öffentliche Sicherheit ist besser, die Jobsuche ist leichter, die Regierung verteilt mehr Subventionen und will auch die Meinung der Bürger hören. Allerdings gibt es mehr Kasinos und die Wohnungspreise steigen," so fasst Cheng Bingkuan in aller Kürze die Veränderungen zusammen, die Macau in den zehn Jahre seit der Rückgabe an China erlebt hat. Der 59-jährige Busfahrer wohnt in einer Wohnung an der Meifujiang-Straße in Macau. Seine Frau Leung Tsu Kam ist Arbeiterin in einer Textilfabrik. 2004 war Chinas Staatspräsident Hu Jintao als Gast bei ihnen zu Hause. Das Foto von ihm und dem Ehepaar hängt an einem Ehrenplatz im Wohnzimmer.

Am erfreulichsten ist für Cheng, dass sein Sohn und seine Tochter bereits sehr gute Arbeitsstellen gefunden haben. Seine Tochter ist Lehrerin, sein Sohn absolvierte ein Universitätsstudium auf dem Festland und arbeitet nun im Justizdienst der Sonderverwaltungszone. „Früher war es gar nicht leicht für die Macauer, in die portugiesische Verwaltung einzutreten. Jetzt kann man ganz regulär durch Aufnahmeprüfungen Zutritt zum Staatsdienst erlangen," so Cheng.

Nach einer Umfrage unter der Einwohnerschaft von Macau im Dezember 2009 halten 82 Prozent der Macauer „Ein Land, zwei Systeme" für ein Erfolgsmodell. Ähnlich wie in Hongkong zwei Jahre zuvor, ist unter diesem Motto im Jahre 1999 den Bewohnern der Sonderverwaltungszonen zugesichert worden, dass sie auch nach der Rückgabe ihrer Städte an China an ihrem angestammten Gesellschafts- und Wirtschaftssystem werden festhalten können, zumindest für die nächsten fünfzig Jahre.

Die  aktivste Mikroökonomie

Sue Tin Ping, der Chef des Wirtschaftsamtes der Sonderverwaltungszone sagt, dass es vor der Rückgabe an China vier Jahre lang ein negatives Wirtschaftswachstum gegeben habe. Die Wirtschaft Macaus war stark von der Asienkrise in Mitleidenschaft gezogen. Ein Jahr nach der Rückgabe betrug das Wachstum des BIP dann bereits wieder 5,7 Prozent. Mit dem Ausbau der Glücksspielindustrie durch die Aufhebung des Monopols der Kasinos von Stanley Ho zum 31. Dezember 2001 und dem damit verbundenen Touristenboom hat sich die Wirtschaft der ehemaligen portugiesischen Kolonie so schnell entwickelt, dass die Wachstumsrate sich seitdem stets im zweistelligen Bereich bewegt. Seit 2006 legt die Regierung der Sonderverwaltungszone vor allem Wert auf eine Diversifikation der Wirtschaft. So soll die einseitige Abhängigkeit von der Vergnügungsindustrie langfristig überwunden und auch der Tourismus auf eine breitere Grundlage gestellt werden. Außerdem soll Macau Bedeutung als Handelszentrum erlangen. Derzeit ist neben Glücksspiel und Tourismus noch immer die Textilindustrie ein wichtiger Wirtschaftsbereich.  

Laut Statistik stieg von 1999 bis 2008 das Bruttoinlandsprodukt von Macau von 47,3 Milliarden Pataca (4,04 Mrd. EUR) auf 171,87 Milliarden Pataca (14,7 Mrd. EUR) das BIP  pro Kopf der Bevölkerung nahm von 9556 EUR auf  26 621 EUR zu. Die Finanzeinnahmen erhöhten sich von 16, 9 Milliarden Pataca (1,37 Mrd. EUR) auf 57,6 Milliarden Pataca (4,9 Mrd. EUR). Das durchschnittliche Monatseinkommen stieg von 4920 Pataca (420 EUR) auf 8500 Pataca (727 EUR), die Arbeitslosenquote sank von 6,5 Prozent auf 3 Prozent.

Macau hat eine Fläche von 29,6 Quadratkilometern und eine Bevölkerung von 540 000, es ist also eine Mikroökonomie. Auch zehn Jahre nach der Rückgabe ist Macau eine Mikroökonomie, aber die Zahlen haben sich enorm nach oben entwickelt", sagt Young Wing Chung, Direktor des Forschungszentrums „Ein Land, Zwei Systeme" beim Macau Polytechnic Institute. In den letzten Jahren war Macau unter allen Ökonomien der Welt – vor allem aber unter den Mikroökonomien – die dynamischste. Die Wirtschaft wächst rasch und anhaltend. Nach der Rückgabe an China ist Macau von einer ruhigen kleinen Stadt zu einer Stadt geworden, welche die Blicke der Welt auf sich zieht.

 Das glückliche Leben der Macauer

Mit den steigenden Finanzeinnahmen hat die Regierung die Investitionen in den Bereichen Bildung, Kultur und öffentliche Einrichtungen erhöht. Das Leben vieler Bürger hat sich deutlich verbessert, allerdings ist der Unterschied zwischen Arm und Reich heute viel ausgeprägter als unter den Portugiesen: der Gini-Koeffizient liegt bei 0,48. Dies ist eine alarmierende Zahl, die Unterschiede im Lebensstandard der einzelnen Bevölkerungsgruppen sind noch größer als auf dem chinesischen Festland. 

Die Regierung versucht diesem Ungleichgewicht durch ein ganzes Paket an Fördermaßnahmen beizukommen.

Die 18-jährige Chong Chingching besucht die dritte Klasse der Oberstufe der Macauer Schule für Arbeiterkinder. Ihr Traum ist, an die Peking Universität oder die Universität Lissabon zu gehen und nach dem Abschluss als Dolmetscherin und Übersetzerin zu arbeiten. Ihre Mitschülerin Tsang Yashi ist ein Kader in der Schülervereinigung. Sie will Journalismus studieren und Journalistin werden, Ho Pak Lam aus einer Familie, die viele Polizisten hervorgebracht hat, möchte an eine Uni in Australien gehen und dort Kriminalpsychologie studieren.

Tang, der Direktor der Macauer Schule für Arbeiterkinder erklärt, dass die Schule in den 50er Jahren gegründet wurde. „Unsere Schüler stammen meistens aus armen Familien und wollen fleißig lernen. Sie glauben fest daran, dass man durch Bildung sein Leben verbessern kann." In den letzten Jahren hat die Regierung der Sonderverwaltungszone die Pflichtschulzeit von neun auf fünfzehn Jahre erhöht und die Jugendliche durch Stipendien dazu ermuntert, die Universität zu besuchen. So können die Kinder sorglos lernen." 80 Prozent der Schüler an dieser Schule gehen später an die Universität.

Leung Tsu Kam, die Frau von Cheng Bingkuan, erhielt 2008 bereits 24 000 Pataca an Unterstützungsleistungen von der Regierung, „Mein Monatseinkommen in der Fabrik beträgt 2000 Pataca. Entsprechend den Regelungen der Regierung wird der Differenzbetrag zu einem Monatseinkommen von 4000 Pataca aufgestockt."

Leung Tsu Kam profitiert von der Regelung, dass die Regierung den Überschuss, den sie durch Abgaben aus der Glücksspielindustrie erwirtschaftet, geringverdienenden Bürgern in Form von Bargeld zukommen lässt.  Ab 2010 wird die Regierung für jeden Macauer dieser Kategorie ein Konto eröffnen, auf das die öffentliche Hand zunächst ein Guthaben von 10 000 Pataca einzahlen wird.

Die Regierung der Sonderverwaltungszone wird bei anhaltenden Überschüssen im Haushalt nach einem bestimmten Schlüssel auf jedes Konto weitere Gelder einzahlen, so dass jeder Macauer Bürger über 65 Jahren über zwei Renten verfügen kann, eine von der Regierung, die andere von den Unternehmen. So können die Leute im Alter besser leben," erklärt Tsui Shi Ann, der dritte Chefadministrator der Sonderverwaltungszone. Die neue Regierung will nach dem Amtsantritt „vor allem Wert auf die Verbesserung des Alltagslebens der einfachen Leute legen". Es gibt bereits ein vollständig ausgebautes Wohlfahrtssystem, das u.a. Zuschüsse zu Renten und Krankenversicherungen und Beihilfen für Alte und Behinderte vorsieht.

„Macauer verwalten Macau"

Als Edmund Ho Hau-wah, der Chefadministrator der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau, seine zehnjährige Amtszeit zusammenfasst, meint er, dass sein Team aus Verwaltungsleuten und er 1999 nicht nur bei „Null", sondern im Minusbereich angefangen hätten: „Vor der Rückkehr von Macau zum Vaterland waren die meisten Regierungsbeamten aus Portugal. Unmittelbar nach der Rückkehr mussten die einheimischen Beamten sofort auf ihren Arbeitsplätzen ihre Amtspflichten erfüllen. Viele jungen Beamte hatten noch gar keine Erfahrung hinsichtlich der Verwaltungsarbeit der Regierung sammeln können."

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