18-03-2010 Beijing Rundschau
Kabale, Liebe und die Kultur des Meininger Theaters
von Matthias Mersch

Wirkung bis in die Gegenwart

Konstantin S. Stanislawski, der russische Theatergründer und Schauspiellehrer, sah 1890 die Aufführungen der Meininger, die sich in jenem Jahr vier Monate lang in Russland aufhielten. Der Eindruck, den sie auf den damals erst 27-Jährigen ausübten, war nachhaltig. Seine Forderung an die Schauspielkunst wurde von dem Ideal geprägt, das er bei den Meiningern kennen lernte: der Schauspieler sollte nicht einfach in eine Rolle schlüpfen, sondern den Charakter mit dem Inhalt seiner eigenen Seele auffüllen, sich also in die Person verwandelt, die er auf der Bühne darstellen soll. Auch sei ein durchtrainierter Körper für das Abrufen von Emotionen im Schauspieler unerlässlich. Lee Strasberg in New York ist 1923 von einer Theateraufführung Stanislawskis so sehr beeindruckt, dass er das Konzept des Russen übernimmt und zum Method Acting als Mittel zur Identifikation des Schauspielers mit seiner Rolle weiterentwickelt. Die Kurse, die er in seinem Actors Studio anbietet, werden ab den 50er Jahren zur Grundlage der Schauspielkunst Hollywoods. Nur wenig überspitzt lässt sich also sagen, dass die Chinesen zwei Dinge, die ihnen besonders am Herzen liegen  – Schloss Neuschwanstein und Hollywoodfilme – zwei deutschen Fürsten des ausgehenden 19. Jahrhunderts verdanken: König Ludwig II. von Bayern und Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen.

 

Kunst als neue Religion

.„Wozu", fragte schon der junge Herzog, „ist die Kunst (da), wenn nicht, um den Menschen zu erheben. Mit dem Gemeinen erhebt man Niemanden." Das klingt natürlich sehr nach Schillers Idee von der Schaubühne als moralischer Anstalt, bei der ja ausdrücklich auch das unterhaltende Element nicht fehlen durfte. Und so steht es allen sichtbar auch heute noch als Widmung geschrieben im Giebel des Theatergebäudes zu Meiningen: "Georg II. Dem Volke zur Freude und Erhebung".

Ob man im gegenwärtigen Zeitalter der Seifenopern und Galaabenden im Fernsehen allzu sehr der "Freude" zuneigt und darüber die "Erhebung" leichtfertig in Vergessenheit geraten lässt, wird breit diskutiert. Mir scheint es jedenfalls plausibel, dass Schiller, wäre er ein Genosse unserer Zeit, als Autor von Fernsehspielen sein Auskommen fände: das Plakative, die große dramatische Geste sind auch heute noch gefragt, weniger auf dem Theater als bei Film und Fernsehen.

Aus Kostengründen, weil er sich sonst seine ehrgeizigen Theaterpläne nicht hätte leisten können, vernachlässigte Georg das Musiktheater, das unter seinem Vater und Theatergründer Bernhard II. noch in hohem Ansehen gestanden war. Wenigstens die Hofkapelle sollte jedoch in der sinfonischen Kunst mit Unterbrechungen bis in die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts auf Weltniveau geführt werden: Unter den Kapellmeistern im herzoglichen Dienst finden sich Hans von Bülow, der gefeierte Konzertpianist und Mitarbeiter von Richard Wagner (der ihm seine Frau Cosima - Tochter von Franz Liszt -  ausspannte), aber auch Johannes Brahms, Richard Strauss und Max Reger. Beweis für den außerordentlichen Rang, den die Arbeit der Meininger Hofmusiker für sich beanspruchen konnte.

Am 25. Juni 1914 starb Herzog Georg II. im Alter von 88 Jahren. Drei Tage nach dem Tod dieses Friedensfürsten wird das Attentat von Sarajewo verübt, das zum Auslöser des Ersten Weltkriegs wird. Am Ende dieses Krieges wird sich die Welt grundlegend gewandelt haben und nicht nur das Theater eine Revolution erleben.

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