18-03-2010 Beijing Rundschau
Kabale, Liebe und die Kultur des Meininger Theaters
von Matthias Mersch

 

Ungewöhnliches in Shanghai und Beijing vor der Jahreswende: insgesamt vier Mal war im November Schillers „Kabale und Liebe" in einer Produktion des Südthüringischen Staatstheaters Meiningen auf Bühnen in Chinas Hauptstadt Beijing und in der Wirtschaftsmetropole Shanghai zu Gast. Das „bürgerliche Trauerspiel" in der Inszenierung von Kerstin Jacobssen konnte sein Publikum begeistern, denn das Ensemble leistete Herausragendes in jeder Rolle des Schauspiels um Hofintrige und gesellschaftlich verfemter Liebe. Die Entourage der Regisseurin umfasste zwölf Personen auf und hinter der Bühne, und erwies sich als eine erstaunlich bewegliche und effiziente Theatertruppe: Dagmar Geppert als Louise Millerin, Peer Roggendorf als Ferdinand, Max Reimann als dessen Vater (Präsident von Walter), Matthias Herold als Hofmarschall von Kalb, Linda Sixt als Lady Milford, Roman Weltzien als Wurm, Reinhard Bock als Stadtmusikus Miller, der Vater von Louise, und Rosemarie Blumenstein als deren Mutter. Veranstaltet wurde die Minitournee vom Beijinger Kulturveranstalter Wu-Promotion. Die ausgezeichnete Organisation in Shanghai und Beijing schloss exakt eingeblendete „Untertitel" in chinesischer Sprache ein, so dass auch derjenige der Handlung folgen konnte, dessen Deutschkenntnisse nicht bühnenreif sind.

 

Schiller und Goethe

Wer war der größere Spruchbeutel: Goethe oder Schiller? Schillers Bühnenworte haben vielfach Eingang in die Alltagssprache gefunden, aber diese Entlehnungen stammen aus vergangenen Jahrzehnten und geraten allmählich aus der Mode. Heute ist Schiller wenig mehr als eine Schullektüre, die auf die Bühne gebracht wird, damit der Schüler noch erfährt, was ein Theaterstück sei. Seine Stücke sind Teil der Literaturgeschichte mit wenig Wirkung auf das Heute, auch wenn Marcel Reich-Ranicki nicht müde wird, ihn als den größten deutschen Dramatiker zu feiern. Man muss sich fragen, ob das Lesen der Werke Schillers den Zugang zur Literatur nicht eher erschwert als erleichtert. Als ich fünfzehn war, schrieb der Lehrplan als erste Schullektüre überhaupt Schillers „Wilhelm Tell" vor. Ich kann mir außer Klopstock keinen Autor denken, der einen jungen Menschen wirksamer von Literatur abschreckt als Schiller: hätte ich mir nicht selbst und aus freien Stücken schon vor dieser Deutschstunde Literatur als Freizeitvergnügen verordnet gehabt, so wäre aus mir ein Mensch ohne Bücher geworden. Das hätte mich zwar gegenüber den Zumutungen der Existenz schutzlos gemacht, auf die praktischen Seiten meiner Lebensführung aber vermutlich einen günstigen Einfluss ausgeübt.

Sein Drang zum Moralisieren, seine Schemata in der Darstellung der Adelswelt, die er als Anwalt der bürgerlichen Gesellschaft undifferenziert und stets in verleumderischer Absicht auf die Bühne stellt, sein fast gänzlicher Mangel an Humor, seine Unnachsichtigkeit im Verurteilen der adeligen und sein Pathos im Verherrlichen der bürgerlichen Lebenswelt, kurz: seine ewige Besserwisserei in Sachen Moral macht seine Stücke einerseits schwer genießbar, andererseits verleiht sie ihnen die Würze unfreiwilliger Komik.

Von ganz anderer Qualität ist Goethe, aber das hervorzuheben ist ungerecht, denn Goethe lebte fast doppelt so lange, konnte sich überdenken und neu erfinden über acht Jahrzehnte hinweg. Er konnte in Ruhe „vom Häuslichen ausgehen und sich über die Welt verbreiten". Nicht so Schiller, der unter Aufbieten aller körperlichen Kräfte in beeindruckender Disziplin eben nur das hervorbringen konnte, was ihm unmittelbar gegeben war, und mit 45 starb.

Und dann beider Nachleben: Goethe und Schiller galten nur scheinbar unterschiedlich verfassten Gesellschaften als tragende Säulen. Vorbildfunktion genoss das Gespann der „Dichterfürsten" im Kaiserreich, im Dritten Reich und in der DDR. Auch die Spießer der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft hätten sich mit Schiller auf den Lippen gemütlich hinter dem Ofen bzw. auf den Rängen des Theaters einrichten wollen, wenn ihnen die aufsässigen 68er durch ihr Theater der Grausamkeit nicht einen Wechsel in Wahrnehmung und Lebenspraxis aufgezwungen hätten.

 

Die Entscheidung der Regisseurin  

Nach einem Studium der Kunstgeschichte machte Kerstin Jacobssen eine Lehre als Theatermalerin, in Meiningen wirkt sie seit 2005 als Regisseurin und Bühnenbildnerin. So hat sie auch die Ausstattung für das kleine China-Gastspiel entworfen und damit unbewusst an die große Theatertradition angeknüpft, die mit dem Namen Meiningen verbunden ist.

Improvisationen und Textcollagen lehnt Kerstin Jacobssen ab, sagt sie im Gespräch mit der Beijing Rundschau: "Ich nehme einen Text, den ich auf die Bühne bringen möchte, ernst. Verrat ist das Gegenteil von Treue, und ich will ein Stück ja nicht verraten. In der Art und Weise wie ich es dann inszeniere, fühle ich mich absolut frei. Die Interpretation eines Stücks beginnt ja schon mit der Lektüre. Es gibt keine Objektivität. Jede Inszenierung ist Ausdeutung." Und, so ließe sich hinzufügen, radikale Kürzung. Denn, so die Regisseurin: "Würde man den ganzen Text von `Kabale und Liebe` sprechen und spielen lassen, dauerte der Theaterabend sechs Stunden!"

Das Bekenntnis der Regisseurin  entspricht übrigens voll und ganz der Tradition der Meininger: Inszenierung ausschließlich nach dem Originaltext, niemals nach Adaptionen. Der Text wurde stets gekürzt und die Strichfassung zur Premiere eines Stücks publiziert.

 

Der Regent als wegweisender Künstler

Das "Regietheater" - allerdings in einer anderen als der heute üblichen Bedeutung des Wortes - wurde in Meiningen geboren und ist das Werk eines Fürsten, Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen. Der war nicht nur ein Theaterbesessener, sondern auch ein begabter Zeichner, Bühnenbildner und Regisseur. "Regietheater" meinte damals Texttreue, Verzicht auf den Starkult einzelner Schauspielerpersönlichkeiten, Konzentration auf das wirksame Zusammenspiel des Ensembles, das dennoch aus "denkenden Künstlern" bestehen sollte, vielseitige Einsatzfähigkeit der Darsteller, ein naturalistisches Bühnenbild, in dem sich Massenszenen von hoher Suggestionskraft entfalteten. Der Regisseur stand im Zentrum des Systems, er allein war in der Lage, die Kunstgattungen Literatur, Malerei und Musik zu einem organischen Ganzen zusammenzuführen. Es gibt kaum eine Neuerung des modernen Theaters, die nicht auf das Experimentierlabor Meiningen zurückgeht: nach 2000 Jahren wurden hier zum ersten Male wieder griechische Tragödien zur Aufführung gebracht, die moderne Interpretation der Stücke Shakespeares sind ohne die Meininger nicht zu denken, die Gründung der Royal Shakespeare Company, die bis zum heutigen Tag die Stücke des Meisters in Großbritannien aufführt, geht unmittelbar auf den Einfluss der Meininger Theatertourneen zurück. Zwischen 1874 und 1891 führten die Meininger bei 81 Gastspielreisen ihre Stücke in 2 591 Vorstellungen in ganz Europas auf. Ungefähr zwei Millionen Besucher sahen die Inszenierungen, bei denen 6,5 Millionen Mark eingespielt worden sind. Das ist eine beachtliche Summe, vor allem wenn man bedenkt, dass Theater im Alltagsbetrieb einer Bühne auch im 19. Jahrhundert durchgehend subventioniert wurde. Manche Gastspiele konnten Gewinn abwerfen wie in Berlin, Breslau und in Russland. In London, Kopenhagen und Odense waren jedoch kaum die Selbstkosten gedeckt. Sämtliche Aufführungen gingen in deutscher Sprache über die Bühne, was dem enormen Interesse des Publikums keinen Abbruch tat. Eine für die Saison 1886/87 geplante Amerika-Tournee ist im letzten Moment geplatzt.

 

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