Ein großer gemütlich eingerichteter Raum - warmes Licht strahlt von der Decke oder unter urigen Lampenschirmen hervor. Es gibt mit Kissen versehene, kuschelige Sofaecken, mit Stoff verkleidete Kommoden, Holzbänke und eine Bar. Ebenfalls im Raum befindet sich ein einladendes, irgendwie orientalisch wirkendes Bett mit gepolsterten Armlehnen und einer Fußbank, das zum Verweilen einlädt. Es herrscht ausgelassene, aber entspannte Stimmung.
Am hinteren Ende des Raumes führt eine hölzerne Wendeltreppe hinauf auf eine Empore und in ein weiteres Stockwerk. Auf den Holzbänken sitzen vereinzelt einige Leute, sie haben Laptops vor sich stehen, oder aber sie unterhalten sich in Zweier- oder Dreiergruppen miteinander in gedämpfter Lautstärke. Gelegentlich werden Speisen, wie dampfendes Gemüse mit Reis oder Nudeln durch einen farblosen Kunststoffvorhang getragen, der den Raum nach außen gegen die Wärme schützt.
Zwei Leute stehen an der Bar, hinter ihr steht ein dritter. Auch sie unterhalten sich. Der eine beugt sich zu seinem Gegenüber und deutet auf den leuchtenden Display seines I-Pods, der gerade ein Lied abspielt. Dann lachen beide.
Ein kleiner Goldfisch zieht gelangweilt seine Runden in einer hohen, breiten und mit chinesischen Mustern bemalten Porzellanvase.
Wieder andere Leute sitzen in der Sofaecke mit einem Buch in der Hand oder etwas zum Schreiben. Es herrscht genau die Stimmung, die man sich von einem typischen Gemeinschaftsraum in einer Jugendherberge erhofft.
An einem kleinen Tisch neben der Eingangstür sitzt ein tschechisches Pärchen. Die Sofaecke im vorderen Teil des Raumes wird von einem Kanadier und seiner Freundin eingenommen. Vor ihren Laptops oder an der Bar sitzen einige Chinesen. Weiter hinten unterhalten sich zwei Engländer mit einer Chinesin. Ein Australier blättert in seinem Reiseführer. Ein Chinese setzt sich zu ihm und zeigt mit dem Finger auf eine Stelle auf der Landkarte.
Zwei Deutsche probieren das komische, große Sitzbett aus. Danach bestellen sie Pizza und Lasagne. Zwei Chinesinnen, die sich dazugesetzt haben, mustern das Essen misstrauisch, aber mit einem Lächeln. Es kommt zu einem Gespräch zwischen den Vieren – auf Englisch. Es geht um Kultur und Tradition. Der eine Deutsche winkt ab und schüttelt den Kopf. Tradition gibt es in Deutschland kaum noch. Gab es sie überhaupt mal?
Feiertage wie Weihnachten und Ostern sind christlichen Ursprungs, wobei es jedoch auch außerchristliche Parallelen gibt, die auf eine Verschmelzung germanischer, keltischer und christlicher Riten verweisen. Ansonsten beschränken sich die deutsche Kultur und Tradition auf das Fest zum Jahresbeginn, Volksfeste mit Marktständen, Essensbuden, Bierzelten und Fahrgeschäften, auf Familienfeste wie Geburtstag und Hochzeit und vielleicht noch Feste entsprechend der jeweiligen Jahreszeit, z.B. das Frühlings- oder Herbstfest. Sicherlich vermitteln auch in Deutschland Bräuche und Traditionen das Gefühl von Verwurzelung und Heimat, da sie den Menschen Halt bieten in einem immer schneller werdenden und sich verändernden Alltag.
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