21-10-2011
Made in China
Dilemma der mittelständischen Unternehmen in Wenzhou
von Lan Xinzhen

Wegen verschärfter Kreditrichtlinien in die unternehmerische Schieflage geraten, fliehen viele Geschäftsleute aus Wenzhou unter Hinterlassung von Schulden. Wenzhou, die Wiege der Privatwirtschaft in China, gerät in die Krise

Krise der KMU in Wenzhou: Die Stromrechnung konnte nicht bezahlt werden, so arbeiten die Angestellten in einem Unternehmen in der Gemeinde Hongqiao in der Stadt Wenzhou in Handarbeit.

 

Privatunternehmen Zhenhua Stahl Gmbh. in Wenzhou

 

Hu Fulin ist Chinas führender Hersteller von Brillen. Die Sonnenbrillen seines Unternehmens Center Group sind Verkaufsschlager im In- und Ausland, niemand exportiert mehr Brillen als Hu Fulin. Eine USA-Reise des Unternehmers hat kürzlich in Wenzhou, dem Sitz der Firma, eine Panik ausgelöst.

Nach seiner Abreise am 20. September wurde in einem Forum der Webseite der Stadt Wenzhou die Nachricht verbreitet, dass Hu wegen geplatzter Kredite in die USA geflohen sei. Die Öffentlichkeit reagierte überrascht, denn zuvor hatte es keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gegeben, das Unternehmen schien kerngesund zu sein und ganz normal zu laufen. Am 21. September aber stürmten Angestellte und Gläubiger ins Verwaltungsgebäude der Center Group, um Gehälter und Außenstände einzufordern. Die Polizei kam zum Einsatz. Am 25. September sprang dann die Verwaltungskommission des Ouhai-Hi-Tech-Parks ein, in dem Center Goup liegt. Sie verteilte rund neun Millionen Yuan, mit denen die Löhne und Gehälter für August und September gezahlt werden konnten.

Am 10. Oktober kam Hu Fulin nach Wenzhou zurück und erklärte: "Es gab einige Probleme mit dem Cash flow. Deshalb bin ich in die USA gegangen, um dort Hilfe von Freunden zu erbitten. Außerdem wollte ich mich mit einigen Kunden in den USA über deren Außenstände verständigen, um das Geld für ausgelieferte Waren einzufordern." Dennoch halten sich hartnäckig Gerüchte, wonach Hu Fulin von der Partei überredet werden musste, nach Wenzhou zurückzukehren.

Gleichgültig ob er freiwillig nach Wenzhou zurückkam oder nicht, der Vorfall macht deutlich, dass derzeit viele Unternehmen in Wenzhou, der Wiege der Privatwirtschaft in China, an Kapitalmangel leiden und dadurch in Schwierigkeiten stecken.

 

Krise der klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU)

Vor Hu Fulin haben bereits etliche Unternehmer die Flucht ins Ausland angetreten. Da deren Firmen in der Regel aber nicht sehr groß waren, hielt sich der Schaden bislang in Grenzen. Die Häufung der Fälle macht nun allerdings Angst: Nach der Webseite der Nachrichtenagentur Xinhua waren von April bis September mehr als 90 Unternehmen aus Wenzhou entweder Pleite gegangen, oder ihre Chefs hatten sich ins Ausland abgesetzt. Allein im September gab es 26 Fälle. Vorstände und Geschäftsführer traten die Flucht an, da sie nicht mehr in ausreichendem Umfang Kredite erhielten. Vom 22. September bis 27. September begingen zwei Firmeninhaber wegen Überschuldung Selbstmord, ein dritter überlebte den Suizidversuch schwerverletzt.      

Die meisten Unternehmen in Wenzhou sind vom Export abhängig. Da der Renminbi in diesem Jahr relativ schnell gegenüber Euro und Dollar an Wert gewann, der internationale Absatzmarkt schrumpfte und die Kosten für Arbeitskraft und Rohmaterial wegen der Inflation in China stiegen, schreiben die meisten Unternehmen rote Zahlen.

Zhang Zhenyu, Direktor des Finanzamtes der Stadt Wenzhou, sagte am 29. September, dass das, was früher ein Einzelfall war – der Bankrott einer Firma – sich in Wenzhou jetzt laufend ereigne. Bei zahlreichen kleinen und mittelständischen Unternehmen wird das Geld immer knapper und die Pleite eines Unternehmers kann eine ganze Kettenreaktion auslösen.

„Die Privatunternehmer verstricken sich in ein immer engeres Netz von Schulden", sagt Luo Chongwei, der Direktor des Forschungszentrums für kleine und mittelständische Unternehmen bei der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften.

 

Die Ursachen

Center Group verfügte bei den Banken über eine erstklassige Bonität.

Hu erzählt davon, dass ihm früher die Direktoren mehrerer Banken Geschenke zum  Frühlingsfest überreichten, ihn zum Essen einluden und ihm neue Kredite förmlich aufdrängten. Dies erleichterte seinen Plan, im Bereich neue Energien zu investieren.

Seit Ende 2008 arbeitete Hu Fulin mit der Wenzhou Zhonggui Science and Technology Co. Ltd. zusammen, es ging um Investitionen in die Photovoltaik-Industrie.

Nach Angaben auf der Webseite der Center-Group wird die Produktion bis Ende 2011 voraussichtlich 600 Megawatt erreichen, die Jahresproduktion soll einen  Wert  von sieben Milliarden Yuan erreichen. Center Group hat rund 700 Millionen Yuan in die Photovoltaikindustrie investiert. Aber auch nach drei Jahren haben die Produkte noch keinen Gewinn abgeworfen.

 „In den vergangenen zwei Jahren hat der Bereich Solarenergie große Kapitalmengen angezogen, so dass ein Überhang an Produktionskapazitäten entstanden ist", sagt Yi Xiuxin, Abteilungsdirektor bei der Verwaltungskommission des Ouhai-Hi-Tech-Parks. Mit der Verschärfung der Staatsschuldenkrise in Europa und einer globalen Wirtschaft in der Rezession stellte die Regierung die Subventionen für die Branche ein. Der Fehlschlag im Photovoltaik-Geschäft machte die Rückzahlung der Kredite für Hu zu einem Alptraum.

In diesem Jahr hat die Regierung die Ausgabe von Bankkrediten stark eingeschränkt, Hu musste sich Geld von privaten Kreditgebern zu einem hohen Zinssatz holen.

Nach Hus Abreise in die USA beauftragte die Center Group ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen mit dem Kassensturz. Das Ergebnis: die Center Group sitzt auf einem Schuldenberg von 1,3 Milliarden Yuan! Davon fordern private Kreditgeber zwischen 300 Millionen und 400 Millionen Yuan, 60 Millionen Yuan mahnen Lieferanten als Außenstände an, die restlichen 800 bis 900 Millionen Yuan sind Bankkredite.

Der stellvertretende Direktor der Verwaltungskommission des Ouhai-Hi-Tech-Parks erklärt, dass die Group ein überfälliges Darlehen in Höhe von 14 Millionen Yuan nicht zurückzahlen konnte, der Cashflow ist also zusammengebrochen.

In Wenzhou stehen viele Unternehmen, vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, vor ähnlichen finanziellen Problemen. Aus Mangel an Hypotheken und anderen Sicherheiten können sie keine ausreichend großen Kredite von Geschäftsbanken erhalten und müssen sich Geld von privaten Kreditgebern zu Wucherzinsen leihen. Vor dem Hintergrund der makroökonomischen Steuerung und der eingeschränkten Ausgabe von Bankkrediten hat derzeit die Kreditvergabe durch Privatleute alle Rekorde gebrochen. In der ersten Hälfte dieses Jahres soll sich die Gesamtsumme auf  48,55 Milliarden Yuan belaufen, die sich zu Zinssätzen rentieren, die erheblich über denen der Geschäftsbanken liegen.

 

Rettung durch Regierung

Die Bedrängnis der KMU in Wenzhou hat sogar die Aufmerksamkeit der Zentralregierung auf sich gezogen. Am 4. Oktober hat Ministerpräsident Wen Jiabao eine Sitzung in Wenzhou abgehalten, um Berichte der Regierung der Provinz Zhejiang und der Stadt Wenzhou anzuhören.

Anschließend hat die Provinzregierung am 7. Oktober angeordnet, dass Behördenvertreter in die Unternehmen gehen, um deren Probleme zu lösen, und zu verhindern, dass noch mehr KMU in Zahlungsschwierigkeiten geraten. 

Die Stadtregierung hat ebenfalls eine Reihe von Maßnahmen ergriffen. Am 27. September wurde in Wenzhou eine Führungsgruppe für die Regelung der privaten Kreditvergabe und Förderung der wirtschaftlichen Transformation gegründet. Die Wenzhouer Stadtverwaltung schickte 25 Arbeitsgruppen in die 25 in der Stadt vertretenen Geschäftsbanken, um die Vergabe von Krediten an KMU zu koordinieren. Einige Banken stellten niedrigere Zinssätze in Aussicht und sicherten zu, nicht aus der Kreditvergabe auszusteigen. Am 9. Oktober wurde dann ein Fonds in Höhe von 200 Millionen Yuan für die Sicherstellung des Cash Flows der KMU eingerichtet. Der Verband für die Förderung der KMU wird einen ähnlichen Fonds bereitstellen, der mit 900 Millionen Yuan ausgestattet ist.

Am 12. Oktober hat Ministerpräsident Wen Jiabao eine Sitzung des Staatsrates abgehalten, bei der es um eine verstärkte finanzielle Unterstützung von Klein- und Kleinstunternehmen ging. Der Staatsrat forderte die Geschäftsbanken dazu auf, vermehrt Darlehen für Klein- und Mikrounternehmen auszuhändigen, vor allem für Unternehmen mit einer Kreditgrenze von unter fünf Millionen Yuan.

Neuesten Meldungen zufolge hat die Center Group am 20. Oktober die Produktion wieder aufgenommen, über tausend Angestellte kehrten an ihren Arbeitsplatz zurück.