14-09-2011
Made in China
Groupon-Nachahmer: Neugierige Katzen verbrennen sich die Tatzen
von Hu Yue

Gaopeng.com, ein Joint-venture zwischen Groupon und Chinas Internetgigant Tecent, hat mehr als 400 Angestellte entlassen und dreizehn Zweigstellen geschlossen.

Nach einem Jahr rücksichtsloser Expansion stehen Chinas Webseiten für Gruppenkauf vor großen Problemen.

Gaopeng.com, ein Joint-Venture zwischen Groupon und Chinas Internetgigant Tecent, hat mehr als 400 Angestellte entlassen und dreizehn lokale Zweigstellen geschlossen. Beim Start der Webseite vor einigen Monaten hatte das ehrgeizige Unternehmen noch getönt, zur beherrschenden Kraft auf dem Markt für Online-Gruppenkauf werden zu wollen. Durch aggressive Abwerbung von Mitarbeitern aus den Reihen seiner Konkurrenten wurde das Unternehmen allgemein bekannt.

Bei Tuan900 hingegen schlug ein Skandal hohe Wellen: der Chef hatte sich mit Kundengeldern in Höhe von 2,4 Milllionen Yuan (275 000 EUR) aus dem Staub gemacht. Das Unternehmen ging pleite.

Gaopengs Erfahrung der Grenzen des Wachstums wird wahrscheinlich einen Dominoeffekt auslösen, und viele der Gruppenkaufseiten überall im Lande in die Tiefe reißen. Beobachter gehen davon aus, dass die Umstrukturierung der Branche bereits in vollem Gange ist. Die kleinen Unternehmen werden aus dem Markt gedrängt.

Wang Huiwen, die Vize-Präsidentin von Meituan.com, sagt, dass die Blase kurz vor dem Platzen steht. „Der Verlust von Arbeitsplätzen ist programmiert, große und kleine Player der Branche werden davon betroffen sein", sagt sie, „der Winter ist für uns bereits gekommen, und die Temperaturen werden unter den Gefrierpunkt rutschen."

Hu Yanping, Generaldirektor des Meinungsforschungsinstituts Data Center of China Internet in Beijing, sagt, die Entlassungen sollten der Branche als Warnsignal dienen, um blindwütige Expansion zu vermeiden und stattdessen Wert auf Service und Produktqualität zu legen.

Nach den USA ist China der größte Markt für Anbieter von Webseiten zum Gruppenkauf. Viele imitieren das Erfolgsmodell von Groupon. Die Groupon, Inc. ist ein amerikanisches Unternehmen, das diverse Webseiten mit Rabatt-Angeboten betreibt. Groupon bietet jeden Tag einen bestimmten Rabatt an, wenn sich genügend Interessenten zum Gruppenkauf zusammenfinden, erhält Groupon eine Provision. Die Angebote gelten jeweils für eine Stadt oder Region.

 

Groß aber nicht stark

In der Branche versuchten Tausende von Webseiten, ihr Stück vom Kuchen zu bekommen. Natürlich ist der neu entstehende Markt eine Goldgrube, da zahlreiche chinesische Kunden in Gruppen auf  Schnäppchenjagd gehen. In einem breiten Konsumsegment winken teils erhebliche Preisnachlässe: von Kosmetika bis zur Mitgliedschaft in einem Fitnessklub. 

Niedrige Entscheidungsschwelle und ein einfaches Geschäftmodell sind die Ursachen für den kollektiven Kaufrausch im Netz. Den Betreibern wird der Start ins Geschäft leicht gemacht:  Software für den Entwurf einer Webseite ähnlich der von Groupon, ein paar Techniker plus Marketing-Mitarbeiter und rund 2000 Yuan (230 EUR) -- das ist alles, was zum Start einer Gruppenkaufwebseite benötigt wird.

Nach Angaben der Internetsuchmaschine Goutuan.net gab es am 28. August 2011 in China 5595 Gruppenkaufwebseiten. Im Jahr 2010 waren es „nur" 2612 gewesen. Der Umsatz der Branche betrug in der ersten Hälfte dieses Jahres 6,058 Milliarden Yuan (695 Millionen EUR); im ganzen Jahr 2010 waren es nur 2,4 Milliarden Yuan (275 Millionen EUR) gewesen. Mit einem Anteil von 19 Prozent ist Lashou.com Marktführer, gefolgt von Meituan.com mit 17 Prozent und Manzuo.com mit 16 Prozent.

Der Umsatzboom aber täuscht, denn die Zukunft der Branche wird von einer Reihe von Problemen überschattet, zu denen auch der Auftritt von kleineren Webseiten zählt, die mit mehr oder weniger ehrlichen Mitteln versuchen, Kunden zu gewinnen. Zu den gängigen Tricks zählen enorme Rabatte für deutlich überteuerte Produkte und Fälschungen der Zahl der Kaufinteressierten, um noch weitere Kunden anzulocken.

Goutuan.net habe allein im Juni  911 Beschwerden über Gruppenkaufwebseiten erhalten. Am häufigsten seien Klagen über gefälschte oder minderwertige Produkte, Lieferverzögerungen und Betrügereien. Der Anbieter Gaopeng.com musste etwa die Manipulation eines Gewinnspiels zugeben. Am 4. Mai versprach Gaopeng denjenigen Besuchern seines Mikroblogs, die Beiträge weiterleiteten, die Teilnahme an der Verlosung eines iPhone 4. Über 110 000 Leute nahmen an dem Preisausschreiben teil. Als Gewinnerin stellte sich jedoch schließlich eine Angestellte von Gaopeng heraus.

„Das Chaos auf dem Markt ist durch einen Mangel an Regulierung und Aufsicht von Seiten der Regierung verschuldet," sagt Xue Shengwen, ein hochrangiger Forscher beim Think-Tank CIConsulting in Shenzhen, „Die Unternehmen sollten soziale Verantwortung übernehmen und ihr Augenmerk auf die Qualität ihrer Dienstleistungen und Innovationen richten."

 

Warnhinweis

Die starke Konkurrenz führte auf dem überfüllten Markt zu einem erbitterten Preiskampf. Viele kapitalkräftige Mitbewerber warfen Millionenbeträge in Expansion, Werbung, Rekrutierung von Mitarbeitern und die Schaffung preisgünstiger Angebote.

„Konkurrenzkampf und steigende Betriebskosten haben die Gewinnspanne auf fünf Prozent gedrückt. Ende 2010 konnte man noch zwischen 15 und 18 Prozent generieren," sagt Lin Maodong, CEO von 55tuan.com. „Ganz anders sieht es beim Ahnherren der Branche aus. Groupon.com meldet eine Marge von 35 Prozent."

Wie seine chinesischen Mitbewerber ist zwar auch Groupon nicht immun gegen Konkurrenz, denn sein Modell kann leicht von anderen nachgeahmt werden, aber das amerikanisches Unternehmen hat im  ersten Quartal 2011 immerhin einen Bruttogewinn in Höhe von 270 Millionen Yuan (31 Millionen EUR) erwirtschaftet.

Während chinesische Webseiten nur Provisionen von weniger als zehn Prozent einstecken, erhält Groupon normalerweise zwischen 30 bis 50 Prozent der Einnahmen aus den Transaktionen. Für Dienstleister und Produzenten geht die Rechnung dennoch auf, denn Groupon verfügt über eine solide Basis an Kunden und setzt zielorientierte Marketingstrategien ein.

Mit dem steigenden Bedarf an finanziellen Mitteln kämpfen die Webseiten darum, Risikokapital an sich zu ziehen. Kürzlich gab Meituan.com bekannt, bei einer Reihe von Investoren, unter ihnen Alibaba, Northern Light Venture Capital und Sequoia Capital, insgesamt 50 Millionen Yuan (5,7 Millionen EUR) akquiriert zu haben.

„Aber viele Webseiten haben Probleme, neue Kredite zu bekommen, da Investoren allmählich ihr Interesse an einem gerade noch boomenden Markt verlieren", sagt Wu Xuefei, Analyst beim China e-Business Research Center. „Dies wird die Lage kleiner Unternehmen verschlimmern und die Umstrukturierung der Branche beschleunigen."

 

Perspektiven

Wang Xing, CEO von Meituan.com, meint, dass nur drei bis fünf große Webseiten die Krise überwinden können. Die Mehrzahl der kleinen Unternehmen wird verschwinden. Wang setzt auf die Neuausrichtung des Marktes: „Die zersplitterte Branche wird sich konsolidieren und zu gesunden Strukturen finden."

Auch Shen Boyang, CEO von Nuomi.com, signalisiert Zuversicht: „In Zukunft wird es auf dem Markt ein Paar große Webseiten und einige wenige kleine geben, die sich auf bestimmte Städte oder Geschäftbereiche beschränken."

So hat sich etwa Nvxietuan.com bereits auf das Anbieten von Damenschuhen spezialisiert, während Jumei.com auf dem Kosmetikmarkt Fuß gefasst hat.  

Trotz der eingetrübten Konjunkturaussichten glauben Insider noch an das große Wachstumspotential der Branche. Auf die Begeisterung der Chinesen für Schnäppchen und das ungebremste Wachstum des Internetmarktes sei noch immer Verlass gewesen, so die einhellige Meinung.

„Nach dem Überwinden der Abkühlungsphase wird der Markt durch die Kraft der Nachfrage eine neue Blüte erreichen", meint Ren Chunlei, CEO von Groupon.cn.

Wu Bo, CEO von Lashou.com, sagt: „Die Branche hat maßgeblich zu Innovationen auf dem Gebiet der Internetpräsentation beigetragen. Die Kundenbindung ist gestärkt und die Produktpräsentation professionalisiert worden. Mundpropaganda dank Zufriedenheit der Kunden ist und bleibt der Schlüssel zum Ausbau des Marktes und zur Gewinnung einer größeren Zahl von Stammkunden."

Wu Xuefei, Analytiker beim China e-Business Research Center, ergänzt den vorsichtigen Optimismus, der unter den Großen der Branche herrscht, mit einem Ruf nach effektiver Marktaufsicht: „Es ist dringend erforderlich, dass die Regierung Maßnahmen zum Schutz der Verbraucherinteressen ergreift."