
China kann zu Recht stolz darauf sein, sich "Heimat des Tees" nennen zu dürfen. Erst kürzlich konnte man Indien nach einem einhundertjährigen Kopf-an-Kopf-Rennen den Titel als führende Teetrinker-Nation wieder abringen. Nirgends gibt es mehr Teetrinker und Teeproduzenten als in China. Tee ist weltweit das beliebteste Getränk.
Doch eines erregt die Gemüter von Liebhabern der Camellia sinensis: dass es niemanden zu geben scheint, der in der Lage ist, eine national und international anerkannte und erfolgreiche Tee-Marke aus China zu etablieren. Der lokale Marktführer in Sachen Tee ist Unilevers Marke "Lipton" - der Marktanteil des Produkts ist dreimal so groß wie der des erfolgreichsten chinesischen Rivalen. "Wie kann die Marke Lipton stärker sein als das, was 70 000 Tee-Produzenten in diesem Land herstellen?", fragte jüngst der Autor eines Kommentars in einer Beijinger Tageszeitung.
Die Herausforderungen, denen sich Chinas Tee-Industrie stellen muss, gleichen denen von fast jeder Branche hier: Qualitätsprobleme, harter lokaler Konkurrenzkampf, niedrige Preise und schmale Margen im Ausland. Ein schwaches Markenbild. Der Grund all jener Probleme ist schnell auszumachen, es ist die extreme Zersplitterung des Marktes. Es beginnt auf den Tee-Plantagen, die sich über ganz West-, Zentral- und Süd-China erstrecken. Rund acht Millionen Bauern arbeiten auf vielen kleinen Parzellen. Die Zusammenlegung zu größeren Plantagen ist zwar gestartet, aber geht nur stockend voran.
Dadurch ist die Tee-Industrie nur kümmerlich entwickelt. In Zhejiang, einer der größten und reichsten Tee-Provinzen Chinas, gibt es über eine Million kleinste Anbaugebiete mit jeweils weniger als 0,2 Hektar. Da ist es schwierig, die Qualität zu sichern. Lokalen Produzenten ist es oft nur schwer möglich, Qualitäts- und Sicherheitsstandards aus dem Ausland gerecht zu werden. Der chinesische Teepreis auf dem Weltmarkt liegt bei gerade mal zwei US-Dollar pro Kilogramm; für Tee aus Indien bezahlt man rund 2,70 Dollar, aus Sri Lanka 3,40 Dollar.
Ohne eine Konsolidierung der Plantagen und Hersteller wird es auf Dauer schwer für chinesische Exportfirmen, gute Preise im internationalen Handel zu erzielen. Und auch vor der Haustür warten scharfer Konkurrenzkampf zwischen Tausenden von Produzenten, kümmerlichen Marktanteilen und geringen Gewinnen. Seit jeher wird Tee in China eher nach Typ und Herkunft verkauft als unter einer Dachmarke, und jede Region hat ihre eigenen Geschmacksrichtungen. Auf der anderen Seite gibt es die Großkonzerne. Unilever beispielsweise versteht es, seiner führenden Tee-Marke Lipton durch große Marketingkampagnen und ein ausgeklügeltes Distributionsnetzwerk zum Erfolg zu verhelfen. Das Unternehmen kauft billigen Tee von unabhängigen Produzenten, verpackt ihn in Beuteln, und baut darauf sein ziemlich unspektakulär schmeckendes "Yellow Label" auf, nicht ohne dem Produkt einen deutlichen Preisaufschlag verpasst zu haben, ein hervorragendes Geschäft allemal.
Auf Chinas zersplittertem Markt hat es keine lokale Marke geschafft, Lipton von seinem hohen Ross zu stoßen. Chinesische Produzenten setzen auf die Nische und versuchen, "Organic Tea" zu verkaufen. Ein lukratives Geschäft im In- und Ausland. Zum Beispiel für die Hunan Tea Company mit Sitz in den Weißen-Wolken-Bergen in der südchinesischen Provinz Hunan, wo das warme, feuchte Klima und der rötlich-braune Boden perfekte Bedingungen für die anspruchsvollen Tee-Pflanzen bieten. Hinter einem Koniferenhain stehen sie, und neben ihnen eine Pinnwand, an die einige Grundregeln für die Teepflücker geheftet sind. Lange Fingernägel sind nicht erlaubt, das Gesicht darf nicht gepudert werden und rauchen ist erst recht verboten. Statt auf Pestizide setzt man hier auf elektrische Insektenfallen um Parasiten fernzuhalten, und wenn die jungen Blätter der Pflanzen im nächsten Frühjahr gepflückt werden, gehen sie an zahlungskräftige Liebhaber in Asien.
Ein Teil nach Japan als "Organic Tea" unter dem Label "Kaito Brothers", ein Teil nach China, genannt "Guanyuan". 100 US-Dollar für zwei Boxen à zehn Gramm Tee. Wohlhabende Teetrinker werden dann Hunderte Dollar aufbringen, um Tee aus den besten, jüngsten Blättern zu beißen, wie westliche Genießer einen guten Wein. Doch spezielle Nischenprodukte werden China in Sachen Tee nicht die Anerkennung bringen, die es sich wünscht. Trotz der historischen Rolle des Landes als welt-ältester Tee-Produzent hat China zu spät angefangen, ein Geschäft darum aufzubauen. Erst durch die Zusammenlegung von Feldern und Produzenten, besseres Branding und gesammelte Expertise können die lokalen Tee-Produzenten den wahren Wert ihrer Produkte nicht nur geschmacklich, sondern auch finanziell ausschöpfen. |