Wer das kreative Zentrum Beijings kennen lernen will, der sollte sich aufmachen in den Nordosten der Stadt: 798 heißt das ehemalige Fabrikgelände, in dem die Künstlerdichte mindestens genauso hoch ist wie im Pariser Montmartre. Jenseits der vierten Ringstrasse gelegen, ist die Anreise vom Stadtzentrum zum Dashanzi Art District recht langwierig, aber lohnenswert. Von der U-Bahn Haltestelle Wangjingxi West führt die Buslinie 445 zur Haltestelle Wang Ye Fen direkt bis vor die Tür.
Je nachdem von welcher Seite man sich nähert, kann die Kunstzone durch verschiedene Eingänge betreten werden, die alle mit einer markanten roten 798 gekennzeichnet sind. Die Zahl gibt dem gesamten Kreativbezirk seinen Namen und geht zurück auf die Bezeichnung für einen auf dem Gelände seit 1957 ansässigen Fabrikkomplex des Militärs zur Herstellung elektronischer Bauteile. Nach dem Entwurf von Architekten aus der DDR im Bauhausstil errichtet, galt die Produktionsstätte jahrzehntelang als Musterbetrieb, der allerdings den sich verändernden Verhältnissen der beginnenden Reform- und Öffnungspolitik in den 80er Jahren nicht standhalten konnte und schließen musste.
Mitte der neunziger Jahre begann ein langsamer Wandel in dem weitläufigen Gelände. Die Beijinger Kunstakademie war 1995 auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten. Die stillgelegten Fabrikgebäude außerhalb des Stadtzentrums kamen da gerade recht und wurden als Arbeitsräume angemietet. Mit Beginn des neuen Jahrtausends verlagerten immer mehr Künstler ihre Ateliers in die Anlage nach Dashanzi. Galerien, Buchläden, Clubs, Cafés und Restaurants zogen hinterher und so ist der einst für die Industrieproduktion angelegte Bereich schrittweise zum Zentrum für moderne chinesische Kunst avanciert.
Im 798 Art District angekommen, gibt es unzählige Möglichkeiten seinen Besuch zu gestalten. Wer gezielt vorgehen will findet Orientierung anhand von Wegweisern oder Plakaten, die auf laufende Ausstellungen hinweisen. Besser kann die Atmosphäre jedoch genossen werden, wenn man sich einfach treiben lässt. Die meisten Galerien sind kostenfrei zu besichtigen und auch unter freiem Himmel finden sich eine Vielzahl interessanter Kunstgegenstände. Teils grotesk anmutende Statuen treffen auf farbenfrohe Graffitis, die wiederum den Hintergrund für gewagte Installationen bilden. Gern genutztes Fotomodell ist beispielsweise ein riesiges, rotes, affenartiges Wesen, das mit dem Finger auf Albert Einsteins Formel der Relativitätstheorie hinweist. Ob Affe und Formel in Zusammenhang stehen, war leider nicht herauszufinden. Da sich Einstein im Laufe seines Lebens oftmals kritisch zum Entwicklungszustand der Menschheit geäußert hat, liegt der Gedanke jedoch nahe.
Für manch einen scheinen die vielen ungewöhnlichen Motive sowieso der Hauptgrund für einen Besuch im 798 zu sein, was für aufmerksame Zeitgenossen einen amüsanten Nebeneffekt hat. So kann man sich auch wunderbar die Zeit damit vertreiben, Pärchen beim angestrengten Posieren zu beobachten oder professionellen Fotografen über die Schulter zu schauen. Ebenso gut kann man aber auch seiner eigenen Kreativität freien Lauf lassen und selber auf Motivsuche gehen.

Wendet man sich dann wieder der ausgestellten Kunst zu, sollte unbedingt das Ullens Center for Contemporary Art (UCCA) auf dem Besichtigungsprogramm stehen. Die vor dem Eingang aufgetürmten Käfige mit den gefangenen Riesendinosauriern aus Plastik – inoffizielle Maskottchen des Zentrums – weisen den Weg ins UCCA. Das von dem belgischen Sammlerehepaar Guy und Myriam Ullens im November 2007 als Non Profit Organisation gegründete Museum kann bereits knappe drei Jahre nach seiner Gründung auf einige illustre Veranstaltungen zurückblicken. Es zählt zu den größeren Ausstellungsräumen im 798 Bezirk und will als Begegnungsstätte den Austausch zwischen Künstlern und Öffentlichkeit anregen. Noch bis zum 20. Juni ist hier die Gemeinschaftsausstellung von Olafur Eliasson und Ma Yansong „Feelings Are Facts" zu sehen. Das dänisch-chinesische Duo hat den großen Saal des UCCA in ein Gesamtkunstwerk verwandelt und mit Hilfe von Nebelmaschinen, Lichteffekten und Geruchsstoffen eine surreale Sphäre kreiert, die zum Nachdenken über Räume und deren Wahrnehmung anregen soll. Was sich im ersten Moment furchtbar verkopft anhört, entpuppt sich im Museum aber als großer Spaß. Schlechte Sicht, faszinierende Farben und ein rutschiger Boden bescheren ein aufregendes Erlebnis für die Sinne. Vorsicht vor dem zum Ende ansteigenden Boden der Halle – wer sich mutig an den Aufstieg macht, könnte auf dem glatten Untergrund vielleicht den Abstieg nicht mehr alleine meistern. Glücklicherweise stehen Helfer bereit.
Im Dashanzi Art District reiht sich eine sehenswerte Galerie an die nächste und so ist der Weg vom UCCA zur 798 Space Galerie nicht weit. Die Galerie liegt quasi im Herzen des vormaligen Fabrikgeländes und beeindruckt mit minimalistischer Inneneinrichtung, industriellem Charme und einer Deckenhöhe von knapp neun Metern. Hier finden neben regelmäßig wechselnden Ausstellungen moderner Kunst verschiedene Veranstaltungen statt. Im hinteren Teil ist ein gut sortierter Buchladen, der vor allem Titel aus den Bereichen Kunst, Fotografie, Architektur, Design und Werbung führt. Daneben ist die Old Factory Bar angesiedelt, wo Überbleibsel aus der Fabrik gekonnt in die Inneneinrichtung integriert wurden.
Wer sich ein Stück Kreativität mit nach Hause nehmen möchte, sollte in die kleinen Geschäfte innerhalb der Kunstzone schauen. Diese bieten neben der üblichen Massenware ausgefallenere Artikel und selbst gefertigte Einzelstücke an. Besonders zu empfehlen ist auch hier der Laden des UCCA und ein Geschäft in der 798 Road, erkennbar an der Außenfassade aus weißen Regenrinnen. Im Inneren finden sich unter anderem selbstgenähte Kleidungsstücke, phantasievoll modifizierte Schuhe oder individuell gestaltete Masken.
Nach Kunstgenuss und Einkaufsstress kann man sich in einem der vielen Cafés und Restaurants im 798 erholen. Ein wenig erinnert die Atmosphäre an europäische Straßencafés. Bei schönem Wetter kann man draußen sitzen und die Touristen aus aller Welt beobachten. Der Dashanzi Art District gehört mittlerweile für viele Touristen zu einem Beijingbesuch dazu, dementsprechend melden sich mahnende Stimmen, die vor einer Kommerzialisierung der Kunstzone warnen. Ob man im 798 die „echte" Kunstszene kennen lernen kann, müssen andere beurteilen. Interessant ist ein Ausflug in das kreative Zentrum der chinesischen Hauptstadt auf jeden Fall.
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