15-11-2011
China Reportage
Geistige Nahrung leicht verdaulich: „Eichhörnchen“ machen Wissenschaftsjournalismus mit Unterhaltungswert
von Zheng Yang

Auch Autorin Juzi ist eine von ihnen, ein „Eichhörnchen" der ersten Stunde. Als sie dem Netzwerk beitrat, war Juzi gerade dabei, in den USA auf dem Gebiet der Zellbiologie zu promovieren. Anfangs war das Verfassen der Artikel für die Herzblutwissenschaftlerin nur eine vergnügliche Art der Freizeitgestaltung. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass ihr Einsatz für die Eichhörnchen ihrem Leben einmal eine entscheidende Wende geben sollte. Nach dem Abschluss ihrer Promotion flog die junge Chinesin in ihre Heimat zurück. Schon einen Tag später stand sie im Büro der Eichhörnchenzentrale. Seitdem ist die Zellbiologin in Vollzeit für das Onlineportal tätig.

Fragt man die modebewusste junge Frau, die stets ein Lächeln auf den Lippen trägt, nach ihrer Einschätzung zur Arbeit der Eichhörnchen, verwandelt sich ihre Miene in die einer ernsten Wissenschaftlerin: „In der Arbeit für die Homepage habe ich meine Berufung gefunden. Forschungsarbeit und ihre Vermittlung für die breite Öffentlichkeit sind etwas völlig Verschiedenes. Als Wissenschaftsjournalist bekommt man stets ein Feedback. Man weiß, dass die Dinge, die man schreibt, ein Publikum haben. Die Leute nehmen die Informationen an und sehen darin einen gewissen Nutzwert."

Insgesamt 100 Vollzeitmitarbeiter zählen die Eichhörnchen mittlerweile, der Großteil davon in China, England und den USA. Überwiegend sind es Naturwissenschaftler, die einen hohen akademischen Titel tragen oder diesen gerade erwerben. Es finden sich aber auch Geisteswissenschaftler unter den Autoren, sogar einige Absolventen der oberen Mittelschule. Chefredakteur You Shiyou sagt: „Viele Leute unterliegen noch immer dem Irrglauben, nur Naturwissenschaftler könnten als Eichhörnchen arbeiten. In Wirklichkeit haben wir hier viele Sinologen. Die wissenschaftliche Seriosität eines Forschers hängt keineswegs mit seinem fachlichen Background als Natur- oder Geisteswissenschaftler zusammen. Vieles kann man sich im Nachhinein durch Eigenlektüre im Selbststudium aneignen."

Obwohl die Eichhörnchen aus völlig unterschiedlichen Fachrichtungen kommen und es auch beträchtliche Altersunterschiede gibt, verbindet sie doch vor allem eines: ihre Liebe zum Schreiben und zur Kommunikation. Und was fasziniert den Chefredakteur You Shiyou persönlich an seiner Arbeit als Eichhörnchen? „Durch meine Tätigkeit für die Webseite habe ich eine ganze Reihe interessanter Leute kennen gelernt und mit ihnen ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Welt. Durch meine Arbeit mit ihnen hat sich meinen Horizont wahnsinnig erweitert. Sie haben mein ganzes Leben verändert. Meine Hoffnung ist, dass auch ich durch meine Arbeit das Leben von immer mehr Menschen verändern kann."

 

Wie es weitergehen soll

Ji Shisan sieht in China bisher eine Barriere zwischen Wissenschaft und Technik auf der einen und Kultur auf der anderen Seite. Bisher fehle es am Austausch zwischen beiden Bereichen. Dabei sollten Wissenschaft und Technik eigentlich als Teil der Kultur betrachtet werden, findet Ji. Und hier sieht der Wissenschaftler auch den Ansatzpunkt für sein eigenes Engagement: „Ich setze mich vor allem dafür ein, dass Wissenschaft und Technik als Teil der Kultur wahrgenommen werden. Früher haben wir gedacht, dass Wissenschaft und Technik zwar das Leben der Menschen beeinflussen, nicht aber ihre Denkweise. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Wissenschaft und Technik auch das kulturelle Leben der Menschen, ja die Art und Weise, wie wir denken, beeinflussen. Wissenschaft und Technik sind eine Perspektive auf unser Dasein. In der Vergangenheit sind die Menschen der Welt und ihren Problemen meist mit einer künstlerischen bzw. humanwissenschaftlichen Sichtweise begegnet. Selten hat man durch die Brille von Wissenschaft und Technik gesehen. Für unsere heutige Zeit erhoffe ich mir, dass die Menschen verstehen, dass es noch eine andere Perspektive gibt, aus der man die Welt betrachten kann."

Als Geschäftsführer einer kommerziellen Webseite kann Ji sich über Langweile nicht beklagen; täglich hat er unzählige Aufgaben zu meistern. Die wochenendlichen Vortragsreihen der Wissenschaftseichhörnchen lässt er sich trotzdem nicht entgehen, sie haben einen festen Platz in seinem Terminkalender. Verglichen mit anderen Geschäftsleuten wirkt Ji überraschend entspannt. „Anfangs hatte ich den Traum, ein guter Forscher zu sein, später ein guter Wissenschaftsjournalist. Aber ich ändere stets meine Meinung und Interessen und wer weiß, was ich im nächsten Jahr zu dieser Zeit mache."  

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