15-11-2011
China Reportage
Geistige Nahrung leicht verdaulich: „Eichhörnchen“ machen Wissenschaftsjournalismus mit Unterhaltungswert
von Zheng Yang

Können Menschen mit offenen Augen schlafen? Wieso verlieren Erdbeeren beim Waschen ihre Farbe? Und warum verheddert sich das Kopfhörerkabel in der Tasche immer zu einem Knäuel? Mit der Lösung solcher verzwickter Mysterien des Alltags muss man nun nicht mehr seine Mitmenschen belästigen, die „Wissenschaftseichhörnchen" geben Antworten im Netz.

Das Eichhörnchen-Team

Können Menschen mit offenen Augen schlafen? Wieso verlieren Erdbeeren beim Waschen ihre Farbe? Und warum verheddert sich das Kopfhörerkabel in der Tasche immer zu einem Knäuel? Mit der Lösung solcher verzwickter Mysterien des Alltags muss man nun nicht mehr seine Mitmenschen belästigen, die „Wissenschaftseichhörnchen" geben Antworten im Netz.

Das Onlineportal, das vor rund drei Jahren an den Start ging, hat vor allem unter jungen chinesischen Internetnutzern ein wahres Wissenschaftsfieber entfacht. Die Seite, die von einer Gruppe von Wissenschaftsbegeisterten gegründet wurde, überzeugt mit ihrem ganz speziellen Charme: Dank des unermüdlichen Engagements ihrer Autoren und Redakteure hat die Homepage den Traum, Wissenschaft in der breiten Bevölkerung populär zu machen, ein Stück weit wahr werden lassen.

 

Wieso Eichhörnchen?

Den Namen hat das Netzwerk einer Metapher zu verdanken: Wissenschaft ist mit einem Tannenzapfen vergleichbar, so die Idee der Betreiber – innen nahrhaft und außen von einer harten Schale umgeben. Um die Früchte aus Wissenschaft und Forschung einem breiten Publikum schmackhaft zu machen, übernehmen die „Eichhörnchen" das Schälen und verwandeln die Inhalte in sprachlich leicht verdauliche Häppchen.

Anfangs startete die Seite lediglich als kleiner Blog, auf dem eine kleine Gruppe Wissenschaftsbegeisterter populärwissenschaftliche Artikel zusammentrug. Womit hatten Autoren und Betreiber der Seite nicht gerechnet : Die ursprünglich nur als Plattform zum internen Austausch einer kleinen Community gedachte Homepage wuchs und brachte es schließlich unter Chinas Internetusern in kürzester Zeit zu großer Beliebtheit. 2008 wurde die Webseite von der Regierung zum besten chinesischsprachigen Blog gekürt. Die Begründung der Juroren bringt präzise auf den Punkt, was die emsige Arbeit der „Wissenschaftseichhörnchen" so besonders macht: „Die Inhalte reichen von Rose bis Raumschiff, es gibt kaum ein wissenschaftliches Thema, das die Eichhörnchen nicht anpacken. Außerdem gelingt es den Autoren, wissenschaftliche Themen lebhaft und leserfreundlich darzustellen, ohne dabei den fachlichen Anspruch zu verlieren."

Der Schlüssel zum Erfolg: Die Autoren würzen ihre Beiträge stets mit einer Prise Spaß und Unterhaltung. Die Themenpalette reicht von großen Mysterien des Universums bis zu Trivialitäten des Alltags, gerne auch mal ein wenig skurril, auf jeden Fall immer ein Hingucker. Die Autoren schaffen dabei erfolgreich den Spagat zwischen Wissenschaft und Alltagsleben. Auf der Seite können die Leser beispielsweise erfahren, woran man gesundes Gemüse erkennt, aber auch, wie man am besten das Herz seiner Angebeteten gewinnt. Und bei alledem kommen die Artikel gänzlich ohne das sonst übliche ermüdende Fachvokabular aus. Profunde wissenschaftliche Erkenntnisse und Gesetzmäßigkeiten werden in ansprechender, moderner Sprache verpackt.

Die Autoren beweisen damit, dass Leserfreundlichkeit keineswegs gleichbedeutend mit dem Verzicht auf wissenschaftlichen Anspruch ist: Wenn die Eichhörnchen Themen aus den Bereichen Alltagsleben, Liebe und Politik behandeln, dann immer aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel. Jeder Artikel durchläuft stets mehrere Arbeitsschritte, wird nach dem Verfassen mehrfach überprüft, kommentiert und überarbeitet, bevor er auf die Seite gelangt. „Gewissenhaftigkeit steht bei uns an erster Stelle", erklärt You Shiyou, derzeitiger Chefredakteur der „Eichhörnchen". „Am Ende jedes Artikels fügen wir einen Quellenverweis hinzu. Normalerweise ist das sonst nur bei wissenschaftlichen Arbeiten üblich. Für uns Eichhörnchen aber ist es Gesetz."

Und das emsige Treiben bleibt längst nicht nur auf die Onlinewelt beschränkt. Eine fast noch wichtigere Rolle spielen die zahlreichen Offline-Aktivitäten, die das Netzwerk regelmäßig veranstaltet. Einer der Favoriten der Nutzer ist dabei „Xiao Jis Filmclub". Hier sehen sich die Teilnehmer gemeinsam einen populärwissenschaftlichen Film an und diskutieren im Anschluss daran über ihre Eindrücke. Die Eichhörnchen laden Interessierte außerdem ein, gemeinsam mit ihnen kleine Freizeit-Experimente durchzuführen oder wissenschaftliche Einrichtungen zu besuchen. Die Veranstaltungen sind so beliebt, dass die Nachfrage die vorhandenen Kapazitäten meist weit übersteigt; eine echte Herausforderung für die Organisatoren.

 

Alles begann mit einer einfachen Idee

„Die Wissenschaftseichhörnchen sind damals eigentlich aus einer ganz simplen Idee entstanden", erinnert sich Ji Shisan, der Gründer der Webseite. „Lange hat es an einer Austauschplattform für Autoren populärwissenschaftlicher Artikel gemangelt. Mit dem Blog wollte ich ein solches Forum zur Vermittlung von Wissenschaft schaffen. Mein Ziel war es, die Kommunikation zwischen den Autoren untereinander und damit auch einen Reifungsprozess zu ermöglichen."

Ji Shiyan selbst hat einen Doktortitel in Neurobiologie in der Tasche, 2007 schloss er seine Promotion an der renommierten Fudan-Universität in Shanghai ab. Auf dem Weg dahin hat er über mehr als elf Jahre einen Großteil seiner Zeit in unterschiedlichen Labors verbracht. Dass er auch den Rest seiner beruflichen Laufbahn der wissenschaftlichen Forschung widmen würde, hieß das für Ji jedoch noch lange nicht. Da war noch seine große Liebe zum Schreiben, der er es zu verdanken hat, dass er lange als freier Autor populärwissenschaftliche Artikel für die Wissenschaftsrubriken verschiedener Medien arbeitete.

„Weil ich mich grundsätzlich für Wissenschaft begeistere, bin ich zunächst im Forschungsbereich gelandet", erzählt Ji. „Aber mit der Zeit habe ich festgestellt, dass diese Arbeit nicht unbedingt die passende für mich ist. In der Forschung zu arbeiten heißt, sich möglichst tief in einen speziellen Bereich einzugraben. Als Wissenschaftsvermittler und wissenschaftlicher Autor muss man dagegen ein breites Spektrum abdecken. Es ist nicht nötig, sich bis ins kleinste Detail in jedes Feld vorzuarbeiten. Letztes liegt mir einfach besser. Es verlangt auch eine größere Kunstfertigkeit, wie ich meine."

Engagierte Menschen wie Ji, die versuchen, eine Brücke zwischen Forschung und Vermittlung zu schlagen, sind keineswegs eine kleine Minderheit. Als Ji 2008 einen Online-Aufruf startete, meldeten sich unzählige Gleichgesinnte.

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