31-10-2011
China Reportage
Die Zukunft fand nicht statt
von Li Li

 

Blick in die Zukunft Ein alter Bewohner des Anhua Lou blickt sehnsuchtsvoll auf den Neubau gegenüber. (Foto: Wei Yao)

 

Die Zeit steht still

Einst der am besten ausgestattete Wohnkomplex der Hauptstadt, sind die glorreichen Tage des 51 Jahre alten Anhua Lou heute längst Geschichte.

Als am Gebäude der Zahn der Zeit zu nagen begann und in Beijing Wolkenkratzer mit besser geschnittenen Wohnungen wie Pilze aus dem Boden schossen, begann des Exodus der bessergestellten Mieter. 

"Diese Leute waren keine so hochqualifizierten Fachkräfte wie ich, aber sie haben sich besser aufs Geldverdienen verstanden", meint  Xu Qinmin, der seit 1960 im Anhua Lou wohnt. Er war früher Geschäftsführer eines staatlichen Herstellers von Schaltanlagen.

2002 wurde Cala, My Dog!, eine Komödie um die Vernarrtheit der Beijinger in ihre Schosshündchen, teils im Anhua Lou gedreht. Dadurch wurde ihre Wohnsituation zwar ins Rampenlicht gerückt, aber das war für die Mieter keinesfalls ein erhebendes Ereignis. „Der Film wurde doch nur im Anhua Lou gedreht, weil hier der Putz von den Wänden rieselt!", sagt Li Xiumei, die seit Jahrzehnten im Wohnblock lebt.

Heute sind die Hausgänge, vollgestellt mit Möbelteilen und Abfall, so schmal, das zwei Leute kaum aneinander vorbeikommen.

An der Außenmauer vermittelt ein Schild auch nicht gerade Zuversicht in die Stabilität des Gebäudes: "Vorsicht! Nicht an die Wand lehnen!"

"Als meine Tochter zur Schule ging, gab sie vor ihren Klassenkameraden oft damit an, hier zu wohnen. Heute hingegen schämt sich meine Enkeltochter, ihre Schulfreunde zu sich nach Hause einzuladen", erzählt Ex-Klempner Wang.

Junge Mieter haben nichts Eiligeres zu tun als auszuziehen, sobald sie eine Gehaltserhöhung bekommen haben. Die Mehrzahl der Mieter des baufälligen Wohnblocks erwartet sehnsüchtig die Bekanntgabe einer Abrissverfügung und eines Umzugsplans.

 Tücken des Alltags

Der Verzicht auf individuelle Kochgelegenheiten in den Wohnungen wurde von Anfang an als großer Mangel empfunden und hat Anlass zu Klage gegeben, sobald die ersten Mieter eingezogen waren.

Xu erinnert sich, dass die ersten Mieter ihre Mahlzeiten auf kleinen Kohlenöfen zubereitet haben, die sie einfach in die Hausgänge stellten.

"Jeder ist hier mit vorgehaltener Hand und eingezogenen Schultern durchgerannt, um nicht vom Qualm der Herdstätten erstickt zu werden. Als wären sie vor einem Feuer geflohen!", sagt Xu. Bis 1964 mussten Xu und ihre Nachbarn den Rauch aushalten, dann baute die Hausverwaltung endlich drei Gemeinschaftsküchen auf jedem Stockwerk ein, die mit Gasherden ausgestattet waren. Die Haushalte, die sich eine Küche teilten, mussten auch die Wasserrechnung teilen, denn es gab jeweils nur einen Wasserzähler. Auch mussten sich sich über eine Putzordnung einigen.

In den 1980er Jahren wurden die Gemeinschaftsküchen untragbar. Die Nachbar begegneten einander mit zunehmendem Misstrauen, denn es häuften sich Diebstähle von Kochgeschirr oder sogar Speisen, die auf dem Herd standen! Der Putzdienst wurde nicht länger ernst genommen. Um Geld zu sparen, nutzten einige Bewohner sogar das Wasser vom Küchenhahn zum Waschen ihrer Wäsche. Im Jahr 2008 sah sich die Hausverwaltung gezwungen, die Gemeinschaftsküchen umzustrukturieren und Wasserhähne und Wasserzähler für jede Familie zu installieren. Es dauerte allerdings nicht lange, bis Schlösser auftauchten oder Wasserhähne sogar abmontiert wurden, um Missbrauch zu verhindern.

Hinzu kam, dass die Gemeinschaftsküchen nie mit Dunstabzugshauben ausgestattet wurden, wodurch sich die Wände und Decken über die Jahre mit einer gelben Fettschicht überzogen. „Die Küchen im Wohnblock sind unglaublich schmutzig", klagt Xu.

Junge Mieter setzen keinen Fuß in die schmierigen Küchen, sie bevorzugen es, in ihren Wohnungen auf Elektroplatten zu kochen. 

"Ich würde nicht sagen, dass das Konzept des Gebäudes unrealistisch war. Es war nur seiner Zeit voraus", meint Architekt Jin. Das Leitmotiv sei gewesen „das Gemeinschaftsleben unter Respektierung der Freiheit der Einzelfamilien zu fördern."

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