| Beijing letztes Hochhaus für kollektives Wohnen im Stil der Volkskommune ist heute Strandgut der Geschichte

Die Zeit steht still Einst der am besten ausgestattete Wohnkomplex der Hauptstadt, sind die glorreichen Tage des 51 Jahre alten Anhua Lou heute längst Geschichte. (Foto: Wei Yao)
Im Jahr 1959, so schrieb der Ende letzten Jahres verstorbene Beijinger Schriftsteller Shi Tiesheng --damals ein Grundschüler - "war ich fasziniert von der Beschreibung, die mein Lehrer über das idyllische Leben gab, das in dem neunstöckigen Gebäude stattfinden würde, das gerade in der Nachbarschaft im Bau war."
Der Lehrer erzählte der Klasse, dass es dort alle Annehmlichkeiten geben werde: Gasanschluss, Fahrstühle, Heizung und heißes Wasser. Anstatt ihr eigenes Essen zu kochen, würden alle Bewohner in einer Gemeinschaftsküche essen, wo etwas für jeden Geschmack zu haben wäre. Im Gebäude würde es Freizeitclubs geben, in denen die Menschen Karten, Schach und Mahjong spielen könnten. Es würde darin eine Turnhalle, ein Kino, eine Bibliothek, eine Klinik, Läden und eine Badeanstalt geben. Alle Bewohner würden sich als Mitglieder einer einzigen großen Familie ansehen. „Mit einem Wort: Das Gebäude ist nichts anderes als der Prototyp einer idealen Gesellschaft", schrieb Shi mehr als vierzig Jahre später in seinen Erinnerungen.
Drei nahezu identische neunstöckige Gebäude für das Leben städtischer Volkskommunen wurden Ende der 1950er Jahre in Beijing gebaut. Das Beiguanting Lou in der Nachbarschaft von Shis Schule wurde 2001 abgerissen, das Suifujing Lou ist bereits geräumt und für den Abriss freigegeben, nur das Anhua Lou an der zweiten Ringstraße Beijings hat als letztes Beispiel eines „volkskommunalen Hochhauses" bisher überlebt.
Seiner Zeit voraus
Das Anhua Lou wurde im Mai 1960 fertiggestellt und sollte dem künftigen kommunalen Wohnungsbau als Modell dienen. Mit seiner Nutzfläche von 20 000 Quadratmetern besteht das Gebäude aus einem neunstöckigen Zentralbaukörper flankiert von zwei jeweils achtstöckigen Flügelbauten. Ursprünglich gab es 288 Wohnungen darin, meist mit drei Zimmern. Als der Bau bezugsfertig war, gab es in Beijing noch so wenig Hochhäuser, dass das oberste Stockwerk zum idealen Aussichtspunkt wurde, um das Neujahrsfeuerwerk auf dem mehr als drei Kilometer entfernten Tiananmen-Platz zu bewundern. Das Gebäude konnte sich zudem rühmen, über den ersten Aufzug in einem Wohngebäude der Stadt zu verfügen, der rund um die Uhr in Betrieb war. Die Regierung hatte ursprünglich angekündigt, das jeder der vier zentralen Stadtbezirke Beijings ein solches "Modellgebäude" erhalten sollte, letztlich sind aber nur drei gebaut worden.
Infolge der katastrophalen Wirtschaftslage, die der "Große Sprung nach vorn" in den Jahren 1959 bis1961 auslöste, mussten auch an der Ausstattung des Anhua Lou Abstriche gemacht werden: So wurden etwa nur zwei der ursprünglich vorgesehenen vier Aufzüge eingebaut und nicht alle Wohnungen mit Badewannen ausgestattet.
Der 85-jährige Architekt Jin Cheng, der am Entwurf der drei "Modellgebäude" beteiligt war, erinnert sich noch daran, dass er und seine Kollegen nächtelang über die Gebäudefunktionen diskutiert haben: "Einer hat vorgeschlagen, eine Kantine einzurichten, damit die Frauen es mit der Hausarbeit leichter hätten, ein anderer schlug eine Kinderkrippe vor und wieder ein anderer hatte vor, auf jedem Stockwerk einen kleinen Laden einzubauen, in dem man sich mit den Dingen des täglichen Bedarfs versorgen konnte", erzählt er der China Youth Daily.
Die meisten dieser Vorschläge fanden schließlich Eingang in den Grundriss des Gebäudes. Eine architektonische Besonderheit des Anhua Lou ist, dass keine seiner 288 Wohnungen mit einer Küche ausgestattet ist! Die riesige Kantine, deren Fläche das gesamte Erdgeschoss einnimmt, war eine Einladung zum kollektiven Leben. Allerdings hat sie nie ihren Betrieb aufgenommen und ist heute ein Abstellplatz für Fahrräder. Das oberste Stockwerk des Zentralbaus sollte als Mehrzweckhalle für Versammlungen und Feiern dienen. Diese Funktion hat es allerdings nur kurz erfüllt, denn schon 1964 wurde es an eine Fabrik vermietet, die dort eine Abendschule für ihre Belegschaft einrichtete. Clubräume waren für den zweiten bis achten Stock des Zentralbaus vorgesehen, aber die sind längst zu Wohnungen umgebaut worden.
1961 ist Yao Ruiyun mit ihrem Mann eingezogen. Der war ein erfolgreicher Designer, der gerade von einer Beijinger Textilfirma aus Shanghai angeworben worden war. "Die Hemden, die mein Mann entwarf, hatte feste Krägen und waren bei russischen Kunden sehr beliebt", erinnert sich Yao Ruiyun, die über achtzig Jahre alt ist.
Wie ihr Ehemann waren auch die anderen Erstmieter des Anhua Lou gutsituierte Bürger, darunter Ärzte, Schulrektoren und Anwälte. „Höhere Beamte haben sich nicht getraut, hier einzuziehen, denn dies wäre als Amtsmissbrauch gedeutet worden", sagt Wang Shouheng, der als Klempner arbeitete, als das Gebäude gebaut wurde.
Da die Mieten mit Anhua Lou mit 10 Yuan für eine Dreizimmerwohnung viel höher lagen als in anderen Wohnblöcken, gab es in den ersten fünf Jahren nach der Fertigstellung nicht ausreichend Mietinteressenten für den Komplex. Da sich eine Familie allein nicht die Miete leisten konnte, kam es nicht selten vor, dass sich zwei Familien eine Wohnung teilten.
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