28-09-2011
China Reportage
Chinas Frauen wollen hoch hinaus
von Lu Yen Roloff

Shang Sichen (Foto: Lu Yen Roloff)

 

 Vorbei sind die Zeiten, in denen Chinas Frauen einzig unterbezahlte Jobs als Näherinnen in der Textilindustrie fanden. Chinas wirtschaftlicher Aufstieg ist auch eine Erfolgsgeschichte der Frauen. Junge Chinesinnen sind gut ausgebildet und höchst ambitioniert. Und ihre Karrieremöglichkeiten übertreffen die westlichen Geschäftsfrauen um Längen. 

Mittagspause im Oriental Plaza, einem modernen Geschäftsgebäude in Pekinger Toplage. Mit schnellen Schritten durchquert eine schlanke 34jährige in kurzen Jeans und flatteriger Leopardenbluse das grosszügige Foyer. Shang Sichen , die sich Ausländern gegenüber "Eva" nennt, kommt gerade von einer Vorlesung des MBA-Programms der renommierten Cheung Kong Graduate School of Business. Andere gehen essen -- Shang geht arbeiten.

Nachdem die in Hong Kong und Harvard studierte Biologin mehrere Jahre eine Chemiefirma geleitet hatte, gründete sie ihr Unternehmen "Jinwu Neomaterial Technologies". 150 Mitarbeiter produzieren patentierte Nano-Folien und Beschichtungen für Autofenster und Bildschirme. Es sollen mehr werden, Shang stellt gerade ein: „Mein Traum ist, mit meiner Firma Weltmarktführer zu werden. Wir sind die Ersten, die mit diesem Patent auf den chinesischen Markt gekommen sind. Also haben wir gute Chancen."

Die 34jährige lässt sich in einen Sessel in der Ecke eines Cafes fallen, zückt ihr Smartphone und telefoniert sie der Reihe nach ab: Finanzmanager, Marketingchef, Vertriebsleiter. Vorbereitungen für die Automesse in Las Vegas im November. Shang will ihre Firma hier erstmals einem internationalen Publikum präsentieren. Dafür arbeitet sie sechs Tage pro Woche, 14 Stunden am Tag: Tagsüber bereitet sich Shang mit dem MBA-Programm auf ihre Führungsrolle in einem internationalen Unternehmen vor. In den Pausen und abends erarbeitet sie die Strategie für ihre Firma.

 

Junge Chinesinnen leben die Träume ihrer Eltern

Shang ist es gewöhnt, hart zu arbeiten -- und wie viele junge Chinesinnen ist sie sehr ambitioniert: "Meine Mutter hatte durch die Kulturrevolution keine Möglichkeit, ihre Träume zu verwirklichen. Sie hat viele Jahre verloren und konnte erst nach 30 mit dem Studium beginnen. Ich bin die einzige Tochter, sie hat ihre Hoffnungen auf mich übertragen – ich denke, deswegen bin ich so ehrgeizig."

Chinas Ein-Kind-Politik hat eine Generation von Töchtern hervorgebracht, deren Familien sie zu Höchstleistungen antreiben. Waren in den später 1980er Jahren Frauen noch eine Minderheit an den chinesischen Universitäten, stellen sie heute die Hälfte der Studenten. Drei Millionen Frauen graduieren jedes Jahr in China. Drei Viertel der Absolventinnen streben eine Führungsrolle im Job an, fand das New Yorker Center for Work-Life Policy unlängst in einer Studie heraus. In den USA wollen das nur die Hälfte aller Studentinnen. „Ein Grund ist die wirtschaftliche Entwicklung in China", erklärt Shang. „Es gibt wahnsinnig viel Kapital im Land, günstige Arbeitskräfte, es sind gute Zeiten für Unternehmer. Warum sollen nur Männer davon profitieren? Wir Frauen können das auch. Hausfrau zu sein, reicht uns schon lange nicht mehr aus."

 

Frauen erobern die Hälfte des Himmels

Dass ihre Mütter arbeiten gehen, sind Chinesinnen seit Generationen gewöhnt. Schon bei Gründung der VR China galt Maos Parole, dass „Frauen die Hälfte des Himmels tragen". Die in China praktizierte Planwirtschaft setzte Frauen in allen Wirtschaftsbereichen ein. Heute sind in China fast die Hälfte aller Angestellten weiblich. In einem Drittel der Staatsunternehmen haben sie es sogar in Führungspositionen geschafft. Frauen leiten selbst als „männlich" geltende Betriebe wie Bergbauminen oder Kohlekraftwerke. Laut dem Grant Thornton Business Report schaffen es in China insgesamt ein Fünftel aller Managerinnen, CEO zu werden - zehn Prozent mehr als in Europa. Und während die Zahl weiblicher CEOs im Rest der Welt schrumpfte, wurden es in China mehr – in den letzten zwei Jahren wieder zusätzliche 3 Prozent.

Seit Deng Xiaoping das chinesische Wirtschaftswunder entfesselte, haben sich auch immer mehr Frauen selbstständig gemacht. Elf der zwanzig reichsten Selfmade-Milliardärinnen stammen inzwischen aus China, darunter die 47-jährige Wu Yajun , Vorsitzende des Immobilienkonzerns Longhu Property oder Yin Zhang, Gründerin der Recycling-Papierfabrik "Nine Dragons Paper". Beide haben ein Vermögen von über 4 Milliarden Euro erwirtschaftet. Rund 30 Millionen Unternehmerinnen eifern ihnen nach – ein Fünftel aller Unternehmer im Land.

Die Fernsehmoderatorin Wang Lifen  gründete 2006 für diese Zielgruppe die Realityshow Ying Zai Zhongguo – Gewinne in China. Millionen von Fernsehzuschauern sahen zu, wie Gründerinnen in spe mit ihren Geschäftskonzepten um die Gunst der Juroren warben – und sich erfolgreich gegen die männliche Konkurrenz durchsetzten. Stets im Blick der Öffentlichkeit, lebt auch die glamouröse Moderatorin Yang Lan  den Lifestyle der Karriefrauen vor. Als „Oprah Winfrey Chinas" gefeiert, machte sie sich mit ihrer Medienfirma Sun Television Cybernetworks als gewiefte Unternehmerin einen Namen. Heute ist sie eine der reichsten Frauen Chinas, erzählt Unternehmensgründerin Shang: „Sie ist ein großes Vorbild für junge Frauen – einerseits sehr erfolgreich, andererseits hat sie auch eine glückliche Familie mit Kindern."

 

Kinderbetreuung ist Familiensache

Auch Shang Sichen  ist Mutter einer dreijährigen Tochter. Doch während sich ihre deutschen Altersgenossinnen nach Geburt ihres ersten Kindes zwischen Kindergarten und Meetings aufreiben und oft an die gläserne Decke stoßen, kann sich Shang voll auf die Arbeit konzentrieren. "Durch die Ein-Kind-Politik kommen bei uns auf ein Kind meist vier Großeltern, die gerne die Betreuung übernehmen", sagt Shang. Und selbst wenn nicht: "Im Vergleich zu den USA kostet ein Kindermädchen in Peking viel weniger. Wir zahlen hier etwa 2600 Yuan im Monat" -- umgerechnet etwa 300 Euro. Eine solche Vollzeitbetreuung wird zudem sozial nicht stigmatisiert – von wem auch: Millionen Chinesen lassen aus ökonomischer Notwendigkeit ihre Kinder auf dem Land zurück, um in den Städten zu arbeiten. Mit ihren Familien im Rücken steigen die meisten Frauen nach der Geburt schnell wieder in den Vollzeitjob ein. 

 

Networking bei der Maniküre

Dennoch müssen sich Chinesinnen wie überall in der Welt noch beweisen, sagt  Shang Sichen : "Frauen müssen einfach härter kämpfen, um das Vertrauen ihrer Angestellten, Zulieferer und Kunden zu gewinnen. Ich muss mehr als Männer mit der gleichen Erfahrung tun." Shang hat aus diesem Grund einen Women Business Club an ihrer Schule gegründet -- ein Netzwerk, das auf die typischen Bedürfnisse von Frauen in der Geschäftswelt eingehe: „Wir Frauen haben andere Probleme im Job, wir müssen unsere Familie und das Business gleichzeitig managen. Es ist gut, sich darüber auszutauschen."

Konfuzianische Traditionen erschwerten es Frauen immer noch, alleine auf Geschäftsreisen zu gehen. Während sie allein in den Firmen zurückbleiben, betreiben Chinas Männer ihr Networking unterwegs -- oft verbunden mit hohem Schnapskonsum und „Entspannungsmethoden" wie intimen Massagen. Die angehenden Geschäftsfrauen an der Cheung Kong Business School treffen sich dagegen lieber zu Lunchtalks mit erfolgreichen Vorbildern oder organisieren Charity-Events mit Schulkindern. „Manchmal gehen wir auch einfach Shoppen oder zur Maniküre", sagt Shang und lächelt. „Dort kann man ebenso gut über das Business diskutieren."