23-07-2010
China Reportage
„Die Menschen einbinden“

Beijing befindet sich seit Jahren im Umbruch, das ist unbestritten. Täglich werden überall in der Stadt

Häuser abgerissen und neue hochgezogen. Immer mehr Menschen kommen nach Beijing, um hier zu leben. Dies ist Folge des rasanten Wirtschaftswachstums der chinesischen Metropole. Das Wachstum bringt einige Probleme mit sich, vor allem Umwelt- und soziale Probleme. 

Der Umbruch ist jeden Tag an vielen Stellen der Stadt sichtbar, besonders augenfällig ist er jedoch in den Hutongs, alten Straßenvierteln, die das Stadtbild bis in die frühen 1990er Jahre prägten. Die meisten von ihnen fielen Anfang der 2000er Jahre Umstrukturierungsmaßnahmen zum Opfer. 

Die Hutongs liegen oft mitten im Zentrum der Stadt, also auf teurem Bauland, aus dem sich höhere Profite schlagen lassen. So findet man dort, wo früher ebenerdige Hutongs standen, heute oft Hochhäuser, Einkaufszentren oder gar U-Bahn Stationen. Der Abriss der alten Häuser bringt vor allem für die Bewohner der Viertel Probleme mit sich: Viele müssen weichen.  

Der deutsche Architekt Falk Kagelmacher hat sich von 2008 bis 2009 einem ungewöhnlichen Forschungsprojekt im Hutong Huguosi im Xicheng-Bezirk im Westen der Hauptstadt verschrieben. Er war über das deutsche Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM), einer Partnerorganisation der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit  (GTZ), als deutscher Spezialist für nachhaltigen Städtebau an der China Academy of Urban Planning and Design (CAUPD) angestellt. Das CAUPD untersteht direkt dem chinesischen Bauministerium.  

 Im Zuge einer Feldstudie unter dem Titel "Community in Transition - CiT", also „Gemeinschaft im Umbruch", untersuchte Kagelmacher zusammen mit seinen Kollegen gezielt, welchen Einfluss die Transformation in Städten auf soziale Netzwerke hat und wie diese aufrecht erhalten werden können. Sie wollten wissen, welche Möglichkeiten Stadtplaner haben, um ein kontrolliertes Wachstum dieser urbanen Strukturen zu garantieren.

„Es sollte eine Methode für Planung in Einklang mit der Gemeinschaft gefunden werden", so Kagelmacher. 

Ungewöhnlich ist das Projekt also deshalb, weil die Bewohner eines Hutongs erstmals nach ihren eigenen Vorstellungen und Erwartungen gefragt wurden. Chinesische Stadtplaner setzen den Fokus eher auf bauliche Maßnahmen, den sozialen Aspekt vernachlässigen sie oft, stellt Kagelmacher fest. Der Stadtregierung sollte gezeigt werden, wie sinnvolle Stadtplanung unter Einbeziehung der Menschen aussieht: „Menschen sind ein Wert, aber bestimmt kein Problem", beschreibt Kagelmacher das Potenzial der Bürger. Normalerweise folgt die Stadtplanung in China einem top-down Ansatz, verläuft also von oben nach unten. Die Behörden geben vor, was gemacht werden soll, Bürgerbeteiligung sei in der Regel nicht vorgesehen. 

Wird ein Stadtviertel durch Baumaßnahmen verändert, haben seine Bewohner, die Stadtteilregierung und private Investoren mitunter sehr unterschiedliche Interessen, aber gerade deshalb sollten alle in den Prozess eingebunden werden. Die Aufgabe rationaler Stadtplanung sollte das Auffinden von Lösungen sein, die im Idealfall alle Beteiligten zufrieden stellen.  

Im Zuge des Forschungsprojektes beobachteten Falk Kagelmacher und sein Team das Viertel zu verschiedenen Tageszeiten, erstellten Fragebögen, veranstalteten Sitzungen der Anwohner, sprachen mit allen beteiligten Akteuren, also neben den Bewohnern des Hutongs auch mit den Beamten des Stadtplanungsamtes und den Investoren: „Wir wollten wissen, wo bei den Leuten der Schuh drückt," sagt Kagelmacher.  

Das Forschungsteam führte im Viertel sogar einen Malwettbewerb für Kinder zwischen acht und vierzehn Jahren durch. Die Ergebnisse des Wettbewerbs offenbarten, dass die Vorstellungen der Kinder keineswegs Träume bleiben müssen: „Manche der Ideen der Kinder waren in der Tat realisierbar", so Kagelmacher. 

Das Besondere am Hutong ist, dass alle wichtigen Dienstleistungen direkt vor Ort vertreten sind: Lebensmittel-, Handy-, Textil- und Friseurläden, Restaurants, um nur einige zu nennen.

Die Untersuchung hat gezeigt, dass genau ein derart kompaktes Siedlungsgebiet, das eine gute Mischung an Nutzungen aufweist, soziales Leben und Gemeinschaft garantieren kann. Das bedeutet, in dem Viertel wird nicht nur gewohnt, sondern die Bewohner kaufen auch direkt vor Ort ein und erleben eine großen Teil ihres Alltags in ein und demselben Stadtviertel. 

Da alles zu Fuß zu erreichen ist, wird sozialer Austausch gefördert. Auf dem Weg von ihrer Wohnung zum Friseur kann die Hausfrau ihre Nachbarin treffen und sich direkt auf der engen Gasse - durch die nur selten Autos fahren - mit ihr unterhalten. In einem modernen Hochhaus führt der Aufzug direkt in die Tiefgarage, wo das Auto steht. Niemand wird behaupten können, dass Aufzug oder Tiefgarage Orte sind, die zum Verweilen oder zur Kommunikation einladen. 

In Vierteln, die nur für eine einzige Art der Nutzung vorgesehen sind und die von stark befahrenen Straßen durchzogen werden, ist es viel schwieriger, Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Kurz gesagt: wohne ich in einem Bereich der Stadt, der nur als Wohnraum fungiert, bin ich gezwungen, sämtliche Besorgungen in einem anderen Teil der Stadt zu machen. Daher sind die Straßen in Wohnvierteln meist wie ausgestorben: Kommunikation im öffentlichen Raum findet nicht statt. 

Für Kagelmacher ist eine harmonische Stadt eine „Stadt der kleinen Wege", wie er es nennt. Die einzelnen Viertel sind relativ unabhängig und die Bewohner finden in ihnen alles, was sie brauchen.  

Neben diesen Einsichten in das Wesen eines besseren Lebens in einer besseren Stadt konnten Kagelmacher und seine chinesischen Kollegen dem Bauministerium zeigen, dass gute Stadtplanung voraussetzt, dass die betroffenen Menschen in den Prozess einbezogen werden.

Ist der Stadtplaner an der Schaffung von lebenswerten Verhältnissen interessiert, muss er zwischen den einzelnen Akteuren und ihren unterschiedlichen Interessen vermitteln. Ein im Zuge dieser Feldstudie erstellter Dokumentarfilm erhielt im Jahre 2009 einen nationalen chinesischen Dokumentarfilmpreis und wird derzeit als Lehrfilm im Bauministerium verwendet.

 

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