05-08-2013
Wirtschaft
Chinas Finanzreform: Mehr Spielraum für Kreditzinsen
von Lan Xinzhen

Die Liberalisierung der Zinssätze ist unerlässlich für Chinas Finanzreform. Die Zentralbank steuert in diese Richtung.

Unterstützung für die Realwirtschaft: Arbeiter am Fließband einer Fabrik in Botou, Provinz Hebei. Eine marktorientierte Reform des Zinssatzes bringt mehr Kapital in die Realwirtschaft. Yang Shiyao

Die Chinesische Volksbank (PBC), die Zentralbank des Landes, hat am 20. Juli die bislang streng reglementierten Zinssätze für Kredite nach unten freigegeben. Das könnte zu mehr Wettbewerb unter den Banken führen und Kredite für Privatunternehmen leichter zugänglich machen.

"Das sind keine überraschenden Neuigkeiten, aber sie kommen früher als erwartet", erklärte Guo Tianyong, Direktor des Center of Chinese Banking Studies an der Central University of Finance and Economics. Die Freigabe der Zinssätze sei wichtig für Chinas Finanzreform, so Guo.

Vorher hatte die Zentralbank festgelegt, dass Zinssätze nicht mehr als 70 Prozent unter dem Referenzsatz von 6 Prozent liegen dürfen.

Die Liberalisierung zwinge Banken bei der Kreditvergabe zum Wettbewerb, heißt es auf der Website der PCB. Dies sei letztendlich besser für Klein- und Kleinstunternehmen, die vorher von Krediten ausgeschlossen waren. Kredite erhielten vor allem staatliche Unternehmen. 

Die Liberalisierung der Zinssätze sei ein weiterer Schritt in der Regulierung der Wirtschaftsstruktur Chinas, weg von Investitionen und Exporten hin zu mehr Binnenkonsum, erklärte die PCB. Untergrenzen für Grundstücks- und Hypothekenzinsen würden aber weiter bestehen bleiben, um Immobilienspekulationen zu bremsen.

 

Zeitplan

Zinssatzreformen gelten als unerlässlich für eine mehr an den Kräften des Marktes ausgerichtete Wirtschaft und einen voll konvertiblen Yuan. Dennoch hat Chinas Regierung die Obergrenze für Einlagenzinsen aus Sorge um schrumpfende Gewinne für die Banken nicht aufgehoben.

Warum aber hat die Zentralbank die Untergrenze für Kreditzinsen genau jetzt freigegeben? Möglicherweise ist dies auf den alarmierenden und plötzlichen Liquiditätsengpass im Juni zurückzuführen.

Am 20. Juni stieg der Interbanken-Zinssatz, eine Warnung an die Banken, die Vergabe leicht verfügbarer Kredite außerhalb der Realwirtschaft zu bremsen.

Nach dem Liquiditätsengpass verstärkte die Zentralbank die Aufsicht über die Handelsbanken und korrigierte die Kreditpolitik. Dass die Kreditzinsen nur einen Monat danach nach unten freigegeben wurden, ist offensichtlich kein Zufall.

Es handele sich um einen wichtigen Schritt für eine marktorientierte Reform des Zinssatzes, die eine bessere Nutzung bereits genehmigter Kredite fördere, erklärte Zhang Yongjun, Wissenschaftler am China Center for International Economic Exchanges.

Man habe die Reglementierungen aufgehoben, da die makro- und mikroökonomische Situation reif dafür gewesen sei, hieß es in einer Stellungnahme der Zentralbank. Zurzeit sind Wachstum und Preisniveau stabil, der Zeitpunkt für weitere Reformen ist somit günstig. Im Laufe mehrjähriger Reformen hat die Zentralbank die Reglementierungen für die Finanzinstitute ständig verbessert. Die Banken und der Markt haben mehr Einfluss auf die Preisgestaltung erhalten. Der Shanghai Interbank Offered Rate (Shibor) wurde zu einer wichtigen Referenz für die Preisgestaltung von Finanzprodukten wie Unternehmensanleihen, Derivaten und Finanzdienstleistungen. Die Währungspolitik wurde außerdem besser in die Finanzmärkte eingebettet.

Man habe sich nach Abschätzung aller Risiken für die Liberalisierung der Zinssätze entschlossen, erklärte die PCB. In der Tat haben stabile Zinssätze die Zentralbank rückwirkend dazu ermutigt, die Reglementierung abzuschaffen. Denn die Untergrenze von 70 Prozent des Referenzsatzes existierte nur auf dem Papier: Keine Bank hatte Anleihen mit einem darunter liegenden Zinssatz gewährt.

Laut einem Bericht zur Währungspolitik im ersten Quartal 2013 waren im März nur 11,44 Prozent der Kredite mit Zinssätzen unter dem Referenzsatz vergeben worden, ein Rückgang von 2,72 Prozent im Vergleich zum Jahresbeginn. Bei 64,77 Prozent der Anleihen lagen die Zinsen über dem Referenzsatz, das waren 5,03 Prozent mehr als zu Beginn des Jahres.

In der gegenwärtigen Situation wird die Freigabe der Zinssätze nicht zu exzessivem Wettbewerb unter den Banken oder erheblichen Schwankungen auf dem Kreditmarkt führen. Das verhindern die strenge Kreditvergabe und Zinssätze über dem Referenzsatz.

Tragweite

Die Freigabe der Untergrenze für Zinssätze erfolgt parallel zur dringend erforderlichen Regulierung der Wirtschaftsstruktur.

"Die völlige Abschaffung der reglementierten Zinssätze wird der Finanzindustrie bei der Entwicklung der Realwirtschaft helfen ", erklärte Lian Ping, Chef-Ökonom bei der Bank of Communications.

Große und mittlere Unternehmen hätten nun den Banken gegenüber eine bessere Verhandlungsposition, ihre Finanzierungskosten sinken, erklärt Lian. Das wiederum erhalte ein stabiles Wachstum. Außerdem würden Banken Klein- und Kleinstunternehmern gerne mehr Kredite zu höheren Zinssätzen gewähren und so ihren Ressourcenmangel ausgleichen. Da Klein- und Kleinstunternehmen eine wichtige Rolle bei der Schaffung von Arbeitsplätzen spielen, werden gleichzeitig Wachstum und Wandel gefördert.  

Der traditionelle Wachstumsmodus ist ein Auslaufmodus, die Liberalisierung der Zinssätze notwendig. Wegen ihrer strengen Reglementierung waren Handelsbanken von leichten Krediten und der Zinsdifferenz zwischen Anleihen und Einlagen abhängig. Es bestand kein Anreiz, Management und Service zu verbessern, denn die meisten heimischen Kredite gingen an Staatsunternehmen.

Eine stufenweise Lockerung der Zinssätze war dringend nötig, um diese Probleme zu lösen, die irrationale Kreditnachfrage zu drosseln und Kredite an Unternehmen und Firmen zu verteilen, die die Realwirtschaft unterstützen. Die Freigabe der Untergrenze für Kreditzinsen entspricht dieser Notwendigkeit.

Die Freigabe werde in dreierlei Hinsicht eine wichtige Rolle spielen, so Lian. Sie soll Innovationen in den Handelsbanken anregen. Deren Zinseinnahmen reduzieren sich nun möglicherweise, das zwingt sie zu Kreativität und zinsunabhängigen Einnahmen.

Die Bankenaufsicht soll nach wissenschaftlicheren Kriterien erfolgen. Indem die Zentralbank Soll- und Habenzinssätze sowie die Preise für andere Finanzinstrumente verändert, kann sie Angebot und Nachfrage nach Fonds und die Ausgewogenheit der Vermögensverteilung besser beurteilen. All das sind wichtige Indikatoren für die währungspolitischen Entscheidungen der Zentralbank.

Außerdem werden die Finanzierungsschwierigkeiten von Klein- und Kleinstunternehmen abnehmen. Banken werden um diese Kunden wetteifern, um ihnen Darlehen zu höheren Zinssätzen anzubieten.

 

Der nächste Schritt

Mit der teilweisen Freigabe der Kreditzinsen ist China nur noch einen Schritt entfernt von einer vollständigen Liberalisierung der Zinssätze. Der nächste Schritt wäre die Aufhebung der Obergrenze für Einlagenzinsen. Das würde größeren Einfluss auf das Bankwesen haben. Dies müsse Schritt für Schritt und in geordneter Weise erfolgen, meinen Analysten.

Anders als in den Industrieländern fehlt China ein voll funktionierendes Einlagensicherungssystem, das den Sparern einen Anteil ihrer Einlagen garantiert, falls die Bank Pleite geht. Ohne eine solche Absicherung wird man die Obergrenze für Einlagenzinsen nicht freigeben.

China hat außerdem seine Lektion aus der Geschichte gelernt. Als die USA in den 1970er Jahren die Obergrenze für Einlagenzinsen freigaben, gingen Tausende von Banken bankrott, das ist für die chinesische Regierung inakzeptabel. Die Lockerung der Einlagenzinsen gilt als entscheidender und riskantester Schritt bei der Liberalisierung der Zinssätze.

Banken-Insider halten es für denkbar, dass die Zentralbank nach einer Analyse der Auswirkungen der Zinsfreigabe auf den Bankensektor die Obergrenze für Einlagenzinsen innerhalb der nächsten fünf Jahre abschaffen könnte.