26-07-2013
Wirtschaft
Trotz Preisaufschlägen: Chinesen wollen Milchpulver aus dem Ausland
von Deng Yaqing

Nach mehreren Milchpulverskandalen ist das Vertrauen in heimische Marken verschwunden.

Die Qual der Wahl: Kunden vor einem Regal mit Babynahrung in einem Supermarkt in Guangzhou, Hauptstadt der Provinz Guangdong. (11. Juli) Lu Hanxin

Zhou Chunyan, eine 27-jährige Mutter aus Shanghai, verbringt den Großteil ihrer Zeit damit, sich um ihren kleinen Sohn zu kümmern. „Er ist mein ein und alles. Jeden Tag koche ich sein Geschirr ab, wähle seine Kleidung aus, bereite seinen Brei im Entsafter zu und wähle natürlich das Milchpulver für ihn aus", erzählt Zhou.

Wegen der vielen Milchpulverskandale in China – so wie der jüngste Fall eines Unternehmens, das Herstellungsdaten auf Verpackungen fälschte, und der Melamin-Skandal aus dem Jahr 2008, bei dem 300.000 Babys erkrankten und sechs starben – würde sie ihren Sohn niemals mit heimischen Milchprodukten füttern.

"Für meinen Sohn nehme ich die Produkte von Friso. Es ist eine ziemliche Luxusmarke in der Säuglingsnahrung", sagt Zhou. Friso ist ein niederländischer Molkereikonzern. „Die Babynahrung kostet mich jeden Monat mehr als 3000 Yuan", ein großer Anteil des monatlichen Haushaltseinkommens von 20.000 Yuan.

Mütter mit Freunden oder Verwandten im Ausland haben andere Möglichkeiten.

"Ich habe immer meine Freunde gebeten, mir Milchpulver aus dem Ausland zu schicken. Selbst mit Zustell- und Zollgebühren ist das immer noch viel billiger, als wenn ich die gleichen Produkte hier im Supermarkt kaufe", sagt Tang Jiajia, Mutter eines zweijährigen Sohnes. Als studierte Agrarwissenschaftlerin sind ihr sichere Lebensmittel besonders wichtig.

Anfang Juli bestätigte die Staatliche Kommission für  Entwicklung und Reform eine Untersuchung wegen Preisabsprachen gegen mehrere in- und ausländische Milchpulver-Hersteller.

Mead Johnson, Marktführer für Säuglingsnahrung im Jahr 2012, verkündete kurz nach dieser Meldung Preissenkungen von 7 bis 15 Prozent. Dumex, ein französischer Milchproduzent, der zu Danone gehört, versprach ebenfalls Preissenkungen bei seinen drei wichtigsten Produkten. Beingmate, ein Molkereikonzern aus Hangzhou in der Provinz Zhejiang und Nummer eins unter den heimischen Herstellern, verkündete nach dem Beginn der Ermittlungen ebenfalls Preisnachlässe. Bis jetzt wird gegen neun Milchpulver-Hersteller wegen möglicher Preisabsprachen ermittelt.

 

Der Aufstieg ausländischer Marken

Nach Zollangaben importierte China in der ersten Jahreshälfte 445.000 Tonnen Milchpulver, 24,8 Prozent mehr als im Vorjahr und ein krasser Gegensatz zum Jahr 2008, als nur 120.000 Tonnen eingeführt wurden. Setzt sich diese Entwicklung fort, würde die 1-Millionen-Tonnen–Grenze noch in diesem Jahr überschritten, geschmuggelte, und im Ausland erworbene Produkte nicht miteingerechnet.

"Jeden Monat gebe ich 700 Yuan für Milchpulver aus. Würde ich chinesische Produkte kaufen, wäre das billiger. Aber was zählt, ist Qualität. Die meisten chinesischen Mütter vertrauen den heimischen Marken nicht mehr", klagt Tang.

Im Jahr 2000 befand sich Chinas Milchwirtschaft im Aufschwung. 2005 war China sogar der drittgrößte Milchproduzent der Welt, eine erstaunliche Wende für ein Land, das einst an Milchmangel litt. Doch der berüchtigte Skandal aus dem Jahr 2008 ruinierte die Branche.

Vorher hatten chinesische Milchprodukte einen Marktanteil von 60 Prozent, 40 Prozent gingen an ausländische Hersteller. In den Folgejahren eroberten ausländische Marken wie Mead Johnson, Dumex, Abbott Laboratories und Wyeth schnell 70 Prozent des Marktes in First- und Second-Tiers-Städten.

Der Verkauf von Milchpulver erreichte im Jahr 2012 Umsätze von 38,5 Milliarden Yuan. Marktführer ist laut AC Nelson Mead Johnson mit einem Marktanteil von 12,3 Prozent.

"Nach dem Melamin-Skandal verloren heimische Hersteller ihren Einfluss auf die Preisgestaltung. Seit 2008 haben sich die Produktionskosten für Milchpulver nicht sehr verändert, die Preise für ausländische Produkte in den Regalen sind dennoch um 70 bis 120 Prozent gestiegen", sagt Lei Yongjun, Branchenexperte von Prospertao, einem Brand-Marketing-Unternehmen.

Einige der ausländischen Molkereiunternehmen haben versprochen, die Preise in den nächsten ein bis zwei Jahren nicht zu erhöhen, was gute Neuigkeiten für chinesische Eltern sind. Aber auch wenn die Preise wieder anziehen, ist es unwahrscheinlich, dass die Verkaufszahlen sinken.

"Wichtiger als Preisnachlässe und Werbeaktionen ist mir, dass mein Baby unbedenkliche Milch trinken kann ", sagt Zhou, die Mutter aus Shanghai. "Wenn es eine Qualitätsgarantie gibt, werde ich jeden Preis zahlen."

 

Schweres Comeback am Markt

In den zehn Jahren vor dem Melamin-Skandal wuchs Chinas Milchwirtschaft schnell um jährlich durchschnittlich 17,4 Prozent. Seit 2008 hat sich die Branche abgekühlt, das durchschnittliche Jahreswachstum bei Frisch- und Rohmilch liegt nur noch bei 1,29 Prozent.

Der Melamin-Skandal war eine Katastrophe für den heimischen Hersteller Sanlu, einst die älteste und beliebteste Marke für Säuglingsnahrung in China. Sein Marktanteil von 18,26 Prozent löste sich in Luft aus, Mengniu, Yili und Bright Dairy erlitten ebenfalls herbe Verluste.

Die Importe von Milchprodukten nahmen daraufhin zu. In den ersten vier Monaten des Jahres seien 596.200 Tonnen Molkereiprodukte für 2,08 Milliarden Dollar importiert worden, exportiert wurden nur 12.400 Tonnen im Wert von 24 Millionen Dollar, erklärte Song Kungang, ehrenamtlicher Generaldirektor des Chinesischen Verbands der Milchwirtschaft, bei einer Veranstaltung zum Thema Lebensmittelsicherheit des Ministeriums für Industrie und Informatik am 18. Juni. 

Der Milchskandal von 2008 hat nicht nur Sanlu das letzte Hemd gekostet, sondern wirkte sich auch auf das Schicksal vieler heimischer Milchpulverhersteller aus und zwang sie, sich nach anderen Märkten umzusehen.

Andere versuchen, das Vertrauen schrittweise wieder aufzubauen. Im Mai gründeten Danone und China National Cereals, Oils and Foodstuffs Corp. (COFCO) ein Joint-Venture, Mengniu will seine Joghurt-Sparte mit Danone zusammenlegen. Bright Dairy übernahm 2010 Synlait Milk in Neuseeland.

Dennoch scheinen die Aktionen nicht auszureichen, um chinesische Verbraucher zu beruhigen. „Meine eigene Milch reichte für meine Tochter nicht aus. Daher bekam sie seit ihrer Geburt auch Säuglingsnahrung. Ich kaufe Mead Johnson, weil einer meiner Freunde mir erzählt hat, dass Kinder, die importierte Babynahrung essen, klüger, größer und gesünder als andere sind, sagt Jiang Rong, eine junge Mutter.

Ausländische Unternehmen erhöhen in China häufig ihre Preise. Zum Beispiel Mead Johnson. Die Produkte des amerikanischen Unternehmens wurden erstmals im September 2008 um 15 Prozent teurer. 2011 und 2012 gab es nochmals einen Preisaufschlag von jeweils rund 10 Prozent.

Die Unternehmen geben zu, ganz hübsch von den chinesischen Verbrauchern zu profitieren. Geraten sie ins Visier der Behörden, senken sie ihre Preise schnell wieder. Für chinesische Mütter ist der Verdacht der Preisabsprache dennoch kein Grund zur Verunsicherung. Zhou gab einen gut bezahlten Job auf, um zu Hause zu bleiben und sich ganz um ihren Sohn zu kümmern. „Ein höherer Preis für ausländisches Milchpulver erscheint mir irgendwie vernünftig. Alles in allem zählt für mich nur Qualität, wenn es um mein Baby geht."