02-07-2013
Wirtschaft
Liquiditätskrise in Chinas Handelsbanken
von Lan Xinzhen

 Die Zentralbank ist entschlossen, mehr Geld in die Realwirtschaft zu leiten und fragwürdiges Kreditwachstum zu dämpfen.

 

Am 24. Juni fiel der Index der Börse von Shanghai (Shanghai Composite Index) um 5,3 Prozent auf 1963,24 Punkte, der größte Absturz an einem Tag innerhalb von vier Jahren. Am Folgetag stürzten chinesische Aktien erst auf ihren tiefsten Wert seit viereinhalb Jahren, um sich kurz darauf wieder zu erholen.  

Wegen der wachsenden Sorge um die sich verschärfende Kreditknappheit in Chinas Banken und der starren Haltung der Zentralbank, die den Banken die gewohnte Liquidität verweigerte, gerieten die Märkte ins Schwanken.

Ein deutliches Anzeichen für die Liquiditätsklemme im Bankensektor ist der starke Anstieg der Zinssätze für Interbankkredite seit Mitte Mai. Am 20. Juni kletterte der Shibor (Shanghai Interbank Offered Rate), der Geldmarktzins für Tagesgeld, auf ein Rekordhoch von 13,44 Prozent.

Wie üblich erhofften sich die Handelsbanken Hilfe von der Zentralbank des Landes, der People's Bank of China (PBC). Die hielt sich diesmal allerdings zurück. Am 24. Juni forderte sie stattdessen die Handelsbanken auf, die mit Krediterweiterungen verbundenen Risiken zu kontrollieren und ihre Liquidität besser zu steuern.

 Chinas Schattenbankensystem hat in den vergangenen Jahren viel zu viel und zu leichtsinnig Geld verliehen. Spekulanten, Immobilienentwickler und lokale Regierungen haben enorme Schuldensummen angehäuft. Die Zentralbank will das Geld nun stattdessen in die Realwirtschaft pumpen, um das Wachstum zu stützen.

Experten warnen davor, dass das gesamte Finanzsystem des Landes ohne eine grundlegende Bankenreform seine bis dato größte Krise erleben könnte.

 

 Die wirkliche Ursache

Der Juni ist traditionell eine Zeit der Kreditknappheit, aber in diesem Jahr fällt sie härter aus. Einige besondere Faktoren hätten zur Verknappung beigetragen, erklärte eine nicht näher spezifizierte Quelle aus dem Umfeld der PCB gegenüber der Nachrichtenagentur Xinhua. „Erstens schossen die Bankdarlehen in den vergangenen Monaten in die Höhe und übten so Liquiditätsdruck auf die Handelsbanken aus. Zweitens ist Ende Mai normalerweise die Hauptzeit für die Zahlung der Unternehmenssteuern. Drittens litt China wegen einer neuen Regulierung des Devisenmarktes, die Kapitalzuströme bekämpfen soll, in den jüngsten Wochen und Monaten an nachlassenden Devisenzuflüssen. 

 Fehlt den Banken wirklich Bargeld? Die Antwort lautet: Nein.

 Zum 21. Juni verfügten Finanzinstitute insgesamt über Geldvorräte von 1,5 Billionen Yuan (187,5 Milliarden Euro). Üblicherweise reichen 600 bis 700 Milliarden Yuan (75 bis 87,5 Milliarden Euro) für die täglichen Bankgeschäfte aus, hieß es in einer Stellungnahme auf der Website der PBC.

 Das Kapital der meisten chinesischen Banken fließt in vier Richtungen: Pflichtrücklagen für Bankeinlagen, Rückkaufvereinbarungen mit der Zentralbank,  Kreditauszahlungen und den Erwerb von Geldanlageprodukten.

 Zurzeit haben Chinas Handelsbanken Pflichtrücklagen in Höhe von 19 Billionen Yuan (237,5 Milliarden Euro) in der Zentralbank gelagert, der durchschnittliche Sparer braucht sich also keine Sorgen darüber zu machen, dass sich die Liquiditätsklemme auf sein Geld auswirkt. Am besorgniserregendsten sind Bankkredite und Geldanlageprodukte.

Die Bankkredite der vier großen Staatsbanken, d.h. der Industrial and Commercial Bank of China, der Agricultural Bank of China, der Bank of China und der China Construction Bank, beliefen sich vom 1. bis 9. Juni auf insgesamt 217 Milliarden Yuan (27,1 Milliarden Euro), erfuhr die Security Times aus einer nicht näher genannten Quelle. Sie übertrafen damit ihre Darlehen vom Mai und besonders vom Juni.

 Ende Juni prüft die Zentralbank alljährlich das Liquiditätsrisiko aller Handelsbanken. Zu diesem Zeitpunkt heben Banken ihr Geld ab. In der Vergangenheit gelang es ihnen stets, Geld zu beschaffen, um die Prüfung durch die Zentralbank zu bestehen. In diesem Jahr erwies sich dies aber aufgrund des starken US-Dollars und des großen Cash Flow aus den Schwellenmärkten und in die USA als schwierig. Es blieb ihnen nur die Möglichkeit, Geld von anderen Banken zu leihen.

 "Die Kreditklemme wird nicht durch einen Geldversorgungsengpass verursacht, sondern durch unvernünftige Investitionsstrukturen der Handelsbanken", erklärt Guo Tianyong, Direktor des Banking Research Center an der Central University of Finance and Economics in Beijing.

Der Liquiditätsdruck sei eine gute Lektion für Chinas Banken, meint Guo. Er sei dennoch nicht vergleichbar mit dem Einfrieren der Interbanken-Märkte in den USA nach dem Lehman-Skandal im Jahr 2008. Beide Ereignisse seien völlig unterschiedlicher Natur.

 "Die Krise der US-Banken im Jahr 2008 entstand durch regelwidrige Kreditvergaben", erklärt Guo. „Die Banken vergaben Kredite an ungeeignete Bewerber und verstärkten so die Aufnahme von Immobilien-Hypotheken. Später konnten die Hausbesitzer ihre Schulden nicht zurückzahlen, Ergebnis war die Subprime-Hypothekenkrise. In China machen Immobilien-Hypotheken dagegen nur 25 Prozent der Gesamtbankenkredite aus und es fehlt die Hebelwirkung", so Guo. 

 Stephen Green, für China zuständiger Chefökonom bei der Standard Chartered Bank, teilt Guos Ansicht.

 "Die zurzeit hohen Zinsen für Interbankkredite sind das gewünschte Ergebnis einer Kampagne der PBC. Damit will sie Banken zwingen, ihre Liquidität besser zu steuern und die Verschuldung in bestimmten Bereichen zu reduzieren", so Green.

 „Wir glauben, dass es sich um eine bewusste politische Strategie zum Risikoabbau im Interbankensystem handelt", erklärte er.

Konfrontation

Um gegen die drohende Gefahr vorzugehen, hat die Zentralbank am 17. Juni eine Vorschrift erlassen, die Handelsbanken vor exzessiver Kreditvergabe und waghalsigen Investitionen warnt.

 Chinas Handelsbanken betrachten die Zentralbank normalerweise als "fürsorgliche Mutter". Immer, wenn es zu einer Liquiditätskrise kommt, wird „Mutti" schon den Mindestreservesatz senken, um für Liquidität zu sorgen.

 Aber zur Überraschung der Banken kam ihnen die Zentralbank diesmal nicht zu Hilfe, sondern blieb hart. Das unterstreicht das Ziel der neuen politischen Führung, die Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und Marktorientierung zu reformieren, da zügelloses Kreditwachstum die wirtschaftliche Realität verfälscht.

 Nach Angaben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers summierten sich schlechte und überfällige Kredite bei Chinas zehn börsennotierten Banken Ende 2012 auf 376,2 Milliarden bzw. 486,5 Milliarden Yuan (47 Milliarden bzw. 60,8 Milliarden Euro). 

 Zur Beruhigung des Marktes veröffentlichte die Zentralbank am 25. Juni auf ihrer Website ein Statement, indem sie erneut ihre Absicht bekräftigte, Banken zur kontrollierteren Kreditvergabe zu bewegen. Gleichzeitig erklärte sie, dass sie Instituten, die die Realwirtschaft unterstützen, Bargeld zur Verfügung stellen werde.

 "Für Finanzinstitute, die ihre Kredite auf die Realwirtschaft ausdehnen und ein besonnenes Kreditgeschäft pflegen, wird die Zentralbank bei vorübergehendem Kapitalmangel Liquiditätshilfen bieten."

 Am 25. Juni fiel die Shanghai Interbank Offered Rate, der Geldmarktzins für Tagesgeld, auf 5,736 Prozent.

 Die Kreditverknappung sei eine neue politische Entscheidung von Premier Li Keqiang, meint Cao Xuefeng, Forschungsleiter bei Huaxi Securities in Sichuan.

 "Falls die neue Führungsspitze ihren gegenwärtigen Ansatz beibehält, wird sich das Risiko eines Wachstumsabschwungs in diesem Jahr verstärken, aber es wird unserer Ansicht nach auch bei der Reduzierung systemischer Finanzrisiken helfen und langfristig nachhaltiges Wachstum fördern", erklärt Zhang Zhiwei, für China zuständiger Ökonom bei Nomura Securities.

 China fehlen keine Geldvorräte, sondern ein gesundes Finanzsystem. Daher verweigerte die Zentralbank dem Markt Kapitalspritzen, um so wiederum Banken zur Transformation ihrer Wachstumsmodelle zu zwingen.

 "Oberflächlich betrachtet ist die Liquiditätsknappheit ein Problem der Banken. Aber der eigentliche Grund dafür sind die langsamen Finanzreformen und unzureichende Kontrollen", erklärt Zhang Chenhui, Direktor des Research Institute of Finance, das zum Forschungs- und Entwicklungszentrum des Staatsrats gehört.

 Die Kreditknappheit zeige die Entschossenheit der Regierung zur Reform des Bankensektors, meint Qu Hongbin, Ökonom bei der HSBC.

 "Die Regierung will lieber Reformen durchführen, als einfach nur die Wirtschaft anzuheizen."