| Der steigende Renminbi ist keine Hilfe für Chinas Exporte.
Wenn Dong Yuejun in sein Büro kommt, prüft er als erstes die aktuellen Wechselkurse.
"Die Kursschwankungen des Yuan bedeuten unüberschaubare Kosten. Das spielt eine große Rolle für den Außenhandel", sagt Dong, ein Exporteur für Elektrogeräte in Ningbo in der ostchinesischen Provinz Zhejiang.
Die rasche Aufwertung des Yuan begann am 1. April diesen Jahres. Am 24. Mai stieg der Kurs von 6,2674 auf den Rekordwert von 6,1867 im Vergleich zum Dollar. Seit Anfang 2013 verteuerte er sich gegenüber dem Dollar um 1,6 Prozent. 2012 war sein Wert nur um ein Prozent gestiegen.
Das Handelsministerium (MOFCOM) hat davor gewarnt, dass ein steigender Yuan gravierende Auswirkungen auf Chinas Exporte haben könnte. Viele fragten sich daraufhin, wie der steigende Kurs in das Gesamtbild von Chinas Wirtschaftswachstum passt.
Ernste Auswirkungen
„Je mehr Dollar du verdienst, desto mehr Verluste machst du", erklärt Fu Chuangguang, Bekleidungsexporteur aus Hefei, der Hauptstadt der Provinz Anhui, in einem Gespräch über die jüngste Aufwertung des Yuan. Im letzten halben Jahr brachte der starke Yuan für ihn das Fass zum Überlaufen. „Steigende Arbeits- und Materialkosten, eine schwache Nachfrage und ein intensiver Preiswettbewerb haben meine Gewinnspanne hauchdünn werden lassen. Der steigende Yuan hat den mageren Profit ganz aufgezehrt", sagt Fu.
„Wegen niedriger Gewinnspannen und einer hohen Abhängigkeit vom Export war die Textilindustrie die erste Branche, die die Last der Yuan-Aufwertung zu spüren bekam", erklärte Tang Shuangshuang, Analyst bei Huachuang Securities. Eine einprozentige Aufwertung des Yuan führt laut Tang dazu, dass die Gewinne in der Branche um 1 bis 4 Prozent schrumpfen. Sogar große Unternehmen können diesem Effekt nicht entkommen. Lutai Textile Co. Ltd., ein Export-Unternehmen in der Provinz Shandong, meldete im vergangenen Jahr seinen ersten Rückgang seit seiner Börsennotierung im Jahr 2000. „Die Wechselkursschwankungen hatten negative Auswirkungen auf die Exporteinnahmen", hieß es im Geschäftsbericht für das Jahr 2012.
Der Textilsektor war nicht die einzige Branche, die vom starken Yuan beeinträchtigt wurde. „Ein Freund von mir, der Emaillegeschirr exportiert, machte nur zwei Prozent Gewinn. Neue Aufträge nahmen in diesem Jahr um mehr als 50 Prozent ab", sagt Fu.
„Der steigende Yuan setzt viele exportorientierte Firmen in China unter wachsenden Druck", erklärt Tan Yaling, Direktor des China Forex Investment Research Institute.
"Die jüngste Aufwertung des Yuan bedroht die Gewinne chinesischer Exporteure", sagt auch MOFCOM-Sprecher Shen Danyang. „Viele Exporteure zögern, mehr Aufträge anzunehmen, da sie kein Vertrauen mehr in ihre geschäftliche Zukunft haben. Die Gewinne sind auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Viele kleine und mittlere Unternehmen kämpfen ums Überleben."
Der Yuan steigt nicht nur im Vergleich zum US-Dollar. Seit dem ersten Börsentag des Jahres verteuerte er sich auch um 19 Prozent gegenüber dem Yen und 2,6 Prozent gegenüber dem Euro.
Chinas Exporte nach Europa sanken im April um 6,5 Prozent auf 25,9 Milliarden Dollar. Der Handel mit einigen europäischen Ländern ging sogar noch stärker zurück. Deutsche Importe aus China sanken um 7,2 Prozent, Frankreich importierte 6,7 Prozent weniger. Ausfuhren in die USA sanken leicht auf 28,1 Milliarden Dollar.
Weitere Aufwertung zeichnet sich ab
Die schnelle Aufwertung des Yuan sei teilweise auf den gestiegenen Zustrom ausländischen Kapitals zurückzuführen, meinen Experten. „Durch die lockere Währungspolitik in Ländern wie den USA und Japan fließt Fremdkapital nach China und sorgt für eine Aufwertung des Yuan ", erklärte Fan Yanhui, stellvertretender Direktor des Financial Research Institute an der University for International Business and Economics. Am 5. Mai verkündete die Staatliche Verwaltung für Devisen eine Reihe von Maßnahmen, um den Zustrom heißen Geldes zu bekämpfen.
Die erwarteten Zinsniveau-Differenzen in China und Ländern mit einer lockeren Währungspolitik, welche die Einnahmen aus Bankeinlagen senkt, stützt einen stärkeren Yuan, so Su Huayu, Wirtschaftsprofessor an der Jinan-Universität in Guangzhou. Neben dem Zufluss an heißem Geld haben auch die stabile chinesische Wirtschaft und die Wachstumsversprechen der neuen Regierung zur Aufwertung des Yuan beigetragen, so Fan.
Immer mehr kleine und mittlere Unternehmen kämpfen ums Überleben, eine weitere Aufwertung könnte für sie das Aus bedeuten. „Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalten kann. Wenn die Situation noch schlimmer wird, werde ich das Geschäft wohl in spätestens zwei, drei Jahren aufgeben", sagte Wang Xian, Schuhexporteur in Dongguan in der Provinz Guangdong gegenüber dem Fernsehsender CCTV.
Experten warnen vor der Gefahr einbrechender Exporte. Wenn der Kurs des Yuan im Vergleich zum Dollar auf 6 steigen würde, wäre das für viele Exporteure untragbar, meint Fan. „Falls sich die gegenwärtige Situation nicht ändert, muss China mit einer Geldentwertung rechnen", erklärte er. Der Wechselkurs sei außerdem eng mit dem Status der Gesamtwirtschaft verknüpft, die vor großen Problemen wie einer steigenden regionalen Verschuldung, einem instabilen Immobilienmarkt und einem schwächer werdenden Industriesektor stehe, was dem Yuan wenig Spielraum für eine weitere Aufwertung lasse, so Fan.
Chinas Wirtschaft geriet im ersten Quartal unerwartet ins Stocken, sie wuchs im Vorjahresvergleich um 7,7 Prozent. Analysten hatten mit mehr Schwung gerechnet. „Da sich die Konjunktur in den USA und Europa langsam erholt, werden ihre Währungen wieder zulegen. Dann wird der Yuan an Wert verlieren", erklärte Fan.
Laut Einschätzung des West Brothers Economic Research Institute wird sich Chinas Währung in den nächsten fünf Jahren um fast zehn Prozent im Vergleich zum Dollar verteuern. „Ich bin sicher, dass der Yuan langfristig zulegt. Ich hoffe, dass dies schrittweise geschieht, so dass wir zwar mal mehr, mal weniger Gewinne haben, aber immer noch überleben können", so Fu.
Bewältigungsstrategien
Steigende Kosten und ein teurer Yuan bringen Exporteure in eine Zwangslage. Mit unterschiedlichen Mitteln versuchen sie, ihre Geschäftsrisiken zu senken.
Um Wechselkursverluste zu minimieren, testen sie Finanzinstrumente wie nicht lieferbare Yuan-Terminkontrakte.
Durch die Festlegung der gewünschten Wechselkursrate ermöglicht das Termingeschäft eine Absicherung gegen Kursschwankungen. Dennoch ist dieses Vorgehen nicht besonders beliebt. „Die Nutzung von Finanzinstrumenten erfordert ein beachtliches Kapital", erklärt Chen Cunman, Verkäufer für Energieerzeugungsanlagen in Suzhou in der Provinz Jiangsu. „Die effektivste Methode zur Vermeidung von Währungsverlusten ist eine Abrechnung in Yuan."
Seitdem er bei mehreren in Dollar abgewickelten Geschäften im vergangenen Jahr Verluste hinnehmen musste, entschloss sich Chen, in Yuan abzurechnen. Aber auch das ist kein Allheilmittel. „Es bedeutet, dass man das Aufwertungsrisiko auf den Kunden abwälzt. Daher muss man andere Zugeständnisse wie z.B. Preissenkungen machen", sagt er.
Die günstigeren Fremdwährungen haben Exporteure auch dazu angeregt, zunehmend importierte Materialien und Komponenten zu nutzen. „Wir haben mehr Geräte und Material aus Japan importiert, um unsere Verluste zu abzumildern", erklärt Li Yan, ein Exportunternehmer aus Dongguan, Provinz Guangdong.
Für Zhao Xiao, Professor an der School für Economics and Management an der University of Science and Technologie in Beijing, bieten die günstigeren Fremdwährungen außerdem neue Chancen für den Außenhandel.
"In einem gewissen Ausmaß wird die Aufwertung des Yuan die Exporteure dazu zwingen, ihre Pläne zum Aufstieg in der Wertschöpfungskette und zur Herstellung von High-End-Produkten schneller umzusetzen. Es ist eine Chance, moderne Technologie und Geräte zu niedrigeren Preisen zu erwerben." |