| Um einer Finanzkrise vorzubeugen, bemüht sich Chinas Finanzwelt Spekulationsgeschäften einen Riegel vorzuschieben. Sie unterstützt die Realwirtschaft und will der chinesischen Wirtschaft wichtige Impulse liefern.

Kontaktbörse in Sachen Wirtschaft: Unternehmer verhandeln mit Bankenvertretern über Kreditaufnahme. Kleine und mittlere Unternehmen sollen künftig jede denkbare Unterstützung erhalten. (Foto: Xinhua)
An der Wall Street schießt die Fiktivwirtschaft schon lange ins Kraut und hat wohl wesentlich zur Entstehung der Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 beigetragen. Dieses Negativbeispiel hat die chinesische Regierung vor Augen, wenn sie über das Entwicklungspotenzial der Finanzwirtschaft nachdenkt.
Auf der am 6. und 7. Januar dieses Jahres abgehaltenen 4. Nationalen Finanzarbeitskonferenz betonte Ministerpräsident Wen Jiabao, dass China an der grundlegenden Forderung, dass die Finanzwelt der Realwirtschaft diene, festhalten und gewährleisten sollte, dass das Kapital ausschließlich in die Realwirtschaft fließt. Entschieden sei dagegen vorzugehen, Kapital in die Fiktivwirtschaft fließen zu lassen oder mit Geldern zu spekulieren.
Ministerpräsident Wen Jiabao hat im Namen der Regierung erstmals Chinas Finanzwelt davor gewarnt, eine Fiktivwirtschaft entstehen zu lassen. Diese Warnung soll dazu beitragen, das Entstehen einer Finanzkrise zu verhüten.
Die Nationale Finanzarbeitskonferenz ist das höchste staatliche Gremium zur Aufsicht über den Finanzsektor. Sie tagt rund alle fünf Jahre und fand bislang im Jahr 1999, Ende 2002 und Anfang 2007 statt. Jede dieser Konferenzen hat Chinas Finanzwirtschaft Anstöße in Richtung auf weitere Reformen gegeben und wichtige Maßnahmen in Kraft gesetzt.
Die inländische und internationale Lage, mit der sich das Finanzsystem derzeit konfrontiert sieht, unterscheidet sich grundsätzlich von der Situation, die während der vorangegangenen drei Konferenzen gegeben war. Zwar scheint es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich die europäische Schuldenkrise dramatisch zuspitzt, aber sie wird auch nicht kurzfristig zu überwinden sein. Chinas Finanzinstitute sollten sich jeder Tendenz widersetzen, die zu einem Überspringen der Krise auf die Binnenwirtschaft führen könnte.
Die chinesische Wirtschaft hat bereits reichlich mit hausgemachten Problemen zu kämpfen. In einigen Teilen des Landes -- wie zum Beispiel in Yunnan -- sind Vertragsbrüche bei Kreditgeschäften auf lokaler Ebene an der Tagesordnung. Dort verweigern immer mehr Kreditnehmer die Rückzahlung ihrer Schulden. Blasen auf dem Immobilienmarkt drohen zu platzen, ein rasanter Rückgang der Auslandsnachfrage und Probleme bei kurzfristiger Kreditaufnahme prägen das Bild auch in anderen Teilen des Landes und trüben die Stimmung. Deshalb kam bei der diesjährigen Konferenz der Beibehaltung der Stabilität und der Risikovorbeugung die höchste Priorität zu.
Zhao Xijun, Vizedirektor des Instituts für Finanzwirtschaft an der Renmin-Universität in Beijing, unterstützt die Forderung der Regierung, dass sich die Finanzwelt auf die Realwirtschaft ausrichten soll. Nach seiner Einschätzung bergen Finanzprodukte und Finanzdienstleistungen viele Risiken, vor allem dann, wenn sich die Finanzwirtschaft darauf konzentriert, Interbankgeschäfte abzuwickeln und Geldmarktprodukte zu offerieren, die keinen Bezug zur Realwirtschaft hätten. Die Rolle der Finanzwelt als Dienstleister für die Wirtschaft müsse stets im Vordergrund stehen.
In einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua hob Zhou Xiaochuan, Chef der Chinesischen Volksbank, hervor, dass man die Reformen im Finanzwesen vorantreibe und es keine grundsätzlichen Einwände gegen eine Marktsteuerung der Zinssätze gebe. Dabei gelte es jedoch, schrittweise vorzugehen und weder die Situation der binnenländischen Wirtschaft noch die Lage auf den internationalen Finanzmärkten aus den Augen zu verlieren. Die Finanzinstitute sind gehalten, sich im Sinne der Marktwirtschaft auf eigenes Risiko auf dem Markt zu etablieren. Dadurch könnte sich die Konkurrenzsituation auf dem Finanzmarkt zum Vorteil der Verbraucher entwickeln und sich eine Freigabe der Preise als problemlos erweisen. Mit der Umwandlung der großen Geschäftsbanken in Aktiengesellschaften, deren Anteile an der Börse handelbar sind, würden die aktuellen Probleme der Gewährung unfairer Wettbewerbsvorteile und der bequeme Ausweg für Banken, sich im Krisenfall doch auf staatliche Rettungsschirme zu verlassen, wegfallen. Andererseits haben in der gegenwärtigen Finanzkrise auch einige Industriestaaten einen Null-Zinssatz eingeführt. Wenn man in China trotz des Vorhandenseins einer Zinslücke das System marktgesteuerter Zinssätze einführte, könnte es zu Verwerfungen kommen, die den Kapitalfluss behinderten. Deshalb sei gegenwärtig nicht der geeignete Zeitpunkt, die Zinssätze durch den Markt bestimmen zu lassen.
Erhöhter Kapitalbedarf der Unternehmen
Da sich China mitten in der Regulierung seiner Wirtschaft und im Prozess einer rasanten Urbanisierung befindet, kann der Finanzbedarf von Unternehmen auf Expansionskurs oft nicht gedeckt werden. Die Betriebe haben mit einer hohen Fremdkapitalquote, erheblichen Belastungen durch Steuern und Abgaben und einer drohenden Kreditklemme zu kämpfen.
Gegenwärtig genießt das Bankensystem das Vertrauen der Öffentlichkeit. Die Sparquote ist hoch und schlägt sich in entsprechenden Bankeinlagen nieder. Das den Banken anvertraute Kapital der Kleinanleger muss verantwortungsbewusst verwaltet werden. Die Kreditgewährung für Unternehmen stützt sich vor allem auf die Einlagen der Sparer. Nach Angaben der Zentralbank hat die Finanzwirtschaft von 1997 bis 2007 Unternehmen zur Deckung ihrer minimalen Kapitalanforderung Kredite in Höhe von drei Billionen Yuan zugeführt, was 25 Prozent der gesamten minimalen Kapitalanforderung der staatseigenen Unternehmen im gleichen Zeitraum ausmachte.
Da in China die Akquirierung von Unternehmenskapital hauptsächlich über Banken erfolgt, hat das Bankwesen in China hauptsächlich die schwere Aufgabe der Versorgung der Realwirtschaft mit Geld.
„Die Lehre aus der Finanzkrise der entwickelten Länder des Westens besteht darin, dass an der Forderung, die Finanzwirtschaft -- insbesondere die Banken – müssten der Realwirtschaft dienen, unbeirrt festgehalten wird. Zudem entspricht dies den Anforderungen der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung", meint Zhao Qingming, Chefökonom der China Construction Bank.
Alle großen chinesischen Banken sind darauf eingestellt, der Realwirtschaft beizuspringen. In einem Interview mit Xinhua hob Shang Fulin, Vorsitzender der chinesischen Bankenaufsicht, hervor, dass sich die Entwicklung des Bankwesens nicht von der Entwicklung der Realwirtschaft abkoppeln lässt. Die Bankenaufsicht verlangt von den Finanzinstituten, die Kreditstrukturen den Erfordernissen des Marktes anzupassen, die Qualität der Finanzdienstleistungen zu verbessern, den geordneten Fluss der Kreditgelder in die Wirtschaft zu gewährleisten und den Wandel der Wirtschaftsstruktur zu fördern.
Yang Kaisheng, Präsident der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) kündigte an, dass sein Haus gewissenhaft untersuchen werde, wie man die Schwachpunkte in der Entwicklung der Volkswirtschaft durch gezielte Finanzierung beheben könne. Auch gelte es, dass Niveau der Dienstleistungen der ICBC zu erhöhen.
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