06-09-2010
Wirtschaft
Sorge um Weizen
von Ding Shengjun

Es ist unwahrscheinlich, dass die explodierenden Getreidepreise die globale Getreidesicherheit gefährden

An den Terminbörsen Chicagos ist seit Anfang Juni eine rasante Verteuerung der Weizen-Termingeschäfte zu verzeichnen. Mit einem Anstieg um 62 Prozent erreichten sie ihren Höchststand seit September 2008. Auch in Russland stiegen die Weizenpreise kürzlich um 70 Prozent. Sogar in Europa erhöhten sich die Notierungen innerhalb kurzer Zeit um 8 Prozent.

Es gibt viele Gründe für den Anstieg der internationalen Weizenpreise. Russlands Ankündigung vom 5. August, den Export von Getreide und Getreideprodukten vom 15. August bis Dezember zu verbieten, wirkte jedoch als hauptsächlicher Katalysator. Das Ausfuhrverbot betrifft Weizen, Gerste, Roggen, Mais, Weizen- und Roggenmehl.

Russland unternahm diesen Schritt, um die Getreidepreise im Land kontrollieren und den Essens- und Tiernahrungsbestand gewährleisten zu können. Die Ursache dieser Reaktion ist die gestiegene internationale Nachfrage nach Getreide, insbesondere Weizen. Dennoch zog dieser Schritt Aufmerksamkeit aus aller Welt auf sich.

 

Steigende Getreidepreise

Unter Experten gibt es unterschiedliche Meinungen zum jüngsten Anstieg der Getreidepreise. Russlands Exportverbot für Getreideprodukte war sicherlich nicht der einzige Grund. Es ist nicht fair, Russland zum alleinigen Sündenbock zu machen. Denn Maßnahmen zur Exportregulierung, um die Preisstabilität im eigenen Land zu garantieren, sind nachvollziehbar. Jede Regierung hätte vor diesem Hintergrund ähnlich gehandelt. Die Strategie Moskaus stellte sich als erfolgreich heraus und die Getreidepreise des Landes sanken bald wieder auf ein stabiles Level. Russlands Verbot von Weizenexporten war nur einer der Katalysatoren für die international steigenden Weizenpreise. Extreme Wetterverhältnisse und internationale Spekulationen sind zwei wichtigere Gründe.

Es besteht kein Zweifel, dass schwere Naturkatastrophen auf der ganzen Welt der direkte Auslöser für den Anstieg der internationalen Weizenpreise waren. Durch extremes Wetter verursachte Naturkatastrophen wirkten sich negativ auf die Weizenproduktion im Jahr 2010 aus. Russland, zum Beispiel, erlitt die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten. Eine besonders intensive Hitzewelle hielt für mehr als einen Monat an und verursachte hunderte Waldbrände, in denen mehr als 50 Menschen ums Leben kamen. Sogar die Hauptstadt Moskau war in dicken Rauch gehüllt.

Diese Naturkatastrophen und Brände fügten der Landwirtschaft und Weizenproduktion großen Schaden zu. Diesen Sommer ging der Ertrag von fast 10,2 Millionen Hektar, ungefähr 20 Prozent des gesamten Ackerlands Russlands, verloren. Nach den letzten Schätzungen des russischen Ministeriums für Landwirtschaft, wird Russland dieses Jahr wahrscheinlich einen Gesamtertrag von 60 bis 65 Millionen Tonnen Getreide ernten. Das sind ungefähr 10 Millionen Tonnen weniger als bislang angenommen. In Jahren mit guter Ernte, wie 2009, produzierte Russland 32 bis 37 Millionen Tonnen mehr. Die diesjährigen Ernteverluste führten schnell zu steigenden Getreidepreisen im ganzen Land.

Neben Russland plagte extremes Wetter auch viele andere Weizen produzierende Länder. Pakistan litt unter der schlimmsten Flut seit seiner Unabhängigkeit 1947. Mehr als 20 Millionen Menschen, ein Neuntel der Bevölkerung des Landes, sind betroffen. Ein Viertel seines Ackerlands wurde überflutet, wobei die wichtigsten Getreideanbaugebiete am meisten geschädigt sind.

Auch Australien und Kanada, zwei weitere bedeutende Weizenproduzenten, müssen wahrscheinlich mit einer Ertragsreduzierung aufgrund von Naturkatastrophen rechnen. Australien wurde von Heuschrecken und Dürre heimgesucht, während Kanada in diesem Jahr zu viel Regen hatte. Die Ukraine, Kasachstan und ein paar EU-Staaten litten derweil ebenfalls unter Hitzeperioden. Das hatte Dürren zur Folge und wirkte sich somit auf die Weizenproduktion aus. Indessen dürften im sogenannten Corn Belt der USA Hitze und Feuchtigkeit das Wachstum von Mais und anderen Feldfrüchten nachteilig beeinflussen.

Internationale Spekulation stellt eine weitere wichtige Ursache für hohe Weizenpreise dar. Nachdem die Weizen-Termingeschäfte an der Chicagoer Terminbörse in den letzten Monaten um 62 Prozent zugelegt hatten, erreichten sie Anfang August ihren höchsten Stand seit September 2008. Dies war der schnellste Anstieg der letzten 50 Jahre. Auch Europas Weizenpreise stiegen in der ersten Hälfte des Augusts um 8 Prozent. Diese Entwicklung machte die Getreideindustrie zu einem neuen Ziel internationaler Spekulationen.

Nach dem Ausbruch der US-amerikanischen Hypothekenkrise wurde vermehrt auf landwirtschaftliche Primärgüter, wie Getreide, spekuliert, da globale Spekulanten anfingen, aus dem internationalen Getreidemarkt Kapital schlagen zu wollen. Große Beträge an zur Spekulation kurzfristig eingesetzten Geldmitteln flossen in den Handel mit Futures auf landwirtschaftliche Produkte und verursachten drastische Schwankungen der internationalen Getreidepreise. Die Bemühungen einiger Industrieländer, Bio-Treibstoff aus Getreide zu gewinnen, könnte in Zukunft den Anstieg internationaler Getreidepreise zusätzlich ankurbeln.

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