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Seit Anfang Juli dieses Jahres ist der Preis von Weizen für Terminkäufe in Chicago um 62 Prozent gestiegen, der größte Anstieg seit fünfzig Jahren. In Russland ist der Weizenpreis um 70 Prozent gestiegen, in Europa um 8 Prozent. Russland als drittgrößter Weizenexporteur der Welt teilt mit, den Export von Getreide und Getreideprodukten vom 15. August bis 31. Dezember 2010 auszusetzen. Das Exportverbot betrifft Weizen, Gerste, Roggen, Mais, Mehl usw. Diese Maßnahme hat das Ziel, den Anstieg der Getreidepreise in Russland einzudämmen, um die Versorgung mit Lebens- und Futtermitteln zu garantieren. Aber das Exportverbot ist in der Öffentlichkeit höchst umstritten.
Ursachen des Preisanstiegs
Über die Ursachen für den drastischen Preisanstieg gehen die Meinungen auseinander. Sicher ist das russische Exportverbot nicht der einzige Grund für den Anstieg der Getreidepreise. Man kann also Russland nicht alleine für die Preisentwicklung verantwortlich machen. Jeder Staat, der auf derart ernsthafte Versorgungsengpässe wie Russland stößt, würde ähnlich reagieren. Ein wichtiger Grund für den rasanten Preisanstieg liegt zweifelsohne in den schlimmen Naturkatastrophen, von denen das Land im laufenden Jahr heimgesucht wird. Dürre und die durch eine Hitzewelle ausgelösten Brände in weiten Gebieten Russlands haben auf einer Fläche von 10,2 Millionen Hektar - dies sind fast ein Fünftel der gesamten Anbaufläche - die Getreideernte verunmöglicht. Nach neuesten Voraussagen des Agrarministeriums wird die gesamte Getreideproduktion 60 bis 65 Millionen Tonnen erreichen, 10 Millionen Tonnen weniger als erwartet, was einem Minderertrag von 32 bis 37 Millionen Tonnen in Vergleich zum Vorjahr entspricht.
Auch Australien und Kanada leiden unter Ernteausfällen. In Australien sind Dürre und eine Heuschreckenplage dafür verantwortlich. Die kanadische Getreideproduktion hingegen hat unter Hochwasser gelitten. Außer Russland sind die auch Ukraine, Kasachstan und große europäische Weizenproduzenten von Dürre und Hitzewellen betroffen, was zu einem erheblichen Absinken des Getreideertrags geführt hat. Im Mittleren Westen der USA haben Wettereinflüsse zu erheblichen Ernteausfällen geführt. Extreme Klimaschwankungen stellen heute eine große Bedrohung für die globale Getreidesicherheit dar.
Ein weiterer wichtiger Grund für die Teuerung dürften Spekulationen auf den Warenterminbörsen sein. Der Preis von Weizen ist auf dem Terminmarkt von Chicago um 62 Prozent gestiegen, prozentual der größte Anstieg nicht nur seit September 2008, sondern sogar der letzten fünfzig Jahre. In Europa ist der Weizenpreis Mitte August schlagartig um 8 Prozent gestiegen, der Preis beträgt derzeit pro Tonne 211 Euro. Nach der internationalen Finanzkrise sind die Warenterminmärkte der Welt zum Tummelplatz für spekulativen Geldeinsatz geworden. In vielen Industriestaaten wird zudem Biobrennstoff gewonnen, was zu einer Reduzierung der Anbaufläche für Getreide als Lebensmittel geführt hat. Getreide und andere Agrarprodukte sind für das Überleben der Menschheit unentbehrlich, das macht sie zu einem begehrten Spekulationsobjekt. In einer Umgebung mit lockerer Währungspolitik wie in der westlichen Welt, kann „hot money" jederzeit eine Spekulationsblase verursachen, wodurch die Versorgung mit Getreide beeinträchtigt werden kann.
Keine globale Getreidekrise in Sicht
Zweifellos bleibt der sprunghafte Anstieg des Getreidepreises auf dem internationalen Markt nicht ohne Einfluss auf die Getreideversorgung. Allerdings wirkt sich dies für Import- und Exportländer jeweils unterschiedlich aus. Derzeit sind Angebot und Nachfrage auf dem internationalen Getreidemarkt fast ausgeglichen, die globale Getreidesicherheit ist nicht bedroht. Nach Angaben des US-Agrarministeriums der USA besteht ein leichter Überhang auf der Angebotsseite. Die Gesamtproduktion wird 2010/2011 weltweit rund 661 Millionen Tonnen erreichen, die Gesamtnachfrage wird voraussichtlich 667 Millionen Tonen betragen, die Kluft zwischen Nachfrage und Angebot beläuft sich demnach nur auf sechs Millionen Tonnen, ist im Großen und Ganzen also ausgeglichen. Derzeit sind die Reserven von Mais, Reis und Soja ausreichend, das Angebot ist hier größer als die Nachfrage. Die Welternährungsorganisation (FAO) erklärt, dass nach den Rekordernten der letzten zwei Jahre in Folge die Getreidespeicher der Welt gut gefüllt seien. Die Reserven betragen 187 Millionen Tonnen und liegen damit mehr als 28 Prozent über dem Konsum. Die Lücke, die durch die Missernten des laufenden Jahres gerissen wird, lässt sich also leicht schließen. Vor allem in China, Indien, und einigen Ländern der EU sind bestehende Reserven vollkommen ausreichend. Derzeit verfügt Indien über eine Weizenreserve von 32 Millionen Tonnen. Insofern dies die Inlandsversorgung nicht gefährdet, ist Indien bereit, zwei bis drei Millionen Tonnen Weizen auszuführen.
Darüber hinaus bewegt sich der Anstieg des Getreidepreises in einem Rahmen, der den Markt zu geordneten Verhältnissen zurückkehren lässt. Der Anstieg ist nicht vergleichbar mit dem Anstieg der Getreidepreise im Krisenjahr 2008. Auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise waren die Preise fast aller Hauptgetreidesorten auf dem internationalen Markt in die Höhe geschossen. Mit der Erholung der Weltwirtschaft sind die internationalen Getreidepreise jedoch wieder beträchtlich gesunken. Das Ausgangsniveau für den raschen Preisanstieg im Sommer 2010 war also außergewöhnlich niedrig.
In jüngster Zeit zeigen die Preise bereits wieder einen Abwärtstrend, sie scheinen sich auf einem niedrigeren Niveau zu stabilisieren. Im Vergleich zur Notierung vom 5. August liegt der Preis am 10. August bereits um 12 Prozent niedriger. Dies zeigt, dass es keinen Raum für einen nachhaltigen Anstieg des internationalen Getreidepreises gibt. |