10-12-2014
Im Focus
Die Zentralbank dreht den Geldhahn auf
von Zhou Xiaoyan

 

Der Immobilienmarkt erholt sich: Wohnungsbauprojekte in Beijing (CFP)

 

Mitarbeiter eines Privatunternehmens im Bezirk Xuanhua in Zhangjiakou (Provinz Hebei) testen eine neue Bohrmaschine, die gerade vom Fließband gerollt ist. Die Bezirksregierung gewährte vielen Klein- und Kleinstunternehmen, die Bohrmaschinen produzieren, Sonderkonditionen bei Krediten, um ihr Wachstum zu fördern (CHEN XIAODONG)

 

Chinas Zentralbank senkt die Zinssätze zur Unterstützung der schwächelnden Wirtschaft - aber reicht das aus?

 

Shi Hailin, 31, Investmentmanager eines staatlichen Unternehmens, lebt in Beijing. Der Kauf seiner Wohnung an der südwestlichen Seite des vierten Rings im Jahr 2012 machte ihn zu einem „Fangnu", einem Sklaven seiner Hypothek, und setzte ihn unter großen finanziellen Druck. Seit kurzem kann er wieder etwas aufatmen, denn zum ersten Mal seit zwei Jahren hat China nun die Zinssätze gesenkt. „Ab Dezember bedeutet die Senkung, dass ich mehr als 300 Yuan (ca. 49 Dollar) im Monat einspare", sagt er.

Doch die Zinssenkung hat noch weiteren Einfluss auf Shis Leben. „Ich werde weniger in Geldmarktfonds, sondern verstärkt in Aktien investieren, denn durch niedrigere Zinsen werden die Aktien in naher Zukunft sicher steigen", so Shi.

Am 22. November senkte die People's Bank of China, die Zentralbank des Landes, den Zinssatz für Kredite mit einjähriger Laufzeit um 0,4 Prozent auf 5,6 Prozent und den Einlagenzinssatz um 0,25 Prozent auf nun 2,75 Prozent. „Mit der Senkung der Einlagen- und Kreditzinsen beabsichtigen wir, die aktuellen Zinssätze zurück auf ein angemessenes Niveau zu bringen und die damit verbundene finanzielle Belastung für viele Unternehmen zu senken." teile die Zentralbank in einer Stellungnahme mit.

Fachleute der Branche begrüßen diesen Schritt darüber hinaus als Ankurbelung des schwächelnden Immobilienmarktes, der Einfluss auf die gesamte Wirtschaft hat. Einige Experten sind hingegen der Meinung, dass die Zinssenkung bei weitem nicht ausreichen wird, um Chinas Wirtschaft zu einem nennenswerten Aufschwung zu verhelfen. Andere Mittel, z.B. eine Senkung des Mindestreservesatzes, sollten voll ausgenutzt werden, um dem Markt liquide Geldmittel zuzuspielen.

 

Warum gerade jetzt?

Die lange erwartete Zinssenkung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Wirtschaft des Landes sich seit Monaten in einer Flaute befindet und der erlahmende Immobilienmarkt eine wachsende Gefahr für die Gesamtwirtschaft bedeutet. Im dritten Quartal dieses Jahres sank die Wirtschaft auf ihren Tiefpunkt, die BIP-Wachstumsrate sackte auf dem niedrigsten Stand seit fünf Jahren, nachdem sie im zweiten Quartal von 7,5 auf 7,3 Prozent gesunken war. Analytikern zufolge beabsichtigt die Regierung mit der Zinssenkung eine weitere Verlangsamung der Wachstumsrate zu verhindern, indem sie Impulse schafft.

"Das ist die absolut richtige Entscheidung", sagt Wang Tao, Forschungsleiter für den chinesischen Markt bei USB in Hongkong. „Während des nachlassenden Wachstums und der Inflation sind die Realzinssätze deutlich gestiegen, was dem Cash-Flow der Unternehmen und ihren Bilanzen schadet. Außerdem riskieren wir damit die Zunahme notleidender Kredite."

Bill Adams, leitender Wirtschaftsexperte bei PNC Financial Services, erklärte in einer Studie, dass Chinas Zinssenkung die Nachfrage nach Krediten stärken und die Verlangsamung der Konjunktur verhindern soll. „Die Zinssenkung ist ein Mittel der chinesischen Wirtschaftspolitik, um die Auswirkungen der erlahmenden Wirtschaft abzufedern, ohne die Schleusen für Kredite wieder voll zu öffnen", erklärte er.

Durch niedrige Zinsen werden viele Unternehmen finanziell entlastet, besonders die mittelständischen und kleinen Unternehmen, die von der momentanen Flaute besonders hart getroffen wurden. „Die Zinssenkung wird ab Beginn des kommenden Jahres systematisch den Finanzierungsaufwand für Unternehmen mindern, das betrifft besonders Kleinunternehmen sowie die Landwirtschaft und den Immobilienmarkt.", erklärt Lu Zhengwei, leitender Wirtschaftsexperte bei der Chinas Industrial and Commercial Bank. „China hat dieses Jahr eine Menge getan, um die Finanzierungsprobleme von Unternehmen anzugehen, z.B. wurde der Mindestreservesatze für einige Banken gesenkt. Aber eine Senkung der Einlagen- und Kreditzinsen ist der direkteste Weg, um Kosten zu sparen", meint Wang Jun, leitender Wirtschaftsexperte des China Center for International Economic Exchanges.

Nach Ansicht von Zhao Qingming, leitender Analytiker der Institution of Financial Derivatives of China, kann die asymmetrische Zinssenkung die Gewinnspanne der Banken verkleinern und dabei helfen, die Profite der Banken teilweise auf die Unternehmen zu verlagern. „Die Gewinne der Banken sind im Durchschnitt um einiges höher als die gewöhnlicher Unternehmen in der Wirtschaft. Mit Blick auf Chinas langjährige wirtschaftliche Entwicklung müssen die Banken einen Teil ihres Profits der Realwirtschaft zukommen lassen und dann andere Wege finden, um ihren Profit zu generieren.", so Zhao.

Die Senkung der Zinssätze ist ein weiterer Segen für den erlahmenden Immobilienmarkt, nachdem am 30. September schon die Bestimmungen für Hypotheken gelockert worden sind. Dies könne die Nachfrage wieder antreiben, behaupten Marktanalytiker.

Chinas Immobilienmarkt, der über 15 Prozent der Wirtschaftskraft ausmacht und über 40 Branchen, von der Zementproduktion bis zu Haushaltsgeräten, umfasst, litt dieses Jahr unter einer deutlich spürbaren Flaute. Schleppende Verkaufszahlen und sinkende Preise kombiniert mit einem übergroßen Angebot haben zu einer unsicheren Stimmung auf dem Markt geführt und belasten die Marktperspektiven und das Selbstbewusstsein der Kunden. Innerhalb der ersten zehn Monate dieses Jahres sind die Verkaufszahlen von Gewerbeimmobilien um 7,8 Prozent gesunken, während das Angebot um 28,4 Prozent stieg, so Angaben des Staatlichen Statistikamts (SSA). Demnach sanken die Wohnungspreise im Vergleich zum Oktober letzten Jahres in 67 von 70 Städten. Bauunternehmen versuchen eifrig, ihre Wohnungen durch Preisermäßigungen loszuwerden.

Sofort nach Senkung der Zinsraten erholten sich alle an die Immobilienindustrie gekoppelten Aktien und die Kauflust wurde durch günstigere Wohnhypotheken in vielen Städten wieder angekurbelt. „Die in unmittelbarer Zukunft größten Gewinner werden die Hypothekarschuldner sein, da die Hypothekensätze zusammen mit den Kreditzinssätzen gesenkt werden, um die Nachfrage zu stärken", erklärte Wang Tao. Nach Ansicht des leitenden Analysten von Centaline Property Agency Ltd., Zhang Dawei, werden besonders die Wohnungsmärkte in Chinas großen Tier-1-Städten von der Zinssenkung profitieren. „Die Senkung der Zinsen bedeutet erhebliche Ersparnisse und wird besonders auf Erstkäufer einen starken psychologischen Effekt haben", sagt er. Dank der Senkung des Hypothekzinses, der momentan bei 6,15 Prozent steht, könnten Kunden mit einer Hypothek von einer Million Yuan (ca.162.866 Dollar) auf 20 Jahre monatlich um die 234 Yuan (39 Dollar) sparen.

Nach Angaben von Yi Huaqiang, Analyst bei der in Beijing ansässigen Huarong Securities Co. Ltd., ist die Immobilienbranche eine der Branchen, die am empfindlichsten auf Änderungen in der Finanzpolitik reagiert. „Auch in der Vergangenheit hat jede Zinssenkung einen starken Impuls für den Grundstücksmarkt bedeutet", sagt er. Die Zinssenkung erlaube es sowohl den Bauunternehmen als auch den Käufern, weniger Zinsen zu zahlen, was den Bau und den Kauf von Eigentumswohnungen begünstige, so Yi.

 

Mehr Maßnahmen nötig

Expertenschätzungen  zufolge könnte die Zentralbank auch 2015 noch einmal die Zinsen senken und die Kreditvergaben lockern, um der Angst vor einer erlahmenden Wirtschaft mit Folgen wie Forderungsausfällen, Insolvenzen und Arbeitslosigkeit vorzubeugen.

Die Senkung des Zinssatzes deute auf einen Richtungswechsel der chinesischen Finanzpolitik hin, von vereinzelten Lockerungen hin zu einer Gesamtlockerung, meint Qu Hongbin, leitender Wirtschaftsexperte für den Großraum China bei HSBC. „Das wird den Weg für zukünftige Kreditlockerungen ebnen. Im Jahr 2015 wird die Zentralbank zweimal die Zinssätze und einmal den Mindestreservesatz senken" schreibt er auf seiner Sina Weibo Seite, der chinesischen Version von Twitter.

Der Mindestreservesatz ist ein prozentualer Satz für Einlagen, die Banken und Sparkassen in Reserve halten müssen. Eine Erhöhung des Mindestreservesatzes bedeutet, dass die Banken eine gewisse Geldmenge zurückhalten müssen, die sie ansonsten verleihen könnten. Senkt man also den Mindestreservesatz, bedeutet das, dass Banken mehr Kapital zur Verfügung haben, um Kredite zu vergeben. Im Juni senkte China bereits den Mindestreservesatz für einige Banken, doch eine landesweite Senkung für alle Banken hat es seit März 2012 nicht gegeben. 

Aus einem Bericht der Minsheng Securities Co. Ltd geht hervor, dass die aktuelle Zinssenkung nicht das Ende, sondern nur der Anfang einer neuen Phase der Bankenlockerungen sei. „Zurzeit befindet sich der Kreditzins auf einem historischen Hoch und eine einzelne Senkung des Zinssatzes wird keine fundamentale Verbesserung der Wirtschaftslage bewirken. Im kommenden Jahr wird China verstärkt mit dem nachlassenden Wirtschaftswachstum und Inflation konfrontiert sein, daher ist es notwendig, den Kreditzins weiter zu senken", heißt es in dem Bericht. „Eine Senkung des Mindestreservesatzes in nächster Zeit ist dementsprechend sehr wahrscheinlich."

 Guo Lei, einer der führenden Analysten bei Shenyin & Wanguo Securities Co. Ltd., ist überzeugt, dass Chinas Wirtschaftswachstum im Jahr 2015 weiter ins Schlingern geraten wird. Er prognostiziert, dass die Zentralbank daher in der ersten Jahreshälfte erneut die Zinssätze senken wird. Laut Guo verdankt Chinas Wirtschaftswachstum seinen Schwung den stetigen Reformbemühungen der Finanzpolitik.

"2015 werden einige Reformen bei den staatlichen Unternehmen dazu führen, dass viel mehr Dividenden ausgezahlt werden" sagt Guo. „Ein weiterer Impuls für Chinas zukünftiges Wachstum wird wohl die Errichtung des Wirtschaftsgürtels an der Seidenstraße sowie der maritimen Seidenstraße des 21. Jahrhunderts sein", so Guo. „Das wird ein wichtiger Faktor für Chinas Infrastrukturausbau und auch andere Bereiche wie Handel und Investment werden davon profitieren."