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Jeden Tag Gutes tun

Unterrichtsraum im Longquan-Tempel
Wenn es nach Meister Xuecheng ginge, sollten sowohl Mönche wie auch Laien in die Gesellschaft gehen und den Menschen dienen. Dies hielte er für ebenso wichtig, wie den geistlichen Beistand, der durch verschiedene Kommunikationskanäle vermittelt wird. Genau das ist das Ziel der "Stiftung Wohlwollen-Wohltätigkeit". Von Meister Xuecheng und vielen Wohltätern initiiert, wurde sie im Herbst 2006 gegründet. Das Motto der Stiftung heißt: „Jeder übt Wohltätigkeit, jeder empfängt Wohlwollen". Dadurch sollen buddhistisches Mitleid mit der Kreatur und Warmherzigkeit an die Gesellschaft weitergegeben werden. „Die buddhistische Wohltätigkeit ist dabei nicht nur materiell, sondern auch ideell aufzufassen. Wer von uns unterstützt wird, erhält nicht nur materiellen, sondern auch geistlichen Beistand", sagt Meister Xuecheng.
Den buddhistischen Glauben zu verbreiten und den Menschen zu helfen, ist die erste Verantwortung des Klosters. Während der Schneekatastrophe in Südchina zur Jahreswende 2007/2008 sowie beim Wenchuan-Erdbeben im Jahr 2008 hat die Stiftung insgesamt über 16 Millionen Yuan (2,5 Millionen Euro) für Katastrophenhilfe bereitgestellt. Zur Linderung der Folgen des Erdbebens von Yushu wurden durch die Mönchsgemeinde mehr als zwei Millionen Yuan (317 000 Euro) gesammelt, um ein 3500 Quadratmeter großes Schulgebäude zu bauen. Meister Xuecheng hat dazu viele Gebete gesprochen, um darum zu bitten, dass die Katastrophe nie mehr wiederkommen möge, die Toten ins reine Land des Amida-Buddha einkehren könnten und die Überlebenden wieder ins Leben finden und dabei ihre Häuser und Felder in alter Blüte wieder aufbauen könnten.
An jedem Wochenende und immer dann, wenn im Kloster Foren zu Glaubensfragen veranstaltet werden, kommen viele Studenten der Peking- und der Tsinghua-Universität als freiwillige Helfer in den Longquan-Tempel, um dort Gutes zu wirken.
„Als Freiwilliger im Tempel habe ich viel gelernt, zum Beispiel wie man mit seinen Mitmenschen einen harmonischen Umgang pflegen kann", sagt ein Student der Tsinghua-Universität. „Vorher habe ich immerzu nur nach Unterrichtserfolg gestrebt und einem guten Job nachgejagt, wobei ich in ständiger Konkurrenz mit meinen Kommilitonen gestanden bin. Aber nun habe ich gelernt, wie man andere tolerieren kann."
Im Longquan-Tempel gibt es viele junge Laien. Im Vergleich mit anderen Tempeln, die als Sehenswürdigkeit gelten und viele ältere Gläubige als zeitweilige Laienbrüder anziehen, fühlen sich vom Longquan vor allem junge Leute angesprochen. Viele Studenten finden sogar, dass der Meister gut aussieht, das Angebot an Vorträgen "cool" sei und der Ort ob seiner Herbheit und Ruhe, die ein großartiges Gegenprogramm zur Hektik der Großstadt offeriert, ganz einzigartig sei. Stets wächst die Zahl der Studenten, Lehrer, Angestellten und Unternehmer auf der Flucht vor dem Stress, die sich per Internet um eine Stelle als zeitweilige Tempeldiener bewerben. Darunter auch viele Menschen von außerhalb Beijings und sogar aus dem Ausland.
Burkhard, der keine 40 Jahre alt ist, kommt aus Deutschland. Früher war er Lehrer. Nun ist er der erste Ausländer im Longquan-Tempel, der sich zum Buddhismus bekennt und die Lehre gründlich kennen lernen möchte. Anfänglich war er als freiwilliger Helfer hier. Im September 2010 kam er von Taiwan aus nach Beijing, um die Sprachen nationaler Minderheiten zu lernen. Dann besuchte er Dehong und Xishuangbanna in der südchinesischen Provinz Yunnan. Dort beeindruckte ihn der buddhistische Glaube der Tai-Nationalität so stark, dass er seinerseits begann, sich für Buddhismus zu interessieren. Im April des vergangenen Jahres wollte er seines verstorbenen Vaters gedenken. Durchs Internet hat er den Longquan-Tempel gefunden. Dort hat er dann das Totengedenken für seinen Vater zelebriert. Dabei hat er Gefallen gefunden an der Atmosphäre der Meditation und des Lernens, die in Longquan herrscht. Er arbeitet für die Edition der achtsprachigen Weibo-Seite und am dreisprachigen Blog. Hier wird er gebraucht und er fühlt sich nützlich: „Es ist hier wie in einer Familie, sogar besser als in einer Familie", sagt er.
Wer jedoch das Gewand der Mönche überstreift und mit dem Rucksack auf dem Rücken, der von der Klosterleitung gestellt wird, in den Tempel einzieht, muss wissen, worauf er sich einlässt, denn auch für die Laien gilt ein strenges Reglement. Die altüberlieferten Traditionen und Regeln des Sangha, der Mönchsgemeinschaft, gelten auch für sie als Laien. Der Longquan-Tempel toleriert keine Ausnahme von der Mönchsregel. Obwohl viele der Menschen, die sich mit der Lehre des Buddhismus vertraut machen oder im Tempel beten, nach Gesundheit, Reichtum und Nachwuchs streben - was voll und ganz den Lebenswünschen der meisten Chinesen entspricht-- wachsen im China der Gegenwart auch die spirituellen Bedürfnisse der Menschen. Man nimmt sich mehr Zeit als früher, um nachzudenken. Viele von ihnen suchen im Buddhismus, was ihnen weltliche Dinge nicht bieten können: Eine tiefere Wahrheit, die dem Leben einen Sinn verleihen kann. |