24-04-2012
Im Focus
Entwicklungsmodelle der Welt am Scheideweg
von Cui Hongjian

 

Vergleich und Wettbewerb zwischen Entwicklungsmustern im Zeitalter der Globalisierung

 

Intensive Arbeit: Arbeiter in einer Textilfabrik in Qingdao in der ostchinesischen Provinz Shandong stellen Kleidung für ausländische Kunden her.
 

Die Weltwirtschaft steckt in einer umfassenden Krise – zum ersten Mal im sogenannten Zeitalter der Globalisierung. Bei eingehender Betrachtung der Krise sollten Menschen auf der ganzen Welt jedoch begreifen, dass der Ausweg aus der Krise nicht einfach darin bestehen kann, die Finanzmärkte stärker zu regulieren oder die Weltwirtschaft auszubalancieren. In einer Zeit, da große westliche Volkswirtschaften schlecht abschneiden, sollte die Welt damit beginnen, die Wurzel der Krise in den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen zu suchen. Wenn die Krise von strukturbedingten Problemen herrührt, heißt das, dass die aktuellen Entwicklungsmodelle Schwachpunkte aufweisen. Im Klartext: Wir erleben derzeit eine Krise der Entwicklungsmodelle.

 

Drei Modelle

Das angelsächsische Wirtschaftsmuster kann sich kaum von der Schuld an der US-Hypothekenkrise, die die Wirtschaft der Vereinigten Staaten nach unten zog, lossprechen. Seit der Ära von Ronald Reagan (US-Präsident von 1981-89) und Margaret Thatcher (britische Premierministerin von 1979-90) herrscht dieses Muster vor. Bereits in den 1980er Jahren legten die Vereinigten Staaten und Großbritannien die Grundlagen für marktorientierte Reformen. Die Reformen in beiden Ländern unterstützten den sogenannten Freihandel und Kapitalflüsse durch weniger Einmischung der Regierung in die Wirtschaft, Förderung des Wettbewerbs und Deregulierung. Diese Maßnahmen sorgten für Dynamik und Kreativität an den Märkten, förderten ein schnelles Wirtschaftswachstum und halfen dabei, den Reichtum im Westen zu steigern.

Aber die uneingeschränkte, marktorientierte Wirtschaft führte zu einem Laissez-faire-Zustand im Sinne des Credos „Marktkräfte und Shareholder-Value gehen über alles". In den Vereinigten Staaten schnellte der Anteil der Gewinne der Finanzwirtschaft an den Gewinnen aller börsennotierten Unternehmen von fünf Prozent im Jahre 1990 auf heute vierzig Prozent in die Höhe.

Im Namen der sogenannten Finanzinnovationen brach in der gesamten amerikanischen Gesellschaft das Fieber der Jagd nach schnellem Reichtum aus. Die Lobbyarbeit mächtiger Finanzkonzerne trübte den Blick des US-Kongresses, und die Profitgier tat ein übriges, um Gesetze zur Finanzaufsicht abzubauen und neue effiziente Regelungen zu hintertreiben. In der Zwischenzeit korrigierte die US-Regierung ihre Finanzpolitik derart, dass aus der Kontrolle von Risiken eine ungezügelte Förderung der Entwicklung der Finanzindustrie wurde. Das Verhältnis zwischen staatlichen Aufsichtsbehörden und der Finanzindustrie wandelte sich komplett. Aus Regulierung wurde Absprache. Der Finanzsektor brachte allmählich das politische und wirtschaftliche System der USA in seine Gewalt, was in eine Krise des angelsächsischen Wirtschaftsmodells mündete.

Deutschland und viele andere westeuropäische Länder betreiben "Soziale Marktwirtschaft". Dieses ökonomische Modell, das auch unter dem Begriff "Rheinischer Kapitalismus" bekannt ist, versucht, ein Gleichgewicht zwischen raschem Wirtschaftswachstum einerseits und niedriger Inflationsrate, niedriger Arbeitslosigkeit, guten Arbeitsbedingungen und sozialer Wohlfahrt andererseits zu erreichen, indem es staatliche Eingriffe u.a. in Form von Besteuerung und dem Aufbau sozialer Sicherungssysteme zulässt. Japan folgt ebenfalls diesem Modell.

Der Rheinische Kapitalismus war das Ergebnis der gewaltsamen Konflikte zwischen Arbeitern und Kapitalisten im Laufe der europäischen Industrialisierung. Durch staatliche Interventionen wurde die freie Marktwirtschaft zu einem gewissen Grad in die Schranken gewiesen. Die Zusammenarbeit zwischen Staat und privatem Sektor sorgte für ein reiches und relativ harmonisches Europa. Und die meisten Europäer sind stolz auf ihren Lebensstil. Das scheinbar perfekte Wirtschaftsmodell wird allerdings von moralischen Konflikten bedrängt: Kann die nationale Regierung eines Landes ihren Bürgern Sozialhilfe durch Umverteilung von Wohlstand gewähren, so  erscheint es doch als unangemessen, an Deutschland die Forderung heranzutragen, dem überschuldeten Griechenland aus der Patsche zu helfen.

Darüber hinaus erscheint es unter dem gegebenen westlichen Wahlsystem schwierig, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Effizienz auszubalancieren. Um Wählerstimmen einzufahren, verabschieden Politiker oft teure Sozialprogramme zu Lasten des Ausgleichs ihres Haushaltsdefizits, was im Resultat zu strukturbedingten Problemen wie starre Märkte und wirtschaftliche Stagnation führt. Selbst während der griechischen Schuldenkrise startete die griechische Regierung eine Volksabstimmung über ihre Politik, was die Ineffizienz ihrer Entscheidungsfindung zeigt.

Das exportorientierte, ostasiatische Wirtschaftsmodell, das in den 1990er Jahren Gestalt annahm, ist die Synthese aus den Erfahrungen der erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung einiger Länder und Regionen in Ostasien. Es handelt sich hierbei um ein innovatives Modell, das vor einem nicht-westlichen, kulturellen Hintergrund entstanden ist. Der wirtschaftliche Aufstieg von Südkorea, Singapur, Taiwan und Hongkong zeigt nicht nur die erfolgreiche Anwendung der westlichen Erfahrungen im Osten, sondern bietet auch eine treibende Kraft und günstige Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung von China, dem größten ostasiatischen Land.

Sowohl das angelsächsische Wirtschaftsmodell, als auch der Rheinische Kapitalismus und das ostasiatische Wirtschaftsmodell weisen starke lokale und kulturelle Besonderheiten auf. Aber da sich sogenannte best practices (bewährte Praktiken) in anderen Teilen der Welt verbreiten und von weniger entwickelten Ländern und Regionen nachgeahmt werden, ist ein Vergleich dieser Entwicklungsmodelle von globaler Bedeutung.

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