21-01-2012
Im Focus
Das Jahr des Drachens kommt!
von Matthias Mersch

Es ist ein Rätsel um den Drachen: Niemand hat ihn je gesehen, und doch gibt es ihn! Die Forscher sind sich einig, dass in unvordenklichen Zeiten niemand um die Existenz von Dinosauriern wusste, die lange vor dem Menschen die Erde bevölkert hatten.

Und dennoch ist der Drachen eine Realität, die seit alters her dem Westen genau so bekannt ist wie dem Osten.

 

Tenglong Aufzug in der Longqing Schlucht, Beijing (Foto: Matthias Mersch)

 
 

 

Wasserschale des Zi Zhong Jiang, Frühe Frühlings- und Herbstperiode (8. –7. Jh. v. Chr.) (Foto: Matthias Mersch)

 

Drache ist nicht Drache

Seine Herkunft aus dem Zweistromland (dem heutigen Irak) dürfte gesichert sein: die Sumerer kannten Drachen als Mischwesen verschiedener Tierarten, deren Charakter zwiespältig war: böse und gut, hilfreich und gefährlich. Den dominierenden Beitrag zur Gestalt dieses Mischwesens lieferte übrigens schon damals die Schlange. Und das dürfte dann auch der Grund sein, warum der Drache im Westen mit den finstersten Eigenschaften verknüpft wurde, war doch nach der Überlieferung der Schöpfungsgeschichte die Schlange die Verkörperung des Teufels!

Im Osten, in China, überwogen die positiven Attribute. Der Drache gilt als mächtig, ist aber im Prinzip wohlwollend und nützlich. Er bringt den Regen und garantiert so die Fruchtbarkeit der Felder. Allerdings übertreibt er es damit auch gerne: dies führt dann zu Hochwasser. Mitunter wird für Katastrophen aber auch ein anderer Drache verantwortlich gemacht.

Im Westen, in Europa, machte der Drache hingegen Karriere als Erzbösewicht, bei dessen Tötung sich junge Helden durch die Rettung von jungfräulichen Königstöchtern einen Namen machen konnten. Die aus Drachenhand befreite Königstochter verfiel dann meist dem jeweiligen Helden, dem mit dem adligen Fräulein auch noch die Herrschaft über ein Königreich als Mitgift in den Schoss fiel. Der Drachentöter hatte also ausgesorgt.

 

Kein Platz für Drachentöter

In China allerdings war das Töten von Drachen schon immer eine brotlose Kunst, was Zhu Pingman erfahren musste, ein Mann, der das Lernen liebte. Gegen eine nicht unerhebliche Summe Geldes ließ er sich von Zhili Yi in der Kunst des Drachentötens unterweisen. Nach Erwerb einschlägiger Kenntnisse führte er diese gerne seinen Nachbarn vor: Man packe den Drachen am Kopf, trete ihn auf den Schwanz und steche ihm dann in den Rücken. Die Nachbarn aber lachten Zhu aus und fragten, wo, wann und an wem er seine Fertigkeiten unter Beweis stellen wollte. Da wurde ihm klar, dass er nichts als totes Wissen angehäuft hatte. Daraus ist die Redewendung entstanden 屠龙之术 (tú lóng zhī shù), "die Kunst einen Drachen zu töten".

Vor dem Hintergrund dieser uralten Weisheit wirft ein gar nicht so altes Verbot Fragen auf: Die chinesische Regierung hat es im Jahre 2007 gegen einen TV-Werbespot des amerikanischen Unternehmens Nike ausgesprochen. In der Werbeeinblendung setzt der US-Basketballstar LeBron James in seinem Dribbling unter anderem zwei Drachen außer Gefecht, was übrigens keineswegs so blutrünstig geschieht, wie es von Herrn Zhu mit seinem riesigen Drachenschlachtermesser geplant war. Kann man etwas verbieten, was es eigentlich gar nicht gibt? Jedenfalls ist nicht überliefert, dass Herr Zhu seinerzeit mit dem Gesetz in Konflikt geraten wäre.

 

Karriere am Kaiserhof

In China machte der Drachen im Windschatten des Kaisertums eine Karriere, die ihn weit über seinen Vetter in Europa hinaustrug: jahrhundertelang war er das unangefochtene Symbol des Kaisers. Der gelbe Drache mit fünf Klauen war allein dem Kaiser vorbehalten, Missbrauch wurde mit dem Tode bestraft. In der Verbotenen Stadt durfte ausschließlich der Kaiser den Drachenweg benutzen, eine mit Drachenreliefs verzierte Steinplatte im Zentrum der Treppen, die zu Palästen führen. Wie aber kam es zu der besonderen kaiserlichen Wertschätzung eines Fabeltiers?

Der Umweg zur Beantwortung dieser Frage führt über Theorien zur Entstehung von Religionen zur Wissenschaft von den Völkern. Im 20. Jahrhundert wurde in den Kulturwissenschaften zeitweilig ein großes Aufheben um ein Phänomen gemacht, das „Totemismus" genannt wurde. Damit bezeichnete man die angebliche Auffassung bestimmter "Naturvölker", von Tierarten abzustammen. Man glaubte dies aus dem Einsatz von Tierdarstellungen bei der rituellen Verehrung der Ahnen ablesen zu können. Auch bestanden bestimmte Meidungsgebote bezüglich des Verzehrs des Fleisches jener Tiere.

Sigmund Freud nutzte diese These in seiner berühmten Abhandlung "Totem und Tabu" für eine höchst phantasievolle Erklärung vom Ursprung der Religion und der Sozialordnung.

Der amerikanische Ethnologe Ralph Linton hat diesen Glauben an den Glauben an tierische Vorfahren bezweifelt. Er griff dabei auf persönliche Erfahrungen aus seiner Militärzeit im Ersten Weltkrieg zurück und argumentierte, dass die Verbindung zwischen dem angeblichen Tierahnen und seinem menschlichen Nachfahren der Macht der Symbole geschuldet sei: Am Anfang war nicht der Glaube an die Abstammung, sondern das mehr oder minder zufällig gewählte Symbol, unter dem sich eine Gruppe zusammenfindet. Der Name des Symbols geht auf die Gruppe und damit auf jedes einzelne ihrer Mitglieder über. Schon werden aus Leuten, die sich beispielsweise unter dem Emblem des Bären zusammenfinden, die "Bärenleute". Derartige Zuweisungen können leicht zur irrigen Einschätzung Außenstehender führen, dass die „Bärenleute" tatsächlich glaubten, Nachfahren eines mythischen Bären zu sein.

Weil der legendäre Gelbe Kaiser auf seiner Kleidung eine Schlange als Wappen getragen haben soll und bei der Unterwerfung anderer Völker deren Insignien in sein siegreiches Zeichen integriert habe, sei schließlich der Drachen als Mischwesen herausgekommen. Als „Nebenprodukt" erfolgte eine Übertragung à la Linton, weshalb Chinesen noch heute oft als Nachfahren des Drachen bezeichnet werden. Es gilt als erstrebenswert, seine Nachkommen in einem Drachenjahr auf die Welt zu bringen, damit aus ihnen ein lebenstüchtiges, kämpferisches Völkchen werden möge! 

Allerdings gilt das vor allem f ü r den m ä nnlichen Nachwuchs: 望子成龙, 望女成凤 ( wàngzǐ chéng lóng wàngnǚ chéng fèng) Söhne wie Drachen, Töchter wie Phönixe, Kraft für die Söhne, Schönheit und Anmut für die Töchter. Drache und Phönix ergeben eine perfekte Kombination, wobei der Drache für das männliche Prinzip, der Phönix für das weibliche steht.

 

Drachenkinder und Kunstdrachen

Aber der Drache unterhält auch ureigene Drachenkinder, deren Geschlecht nicht unterschieden wird: es sind dies genau neun, deren Abbildungen der Leser auf dieser Seite finden kann. Die unterschiedlichen Vorlieben dieser Kinder lassen sie zu Funktionsträgern werden, so sitzt etwa der Chiwen an dem Ende der Firstbalken von Gebäuden, um schlechten Einfluss aufzuzehren, und der Pulao , der es liebt, Lärm zu fabrizieren, macht sich als Krone auf Glocken nützlich. Die restlichen sieben heißen Chaofeng , Qiuniu, Yazi, Bixi, Chilong, Bi'an, Suanni und Baxia.

Die Neunzahl spukt in vielfältiger Weise in und um den Drachen herum, es ist eine Zahl, die mit dem Kaiser assoziiert wird. Der Name des berühmten Stadtteils Hongkongs auf dem chinesischen Festland, Kowloon heißt, "Neun Drachen", womit in diesem Fall acht Hügel und der Name eines historischen Kaisers gemeint sind.

Drachenwände mit der Darstellung von neun Drachen finden sich vielfach in kaiserlichen Palastanlagen und Parks und sogar auf der Kleidung der Kaiser, wobei eine interessante Vorsichtsmaßnahme eingehalten wurde. Der neunte Drache wurde stets verdeckt getragen, also etwa unter einer Schärpe verborgen.

Vielleicht geschah das in Erinnerung an meine Lieblingsdrachengeschichte. Sie knüpft sich an die Redewendung:  叶公好龙 (yè gōng hào lóng), was so viel heißt wie "Fürst Ye mag Drachen". In der Frühlings- und Herbstperiode (771-481 v.Chr.) lebte im Staate Chu ein Mann namens Ye Zhuliang, auch Zigao genannt. Sein Faible für Drachen war so groß, dass er alle Gegenstände seines umfangreichen Haushalts mit Drachen verzierte: keine Tasse, kein gesticktes Deckchen, kein Wandbehang blieb von dieser Marotte verschont. Als er nun eines Tages bei einer mit einem Drachen verzierten Tasse Drachenquellentees gemütlich auf seinem drachenbeschnitzten Sessel saß, machten sich ein paar Himmelsdrachen auf den Weg zur Erde, denn sie hatten von ihrem begeisterten Verehrer Wind bekommen und wollten sich das Männlein und sein Drachenambiente doch einmal persönlich anschauen.

Als nun der erste Drache freundlich seinen Kopf durch das große Fenster des Zimmers steckte, in dem Ye gerade seinen Tee schlürfte, erschrak dieser fast zu Tode! Vorbei an der Schar der Drachen, die es sich inzwischen im Hof seines Anwesens bequem gemacht hatten, stürmte er schnurstracks in Richtung Tor, dort fand er sein Heil in der Flucht. Die Drachen wunderten sich sehr. 

Aber nicht nur die Innenwelt kann einem drachentechnisch über den Kopf wachsen, auch in der Außenwelt lauern Gefahren, wenn es ein Künstler mit dem Naturalismus übertreibt: 画龙点睛 (huà lóng diăn jīng), "Dem Drachen Augen malen". Zur Zeit der Nördlichen und Südlichen Reiche (420-580 n.Chr.) lebte unter dem Kaiser Liang Wu der berühmte Maler Zhang Sengyao. Er erhielt den Auftrag, in Andong in der Provinz Jinling vier Drachen auf eine Tempelwand zu malen. Es wurden wahre Meisterwerke daraus! Die Leute wunderten sich nur, warum der Künstler darauf verzichtet hatte, Pupillen in die Augen der Drachen zu setzen. Zhang antwortete ihnen, dass die Drachen, wenn er ihnen realistische Augen malen würde, davonflögen. Seine Auftraggeber zeigten sich unbeeindruckt von dem, was sie für eine recht prahlerische Rede des Künstlers hielten, und bestanden auf eine Vollendung des Werks. Als er den ersten Drachen vervollständigt hatte, passierte noch nichts. Aber als er gerade mit den Augen des zweiten fertig war, erschütterte ein lauter Donner den Tempel. Ein Blitz schlug ein, Rauchwolken stiegen auf und unter lautem Gedröhn spaltete sich die Wand in zwei Hälften. Die Drachen aus dem geborstenen Teil der Wand befreiten sich aus den Trümmern und flogen zum Himmel auf. Die beiden anderen Drachen ohne Augen aber blieben friedlich als Wandgemälde an ihrem Ort.

  Kein Wunder, dass sich die Literatenmaler einem derart überzogenen Realismus verweigerten und in ihrer Kunst nicht länger ein Abbild der Wirklichkeit feiern wollten! Nun war Abstraktion angesagt, und eine Stilrichtung in der Kalligrafie heißt noch heute  龙飞凤舞 (lóngfēi fèngwŭ), "Drachenflug und Phönixtanz", sie gilt als Inbegriff der Eleganz.