10-01-2012
Im Focus
Blick über den Tellerrand
von Liu Shengnan

Wer die Berichterstattung ausländischer Medien verfolgen will, stößt schnell an sprachliche Grenzen. Artikel in der eigenen Muttersprache sind meist Mangelware, auch im Internet. Eine neue Armada von Social-Media-Seiten hat dieses Problem erkannt und bietet Übersetzungen ausländischer Medienbeiträge für die chinesische Netzgemeinde an. Dabei setzen die meisten Portale auf Potential und Eigeninitiative der Nutzer selbst. Sie übertragen die Artikel meist unentgeltlich ins Chinesische.  

In den Weiten des World Wide Web den Überblick zu behalten, ist an sich schon kein leichtes Unterfangen. Wenn dann noch sprachliche Barrieren hinzukommen, kann die Recherche im Netz schnell zu einer zeitraubenden und nervenaufreibenden Herausforderung werden. Findige chinesische Internetpioniere haben das Problem erkannt und eine neue Form von Social-Media-Portalen an den Start geschickt: Wer es sich trotz mäßiger Fremdsprachenkenntnisse nicht nehmen lassen will, die neuesten Artikel aus der „New York Times", dem „Economist" oder anderen führenden internationalen Medien zu lesen oder spannende Blogs und Internetforen zu verfolgen, für den schaffen Seiten wie Yeeyan, Dongxiwang, Hupu, GoalHi oder Guoke Abhilfe. Sie sammeln aktuelle Übersetzungen von ausländischen Medienartikeln, Blogs und Internetforen.

Angesichts einer wachsenden Schar wissensdurstiger chinesischer Internetnutzer, die danach trachten, über den Tellerrand hinauszuschauen, blicken die Anbieter optimistisch in die Zukunft. Als Betriebsmodell setzen die Portale bisher auf das so genannte Crowdsourcing (dt. „Schwarmauslagerung"), bei dem das Potential der Webgemeinde genutzt wird.

Nicht die festangestellten Redakteure und Übersetzer der jeweiligen Website übertragen die Texte ins Chinesische, wie dies bei klassischen Medien der Fall ist, sondern interessierte und sprachlich befähigte Internetnutzer. Und das weitestgehend unentgeltlich. Was die emsige Schar von Freizeitübersetzern für ihre Arbeit erntet, sind lediglich ein bisschen Ruhm, Bonuspunkte der Seite sowie das Feedback der übrigen Nutzer; nur selten gibt es ein kleines Honorar.

 

Intelligenz der Massen nutzen

Wer einen Faible für aktuelle Entwicklungen hat, kann so zum Beispiel die Sicht internationaler Medien auf aktuelle Geschehnisse in China mit Gleichgesinnten teilen. Und das in der Regel authentisch und unbearbeitet, als direkte Übersetzung der Originaltexte. Fußballfans erhalten brandaktuelle und detaillierte Informationen zu aufstrebenden Talenten, die meist auf  keiner der herkömmlichen Sportseiten zu finden sind. Und auch wer Interesse an Wissenschaft und Technik hat, kann sich auf den Übersetzungsportalen über die weltweit neusten Entwicklungen auf dem Laufenden halten.

Crowdsourcing funktioniert über die Eigeninitiative der Massen. Ein Unternehmen lagert bei diesem Betriebsmodell seine Arbeit auf ein flexibles und variables Heer von freiwilligen und meist ehrenamtlichen Mitarbeitern aus. Der Begriff wurde von der amerikanischen IT-Zeitschrift „Wired" geprägt. In der Industrie ist das Konzept als die „Long-Tail-Theorie" bekannt, die Theorie des langen Schwanzes.

Dabei ist das Auslagern bestimmter Dienstleistungen längst kein neues Phänomen. Schon im 18. Jahrhundert setzte die britische Regierung einen Preis zur Lösung des Problems der exakten Bestimmung der geografischen Länge auf hoher See aus, um sich die "Schwarmintelligenz" einer breiten Öffentlichkeit dienstbar zu machen: eine Frühform von Crowdsourcing also. Heute, in Zeiten einer zunehmenden Verbreitung des Internets, dringt das Geschäftsmodell in immer mehr Bereiche vor. Linux, Wikipedia oder YouTube sind nur die bekanntesten Beispiele für klassische „Schwarmauslagerung". Nun hält das Konzept auch im Bereich Übersetzung Einzug.

Yeeyan ist eines dieser typischen Übersetzungsportale, die auf Crowdsourcing setzen. Drei chinesische IT-Ingenieure, allesamt Absolventen der Tsinghua Universität in Beijing, riefen die Seite im amerikanischen Silicon Valley, dem internationalen Mekka für Social-Media-Innovationen, ins Leben. Zhao Jiamin, Zhang Lei und Zhao Kai, die es zum Auslandsstudium in die USA gezogen hatte, schufen zunächst einen Blog, auf dem sie zunächst nur Übersetzungen von Artikeln aus Wissenschaft und Technik veröffentlichten. Heute, gut fünf Jahre später, ist daraus die Social-Media-Seite zum Austausch von Übersetzungen aus allen möglichen Bereichen entstanden, die sich auf die Initiative der Netzgemeinde stützt.

Und das Interesse der chinesischen Internetuser an Beiträgen aus ausländischen Medien ist groß, vor allem wenn sie sich um Themen handelt, die mit China zu tun haben. Das verdeutlicht etwa der Fall von Luo Yonghao, der am 20. November 2011 vor der Beijinger Siemens-Zentrale einen Kühlschrank des Unternehmens mit einem Metallhammer demolierte, um so medienwirksam auf die Rechte der Verbraucher aufmerksam zu machen. Damit löste Luo heftige Debatten im chinesischen Internet aus. Obwohl Chinas Medien schon in allen Details über das Ereignis berichtet hatten, erhielt die Übersetzung eines Artikels, der einen Tag nach dem Vorfall im „Handelsblatt" erschienen war und kurze Zeit später als Übersetzung bei Yeeyan erschien, über 10 000 Klicks und mehr als 100 Kommentare innerhalb nur eines Tages. Chinas Internetnutzer wollten wissen, wie deutsche Medien die öffentliche Demontage des Geräts des einheimischen Unternehmens kommentierten.

Außer Yeeyan sind in China vor allem die Übersetzungsportale Dongxiwang, Hupu, GoalHi und Guoke beliebt. Sie begeistern vor allem junge Internetnutzer durch Frische und Originalität ihrer Themenauswahl.

 

Problemfelder: Finanzen und Copyright

Derzeit experimentieren fast alle Übersetzungsportale mit Honorarsystemen zur Entlohnung der bisher ehrenamtlichen Mitarbeiter. Die Gelder hierfür können aus unterschiedlichen Quellen fließen, wie Zhao Jiamin von Yeeyan erklärt: „Wir haben bereits 2009 damit begonnen, teilweise Honorare zu zahlen. Die Gelder hierfür stammen vor allem aus unserem Angebot an Übersetzungen vom Englischen ins Chinesische. Hier gibt es Kooperationen etwa mit dem 'Guardian' oder dem 'Forbes Magazine'. Durch das Mitwirken im Rahmen einer Kooperation oder je nach genereller Auftragslage können die Internetnutzer bei uns für ihre Übersetzungen ein Honorar erhalten", so Zhao.

Momentan denke das Internetportal auch über ein Angebot chinesisch-englischer Übersetzungen als Einnahmequelle nach, erzählt Zhao. Diese Idee sei jedoch schwieriger zu verwirklichen. „Wir haben hier bereits erste Gespräche mit chinesischen Medien über eine Zusammenarbeit geführt", so Zhao.

Auch im Buchgeschäft möchte Yeeyan zukünftig kräftig mitmischen. Dass auch Verlage vom Potential der Freizeitübersetzer profitieren können, zeigte sich jüngst bei der Biographie von Apple-Gründer Steven Jobs. Das Buch avancierte in China schnell zum Bestseller, nachdem Internetnutzer die englische Ausgabe innerhalb von nur zwanzig Tagen ins Chinesische übertragen hatten. In Zusammenarbeit mit zahlreichen chinesischen Verlagen hat Yeeyan auf diese Weise bereits die Übersetzungen für zwanzig Bücher geliefert. Außerdem hofft das Portal in Zukunft mit digitalen Veröffentlichungen punkten zu können. Vor vier Monaten habe man mit der Entwicklung eines eigenen Apps begonnen, das im offiziellen Apple-Store kostenpflichtig herunterzuladen sein soll.

Obwohl die Portale immer mehr Profitkanäle erschließen, fahren allerdings weder Yeeyan noch Dongxiwang, der zweite Riese der Branche, unterm Strich Gewinne ein, gibt Zhao zu.

Die Internetseite Hupu, die sich selbst als die „vielleicht beste Basketballseite überhaupt" bezeichnet, setzt deshalb schon lange auf Werbeeinnahmen zur Finanzierung ihres Angebots. Auf dem Portal sind zahlreiche Anzeigen bekannter Sportmarken und Sportartikelgeschäfte zu finden. Zhang Wei, bei Hupu verantwortlich für den Produktbereich, sagt, man mache sich in seinem Unternehmen gegenwärtig keine großen Sorgen, was die Finanzierung betreffe. „Wir hoffen lediglich, dass ein echter Bedarf bei den chinesischen Sportfans geweckt wird und wir Produkte anbieten können, die genau diesen Bedarf befriedigen", so Zhang. Vor diesem Hintergrund diskutieren die Betreiber derzeit, online einen Wettbewerb für die beste visuelle Produktpräsentation zu starten.

Das Übersetzungsportal Guoke ist erst seit einem Jahr online und schweigt sich über seine genaue Geschäftssituation aus. Ein Sprecher betont jedoch, dass man bereits Kooperationsanfragen von großen Firmen wie IBM, Procter and Gamble und Volkswagen habe. Hier profitieren die Betreiber vor allem vom guten Ruf eines Ablegers ihrer Seite, den „Wissenschaftseichhörnchen", einer Community, die für ein interessiertes Laienpublikum über spannende Wissenschafts- und Forschungsthemen berichtet.

Ähnlich wie Yeeyan plant auch Guoke ins Buchgeschäft einzusteigen. Bis heute hat das Portal bereits vier populärwissenschaftliche Titel veröffentlicht, deren Inhalte aus Artikeln von Guoke und den Wissenschaftseichhörnchen zusammengetragen wurden.

Neben der Honorarfrage kämpfen die Anbieter noch mit einem weiteren zentralen Problem: dem Urheberrecht. Bei Hupu halte man sich zur Vermeidung von Copyright-Konflikten genau an die Vorgaben der Ursprungsseite, erklärt Zhang: „Wir machen bei unseren Artikeln immer die Quelle kenntlich. Wenn auf der Ursprungsseite entsprechende Kontaktdaten verfügbar sind, setzen wir uns mit den Verantwortlichen in Verbindung und holen eine Genehmigung ein", so Zhang.

Yeeyan hat für einige Projekte klare Copyright-Vereinbarungen getroffen. Für alle übrigen Artikel setzt das Portal auf eine andere Art der rechtlichen Absicherung: Am Ende jedes Artikels verweist das Portal auf den jeweiligen Übersetzer. Wer einen Artikel online stellen möchte, muss vor der Veröffentlichung eine Copyright-Option wählen. Außerdem, so Zhao, sei man in der Vergangenheit mit einigen der führenden ausländischen Medien in Kontakt getreten, und habe informelle Absprachen getroffen.

Trotz alledem kommt es manchmal noch zu Unstimmigkeiten. Im Oktober 2010 beispielsweise beschwerte sich die Chefredakteurin der chinesischen Onlineausgabe des „Wall Street Journal", Yuan Li, auf dem offiziellen Blog von Yeeyan über die Veröffentlichung eines Artikels, den sie für das Magazin auf Englisch verfasst hatte, und der auf dem Übersetzungsportal erschienen war. Der Artikel sei ohne entsprechende Genehmigung übersetzt und veröffentlicht worden, so Yuan. „Das geht eindeutig zu weit", schrieb die Journalistin.

Yeeyan entschuldigte sich daraufhin öffentlich für den Vorfall und wies den Übersetzer an, den Artikel von der Seite zu nehmen. Man bewege sich mit dem Übersetzungsportal auf einem nie zuvor beschrittenen Weg, erklärten die Verantwortlichen in einem Statement. Für die Zukunft gelte es, das Copyright-Problem zu lösen und man hoffe, mit noch mehr Medien zu kooperieren. Yuan aber zeigte sich wenig beeindruckt: Zukünftig dürfe das Portal keine Artikel aus dem „Wall Street Journal" mehr veröffentlichen, ließ sie verlauten.

 

Doppeltes Potential

Das Angebot der Übersetzungsportals verspricht nicht nur großes wirtschaftliches Potential, es stellt der Gesellschaft auch einen ideellen Wert bereit. Seiten wie Yeeyan sind zu einer Plattform für schöpferischen Austausch geworden und geben der chinesischen Internetgemeinde die Chance, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Zhang Wei von Hupu macht das am Beispiel des chinesischen NBA-Stars Yao Ming deutlich. „Der Yao Ming, den die Chinesen aus der Berichterstattung chinesischer Medien kennen, ist vor allem brillant und intelligent. Die amerikanischen Medien zeichnen dagegen ein ganz anderes Bild. Wir hoffen, den chinesischen Lesern mit unserem Angebot einige Stimmen zu vermitteln, die noch dichter an der NBA sind."

Bei Guoke sind Redakteure aus mehr als zwanzig unterschiedlichen Fachrichtungen am Werk, die entsprechend ihrem Hintergrund unterschiedliche Inhalte auswählen und so ein authentisches und umfassendes Bild aktueller Forschungsentwicklungen aus aller Welt zeichnen.

Trotzdem stößt auch die Berichterstattung der Übersetzungsportale an ihre Grenzen. Anders als Hupu und Guoke, die mit Sport- und Wissenschaftsthemen aus Bereichen berichten, die als wenig kontrovers gelten, stehen Seiten wie Yeeyan unter gewissem Druck. Ende 2009 musste Yeeyan.org für einen Monat vom Netz gehen, da die Seite keine Genehmigung des Propagandaministeriums zur Veröffentlichung ausländischer Artikel besaß. „Ein klares technisches Foul", sagt Zhao.

Heute halten Redakteure und Anhänger der Seite gewisse Grenzen bei der Berichterstattung ein. „Eine Art Selbstkontrolle innerhalb der Community", sagt Zhao. Zwar gelte bei Yeeyan, dass in die Inhalte, die von den Nutzern online gestellt werden, nicht eingegriffen werde, aber es gebe Ausnahmefälle. „In der Regel veröffentlichen wir bei Yeeyan keine radikalen Inhalte", sagt Zhao. „Auf die große Mehrheit unserer Übersetzer können wir uns hier absolut verlassen."  

(Quelle: Southern Weekly)