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Während Europa und die USA unter der Schulden- und Finanzkrise ächzen, läuft Chinas Wirtschaft noch immer auf Hochtouren. Das hat das Land Experten zufolge vor allem seinem ganz eigenen Entwicklungsmodell zu verdanken: Das „chinesische Modell" setzt vor allem auf eine vergleichsweise starke Regierungskontrolle. Ein Modell, das jedoch durchaus seine Schwachstellen hat, wie Wirtschaftswissenschaftler Wu Jinglian in einem Gastbeitrag erklärt.

Bauarbeiter auf einer Baustelle in Taiyuan, Provinzhauptstadt der nordchinesischen Provinz Shanxi
Während Europa und die USA unter der Schulden- und Finanzkrise ächzen, läuft Chinas Wirtschaft noch immer auf Hochtouren. Einige Ökonomen sehen die wirtschaftlichen Erfolge Chinas vor allem in der noch immer starken Kontrollfunktion der chinesischen Regierung begründet, von einem „chinesischen Entwicklungsmodell" ist die Rede. Ein Modell, das jedoch nicht ohne Makel bleibt: Vor allem anhaltende Korruption und die immer größer werdende Schere zwischen der Entwicklung auf dem Land und in den Städten bereiten Chinas Politikern Kopfzerbrechen. In einem Gastbeitrag für das chinesische Wirtschaftsmagazin „Caijing" diskutiert der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Wu Jinglian die Herausforderungen, mit denen sich Chinas Entwicklungsmodell konfrontiert sieht. Die „Beijing Rundschau" veröffentlicht im Folgenden Auszüge aus Wus Artikel:
In den vergangenen 30 Jahren sind wir Zeugen eines beachtlichen Aufstiegs der chinesischen Wirtschaft geworden. 2010 überholte das Land Japan und ist damit heute die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Gleichzeitig stieß China Exportweltmeister Deutschland von seinem Thron.
Chinas Wirtschaftswunder hat eine weltweite Debatte über das „chinesische Entwicklungsmodell" entfacht: Viele Ökonomen sehen das Geheimnis des Erfolgs im einzigartigen wirtschaftlichen und politischen System der Volksrepublik begründet – China verfügt über eine mächtige Regierung sowie ein stark kontrolliertes nationales Wirtschaftssystem. Das erleichtert es dem Land, Strategien, die die nationalen Interessen am besten widerspiegeln, zu entwickeln und auch umzusetzen.
Was steckt hinter dem chinesischen Wirtschaftswunder?
Meiner Ansicht nach liegt im so genannten „chinesischen Modell" jedoch nur einer der Gründe für Chinas wirtschaftliche Stärke. Vor der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik 1978 kämpfte das Land mit akuter Armut – trotz seiner starken Regierung.
Maßgebliche Veränderungen setzten erst Ende der 1970er Jahre ein und beschleunigten sich nach 1994, nachdem das Land erneute Reformen für Unternehmen, das marktwirtschaftliche System und die makroökonomische Steuerung durch die Regierung auf den Weg gebracht hatte. Ende der 1990er Jahre beschloss die Regierung dann, das bisher staatliche Wirtschaftssystem den neuen Gegebenheiten anzupassen und privaten Unternehmern verstärkt die Möglichkeit zu bieten, eigene Geschäfte zu betreiben.
Diese Regulierung der Marktwirtschaft kurbelte Chinas wirtschaftliche Produktivität in den 1990er Jahren in starkem Maße an und legte gleichzeitig ein solides Fundament für das kräftige Wirtschaftswachstum, das heute zu beobachten ist. Die Gründe für den Erfolg der Strategie der chinesischen Regierung:
Erstens schuf sie durch die Reformen mehr Raum für nicht-gemeineigene Wirtschaftssektoren. Seit Mitte der 1980er Jahre hat die Regierung begonnen, die Restriktionen für den Einstieg privater Investoren in staatlich kontrollierte Sektoren zu lockern. 1997 erkannte Chinas Politspitze, dass die nicht-gemeineigenen Wirtschaftssektoren einen wichtigen Bestandteil einer funktionierenden sozialistischen Marktwirtschaft darstellt.
Es schien, als würde der unternehmerische Geist das ganze Land erfassen: Bis Ende der 1990er Jahre stieg die Zahl privater Unternehmen landesweit auf mehr als 30 Millionen an. Die blühende Privatwirtschaft wurde zu einer treibenden Kraft für Chinas Entwicklung.
Zweitens wurde durch die Reformen der Nutzungsgrad der personellen und materiellen Ressourcen des Landes erhöht. Zuvor hatte die Regierung gesellschaftliche Ressourcen im Rahmen ihrer Planwirtschaft mobilisiert und Investitionen in bestimmten Bereichen erzwungen, um so die Industrialisierung gezielt zu beschleunigen. Tatsächlich lähmte diese Politik die gesamtwirtschaftliche Effizienz des Landes sowie das generelle Tempo von Industrialisierung und Urbanisierung.
Nach Einführung des marktwirtschaftlich orientierten Wirtschaftssystems verlagerten sich Produktionsfaktoren wie etwa Land, Arbeitskraft und Kapital zunehmend von weniger effizienten Sektoren hin zu Bereichen mit hoher Effizienz.
In den vergangenen drei Jahrzehnten wanderten beispielsweise rund 250 Millionen überschüssige Arbeitskräfte aus den ländlichen Gebieten in die Städte ab. Gleichzeitig wurden rund 70 000 Quadratkilometer Ackerland – das entspricht etwa der Gesamtfläche Irlands, für die städtebauliche Nutzung freigegeben.
Durch die Verlagerung der Produktionsfaktoren konnte die so genannte Gesamtfaktorenproduktivität der chinesischen Wirtschaft gesteigert werden, was der Wirtschaft neues Leben einhauchte. (Unter der Gesamtfaktorenproduktivität versteht man den Anteil des Produktionsoutputs, der sich nicht durch die Menge des Produktionsinputs erklären lässt. Es handelt sich also um einen Kennwert dafür, wie effektiv und intensiv der Produktionsinput letztlich ausgenutzt wird.)
Drittens beflügelte die Reformpolitik der Regierung auch das Exportwachstum des Landes und schuf somit einen Ausgleich für das anhaltende Defizit bei der Inlandsnachfrage. Die wachsenden Exportzahlen stellten eine entscheidende Stütze für das große Wachstum der chinesischen Wirtschaft dar. Im Vergleich zu den expandierenden Investitionen blieb Chinas Binnenkonsum lange glanzlos. Einem auf Investitionen fußenden Wachstumsmodell aber mangelt es an der nötigen Nachhaltigkeit.
In den 1990er Jahren unternahm das Land zahlreiche Anstrengungen, um die Exporte in die Industrieländer auszuweiten, die sich durch niedrige Sparquoten der Kundschaft auszeichnen. Die anschwellenden Nettoexporte kompensierten damit die dümpelnde einheimische Nachfrage und halfen, das rasche Wirtschaftswachstum weiter aufrecht zu erhalten.
Viertens ermöglichten die Reformen es, vermehrt moderne Ausrüstungen und Technologien aus dem Ausland nach China zu importieren. Damit konnte China seinen Abstand zu den Industrienationen in Sachen technisches Know-how rasch verkleinern, was die Wirtschaftsentwicklung weiter beschleunigte.
All diese Faktoren belegen, dass die wahren Gründe für Chinas Wirtschaftswunder in der konsequenten Umsetzung der Politik von Reform und Öffnung zu suchen sind.
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