| Smartphones, Mobiltelefone, Netbooks und Tablet-Computer – die chinesische Fangemeinde für die mobilen Alleskönner wird immer größer. Mit Spannung fiebern die Apple-Anhänger dem Erscheinungstermin des iPhone5 entgegen, aber auch Google und Nokia legen mit neuen Geräten und Betriebssystemen nach. Die Branche übertrumpft sich mit immer neuen Anwendungen für die mobilen Geräte, die den Anwendern den Alltag versüßen sollen.
China ist im Apple-Fieber, daran hat sich seit der Einführung des iPhone 4 nichts geändert. Im September letzten Jahres war es in einem Apple-Store in Beijing zu tumultartigen Szenen gekommen, als die Filiale versuchte, die Verkaufsbeschränkung für das Smartphone zu lockern. Bis dahin konnte jeder Kunde nur maximal zwei Geräte erwerben. Der Versuch, die bei den Käufern unliebsame Regel abzuschaffen, mündete letztlich in Chaos an den Verkaufstresen, es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. Das Ergebnis: Die Filiale verschärfte ihr Verkaufslimit noch weiter - von da an lautete die Devise: nur ein iPhone pro Kunde.
Im selben Monat feierte auch das iPad seinen offiziellen Verkaufsstart in China und sorgte im darauffolgenden Jahr mit Rekordverkaufszahlen für Furore. Als im Mai dieses Jahres mit dem iPad 2 die nächste Generation des Tablet-Computers in die chinesischen Läden kam, war das Gerät innerhalb von nur vier Stunden ausverkauft. China ist mittlerweile auch zum zweitgrößten Markt des Apple App Store avanciert, wie Statistiken des niederländischen Unternehmens Distimo belegen. Distimo sammelt Daten zur Entwicklung von Apple-Stores rund um den Globus. Über seinen App-Store bietet Apple gegen Gebühren Software-Anwendungen für seine Produkte zum Download an. Nur in den USA werden derzeit noch mehr Apps heruntergeladen als in China.
„Es sind die Apps, die letztlich den unwiderstehlichen Charme der Geräte ausmachen. Die Hardware ist minimal gehalten, sie scheint quasi zu verschwinden. Durch die Apps kann das Gerät zu all dem werden, was sein Besitzer daraus machen möchte", schreibt Brian X. Chen in „Immer online: Wie das iPhone die Tür zur Alles-Immer-Überall-Zukunft öffnet und uns darin einschließt". In seinem Buch dokumentiert Chen, wie Mobiltelefone der neuesten Generation High-Tech auch für die große Schar der Mainstream-Konsumenten salonfähig machen. Das Konzept der Hardware wurde von seiner Mystik entzaubert, der ungelenke Terminus der „Software-Applikationen" in der Alltagssprache gegen das eingängige „Apps" eingetauscht. Und diese „Apps", so prophezeit Chen, krempeln nun nach und nach das Leben der Benutzer um, online wie offline. Apps sind nicht nur trendy, sie werden bald nicht mehr wegzudenken sein, ist sich Chen sicher. Vor allem in China mit seiner fast einen Milliarde Mobilfunknutzern scheint für viele ein Leben ohne Smartphone fast schon undenkbar.
Reichweite der Apple-Produkte weiter begrenzt
Trotz seiner Beliebtheit ist die Reichweite der Apple-Produkte in China jedoch noch immer begrenzt. Anfang Herbst vom chinesischen Internetunternehmen NetEase Tech erhobene Daten belegen, dass nur rund 18 Prozent der insgesamt 930 Millionen Handynutzer des Landes die Apple-Software iOS nutzen, das Standard-Betriebssystem des US-Konzerns.
„Chinesen betrachten Apple-Produkte als Luxusgüter", sagt Sun Li, Redakteur des Magazins „China iDigest", das sich speziell an iPad-Nutzer richtet, über den Faible seiner Landsleute für die schnittigen Produkte des US-Kultherstellers. „Die Kunden sind vor allem von der überdurchschnittlichen Qualität der Produkte angetan."
Auch Techniknarr Sun bekennt sich als glühender iOS-Verehrer: „Tablet-Computer wie das iPad repräsentieren den neuesten Stand der technischen Entwicklung und weisen den Weg in die Zukunft." Neben einem Samsung-Smartphone ist das mit wireless-LAN ausgestattete iPod Touch sein ständiger Begleiter. Vor allem im Stau sei das Gerät ein wunderbarer Zeitvertreib. „In Metropolen wie Beijing oder Shanghai verbringen die Leute täglich viel Zeit im Stau", analysiert Sun nüchtern. „Mobile Apps sind da ein ideales Unterhaltungsmittel. Man kann zum Beispiel wunderbar lesen. So läuft man nicht Gefahr, seine Zeit zu verschwenden. Apps erhöhen ganz eindeutig die Lebensqualität."
Zu Suns Lieblings-Apps gehört das Angebot des chinesischen Mikroblog-Riesen Sina Weibo. Neben dem Chat-Programm des Instant-Messenger-Anbieters QQ runden ein E-Reader und zahlreiche Spiele die mobile App-Sammlung des Technikliebhabers ab.
Mit seinen App-Vorlieben spiegelt Sun auch das Nutzungsverhalten der Masse der chinesischen Mobilfunknutzer wider. Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte der auf den chinesischen Markt fokussierte Technologie-Blog TechRice eine Top-10-Liste der unter chinesischen iPhone-Nutzern beliebtesten Apps. QQ landete dabei auch Platz 1, Sina Weibo rangierte an neunter Stelle. Ebenfalls ganz oben auf der Beliebtheitsskala standen Computerspiele wie Plants vs. Zombies, Fruit Ninja, Angry Birds oder Talking Tom Cat. Darüber, ob die Software-Applikationen die Lebensqualität der chinesischen Mobilfunkgemeinde tatsächlich erhöhen, lässt sich sicherlich streiten. Dass sie zumindest den Unterhaltungsfaktor erhöhen, lässt sich kaum leugnen.
Da drängt sich die Frage auf: Welche Apps, die bisher noch niemand entwickelt hat, brauchen die Chinesen? In Afrika haben es vor allem Service orientierte Anwendungen, zum Beispiel aus den Bereichen Banking, Gesundheit und Krisenberichterstattung an die Spitze der Download-Charts und in die internationalen Schlagzeilen geschafft. Auf dem chinesischen Markt haben die Kunden die Wahl zwischen zahllosen mobilen Softwareanwendungen, so dass es im Angesicht der Fülle von Angeboten oft schwer fällt, den Überblick zu behalten.
„Es gibt auch eine Menge Müll", sagt der britische Software-Entwickler Craig McMahon, der in Beijing lebt und arbeitet. „Im App-Store können mittlerweile schon fast eine halbe Million Apps heruntergeladen werden. Da ist es heute schwer, Zeichen zu setzen." McMahons Firma hat sich deshalb auf einen Nischenmarkt spezialisiert: Das Unternehmen bietet Apps für Chinesischlernende an. „Wir haben ein Lernkarten-App und ein Wörterbuch im Angebot", sagt der Brite. Dann stellt er eine ganze Liste weiterer Sprachlern-Applikationen vor: „Wir haben ein Spiel entwickelt, das beim Erlernen der Schriftzeichen hilft, ein Übungsprogramm für die Lautumschrift Pinyin, es gibt einen Chinesisch-Sprachführer und ein Programm zum Zahlenlernen, das arabische Zahlen in chinesische konvertiert und umgekehrt, sie dem Benutzer vorspricht, ihre Aussprache trainiert und auch ein Spiel enthält." Zu neunzig Prozent habe er in den letzten Jahren mit Xcode gearbeitet, der Programmiersprache für das Apple-Betriebsystem, erklärt McMahon.
„Es gibt Unternehmen, die Apps für alles Mögliche entwickeln. Sie glauben, wenn sie hunderte von Anwendungen auf den Markt schmeißen, werden sie schon irgendwie auf ihren Profit kommen", sagt der Software-Entwickler über das momentane App-Angebot in China. „Aber die Leute durchschauen solche Dinge. Ich vertraue da ganz auf den Instinkt und den Geschmack der Kunden für hochwertige Anwendungen."
Auch Sun pflichtet dem Briten bei: „Die Entwickler von Applikationen für das iPhone sollten sich zunächst auf die Feinabstimmung bereits bestehender Produkte konzentrieren. Es gibt noch immer viele chinesische Webseiten, die ihr Potential nicht voll entfalten." Sun erinnert in diesem Zusammenhang an die Probleme, die es lange Zeit beim Ansehen von Internetvideos über Apple-Geräte gab (ein Problem, das mittlerweile gelöst wurde). „Die meisten Internetseiten basieren auf Windows, mit dem Apple-Betriebssystem sind sie oft nur schlecht kompatibel."
Apple vs. Android
Das Hauptproblem für Apple stellt aber wohl die wachsende Konkurrenz durch andere Anbieter dar. Das von Google für mobile Geräte wie Smartphones, Mobiltelefone, Netbooks und Tablets entwickelte Betriebssystem Android, liegt in Sachen Nutzerzahlen in China mit einem Marktanteil von 43 Prozent noch immer deutlich vor Apple, wie Daten von NetEase Tech belegen. Auch Symbian OS von Nokia kann einen Marktanteil von 22 Prozent verbuchen. McMahon zeigt sich trotzdem zuversichtlich, was die Zukunft von Apple auf dem chinesischen Markt betrifft: „Die Zahl der Apps, die für Apple-Geräte entwickelt werden, wird trotz des Wachstums von Android weiter zunehmen", ist sich der Software-Entwickler sicher. „Android wird nicht umhin kommen, sich immer mehr zu verändern, um sich – in einem durchaus positiven Sinne, denn es ist ein gutes System – zum kleinsten gemeinsamen Nenner zu entwickeln", erklärt McMahon. „Aus dem gleichen Grund ist auch Windows heute allgegenwärtig: Microsoft überträgt eben an alle seine Lizenzen, jeder kann Windows-Geräte entwickeln. Mit iOS ist das anders: Nur Apple kann die Geräte herstellen, das Unternehmen behält seine Lizenzen und damit die Kontrolle."
Die Verkaufszahlen scheint diese Exklusivität jedenfalls nicht zu drücken, im Gegenteil: Seit längerem fiebert Chinas Kundschaft dem neuen iPhone 5 entgegen, obwohl auch in China das Ableben des Apple-Visionärs Steve Jobs, der über lange Jahre als kreativer Kopf des Kultkonzerns fungierte, für große Trauer gesorgt hat.
Und sowohl Sun als auch McMahon geben an, bei der Entwicklung von Anwendungen auch weiterhin gerne mit iOS zu arbeiten. In Teilen ist das sicher auch dem „Luxus-Faktor" des Systems zu verdanken. „Apple nimmt seine Rolle als strengen Aufseher sehr ernst. Das Unternehmen ist ziemlich restriktiv, wenn es darum geht, was man machen kann und was nicht", sagt McMahon. „Gleichzeitig kommen die Anwender damit aber in den Genuss unvergleichlicher Qualität auf neuestem Entwicklungsstand. Es ist also ein Zwiespalt, in dem wir uns hier alle befinden." |