
In Wohnungen wie dieser wohnt die Beijinger "Ameisenklasse".
Rund dreißig Bewohner müssen sich zwei Toiletten teilen.
In Beijing eine Wohnung zu finden, ist nicht leicht, schon gar nicht, wenn man nur wenige Wochen in der Stadt bleiben will. Die stetig steigenden Mietpreise tun ihr Übriges, die Suche zu erschweren. Ich wollte mich daher damit begnügen, für zwei Monate ein Zimmer zur Untermiete zu finden. Das ist mir auch gelungen, allerdings behielt die Wohnung einige Überraschungen für mich in petto.
Als ich die Wohnung das erste Mal betrete, winkt der Vermieter sofort ab. An Ausländer vermieten wir nicht. Aber meine Sprachkenntnisse können ihn schließlich überzeugen, mir doch eine Chance zu geben. Die Wohnung sieht recht neu renoviert aus, mit hübschen rot-schwarzen Tapeten an einigen Wänden. Im Gegensatz zu den schmuddligen Absteigen, die ich in den Tagen davor besichtigt habe, wirkt das mir gezeigte Zimmer nicht übel. Zugegeben, groß ist es nicht gerade. Laut dem Vermieter 1,90 mal 1,90 Meter. Sechs Zentimeter größer als ich. Nun gut, ich könne ja diagonal im Bett schlafen. Ein eigenes kleines Bad mit chinesischem Klo und hübscher Wandtapete gibt es auch. Wohnen hier noch andere Leute? – Ja, ein paar ... Ich sage zu und ziehe am folgenden Abend mit Sack und Pack ein.
Beim Auspacken merke ich, dass sich hinter dem Schrank kleine Tierchen tummeln. Ich laufe sofort los, um ein Kakerlakenspray zu besorgen; meine ökologischen Gewissensbisse weichen dem Ekel vor meinen Haustieren. Als ich gerade dabei bin, mein Zimmer zu verpesten, sehe ich erstmals einige meiner Mitbewohner. Durch den Geruch und den Radau, den der Spray und mein Husten verursachen, hat sich bald eine ganze Schar um mich versammelt. Meine Chinesischkenntnisse lassen sie über meine Störung des Wohnfriedens hinwegsehen. Mir wird eine Parfumflasche gereicht, um den Geruch des Sprays zu überdecken, und ein großer Ventilator ins Zimmer gestellt, denn: Klimaanlage gibt es in dieser Wohnung keine. Ein Mitbewohner entfernt mit Taschentüchern die Leichenteile der von mir gemordeten Tierchen. Zu diesem Zeitpunkt werde ich erstmals gewahr, dass hier mehr als nur „ein paar" Mitbewohner leben.
Eines Abends finde ich bei meiner Rückkehr in die Wohnung erstaunt zwei neue Zimmer vor, wo ursprünglich der Kühlschrank und ein paar alte Schränke gestanden sind. Beide sind geschätzte zwei Quadratmeter groß. Neugierig begebe ich mich nun auf eine Erkundungstour durch die ganze Wohnung und zähle die Zimmer ab, da ich noch immer nicht sicher bin, wie viele Bewohner es hier eigentlich gibt. Ich gehe insgesamt sieben Gänge und Abzweigungen entlang, verirre mich mehrmals fast, und zähle 29 Türen. In Anbetracht der Tatsache, dass in manchen dieser winzigen Zimmer zwei Personen wohnen, kann ich also davon ausgehen, mir die Wohnung mit mehr als dreißig Leuten zu teilen!
All diese Zimmer sind jeweils mit dem absolut Notwendigsten ausgestattet: ein Bett, ein kleiner Tisch, ein kleiner Schrank. Küche gibt es nicht, Wohnzimmer schon gar nicht. Meines Wissens bin ich die Einzige mit eigenem Bad, die anderen dreißig Bewohner teilen sich ein Badezimmer und zwei Toiletten.
"Qunzu" – die chinesische Art der Wohngemeinschaft
Die chinesische Bezeichnung für diese Art der Wohngemeinschaft ist „qunzu", eine Zusammensetzung aus „Gruppe" und „mieten". Die Vokabel wurde 2012 erstmals ins Moderne chinesische Wörterbuch aufgenommen, da das Phänomen vor allem in den letzten Jahren in Chinas Städten immer häufiger aufgetreten ist. Durch das Einziehen von Wänden wird eine Rohbauwohnung in viele kleine Einheiten unterteilt, die dann jeweils einzeln vermietet werden. Die Bewohner solcher Wohnungen sind entweder Wanderarbeiter, frisch graduierte Studenten oder Angestellte mit geringem Einkommen. Diese haben oft irreguläre Arbeitszeiten und so herrscht in solchen Massenwohnungen ein ständiges Kommen und Gehen.
Im Grunde ist unsere Wohnung wie ein großer Schlafsaal, nur dass sich dünne Wände zwischen den Betten befinden. Sobald ich nächtens meinen Ventilator ausschalte, höre ich durch das Loch in der Wand, durch das das Internetkabel in mein Zimmer läuft, meinen Nachbarn atmen. Tagtäglich dringen Gespräche, Gesang oder Gerüche herein, denn jedes Zimmer hat über der Tür ein kleines Fenster zum Gang. Gut, als mein Zimmer noch vom Kakerlakenspray verpestet war, war ich sogar über die hereindriftenden Rauchschwaden erfreut, da diese wenigstens das Spray überdeckt haben.
Das „qunzu"-Phänomen ist in den letzten Jahren vermehrt in den Medien thematisiert worden. Es wird als Gefahr für die öffentliche Sicherheit gesehen, da Brandschutzbestimmungen nicht eingehalten und die Nachbarn gestört werden. Unfälle aufgrund von Sicherheitsmängeln haben dazu geführt, dass neue staatliche Regelungen für „qunzu" eingeführt wurden.
Im Mai 2012 wurde von mehreren Beijinger Behörden, darunter der Kommission für das Wohnungs- und Bauwesen, eine Mitteilung veröffentlicht, die Mindestgröße und Bewohnerzahl von vermieteten Zimmern begrenzt. Zimmer müssten demnach mindestens fünf Quadratmeter groß sein und dürften von höchstens zwei Menschen bewohnt werden. Laut der Regelung dürfen außerdem Küche, Badezimmer, Balkon und unterirdische Räume nicht als Schlafzimmer vermietet werden. Falls mehr als zehn Zimmer vermietet werden oder die Anzahl der Mieter fünfzehn überschreitet, müsste der Vermieter einen speziellen Verwalter ernennen und präventive Feuerschutzmaßnahmen und Notausgänge einrichten.
In unserem Fall ist die Brandschutzeinrichtung ein Feuerlöscher, der aber in erster Linie dazu dient, als Türstopper die Wohnungstüre rund um die Uhr offenzuhalten. Als ich einmal abends in mein Zimmer komme, finde ich am Boden einen schwarzen Fleck vor, der von einem lose aus der Wand hängenden Kabel stammen muss. Zwei Wochen später hat sich der Fleck mit einem Mal vergrößert. Der Vermieter reagiert auf meine Beschwerde verwirrt und meint, er werde das Kabel überprüfen lassen.
Sicherheitsmängel und kaum Privatsphäre
Die 18-jährige Yuan bewohnt eines der neu aus dem Boden geschossenen Zimmer. Sie erzählt, dass ihre Familie zwar in Beijing wohnt, sie aber auf eigenen Beinen stehen möchte, jetzt, wo sie arbeitet. Obwohl sie täglich im östlich gelegenen Bezirk Chaoyang arbeitet, hat sie sich in das kleine Zimmer im westlichen Xicheng-Bezirk eingemietet, „für mindestens fünf Monate", weil sie die Umgebung hier schätze. Die Beweggründe für Menschen, trotz der einleuchtenden Nachteile solche winzigen Zimmer zu beziehen, sind durchaus nachvollziehbar. Die Mietpreise in Beijing steigen ständig und viele junge Chinesen verdienen einen Hungerlohn. So auch mein Mitbewohner Guo, der monatlich rund 1000 Yuan verdient, wovon 700 für die Miete draufgehen. Für Menschen wie ihn gibt es wenige Alternativen zu diesen kleinen, vergleichsweise billigen Unterkünften.
Die billige Miete scheint aber der einzige Vorteil dieser Massenunterkünfte zu sein. Die Ausstattung solcher Wohnungen ist für die vielen Bewohner keinesfalls ausreichend: ein Kühlschrank, zwei Toiletten, eine Waschmaschine, eine Dusche. Da alle ungefähr zur gleichen Zeit zur Arbeit müssen, gibt es morgens ein Gerangel um die Toiletten; im Winter muss man beim Duschen ums Warmwasser streiten. Außerdem verschwinden mitunter Dinge aus dem Kühlschrank.
Abends ist in solchen Wohnungen immer viel los, was Vor- und Nachteile hat. Manchmal kommt Yuan in mein Zimmer, um ihr Englisch aufzubessern, allerdings unterhalten wir uns am Ende doch meistens auf Chinesisch. Sie borgt mir ihren Nagellack und ich spiele ihr meine Lieblingsmusik vor. Manchmal schaut Zhang vorbei, der sechs Tage die Woche von 7 bis 22 Uhr arbeitet. Seinen freien Tag verbringt er mit Klavierüben. Er hat an mir einen Narren gefressen, da ich doch aus der Musikhauptstadt Wien komme. Einige Abende verbringen wir damit, dass ich ihm Wort für Wort den deutschen Text von Franz Lehárs Arie „Dein ist mein ganzes Herz" vorspreche, während er in chinesischen Zeichen die Aussprache notiert.
Interessanterweise bemerke ich, dass mir meine Unterkunft mit der Zeit immer geräumiger vorkommt. Entweder hält das Raum-Zeit-Kontinuum hier in Beijing einige Schlupflöcher bereit, oder meine Phantasie kann Berge beziehungsweise Wände versetzen! Man kann sich an vieles gewöhnen, schlußfolgere ich. Doch das sagt sich leicht, schließlich muss ich nur wenige Wochen hier zubringen, und kann meinem kleinen Zimmer schon bald den Rücken kehren. |