01-02-2010 Beijing Rundschau
Ausweispflicht beim Kauf von Bahnfahrkarten: Zu umständlich?
 

 

Ab dem 25. Januar hat die Eisenbahnverwaltung Guangzhou während der diesjährigen Hochsaison rund um das Frühlingsfest an 540 Schaltern die Ausweispflicht beim Kauf von Fahrkarten eingeführt. Da der Andrang sehr groß ist, soll die Polizei das ordnungsgemäße Anstehen organisieren. Vor dem Eingang stehen die Leute Schlange und betreten in der Regel nach einer Wartezeit von zwanzig Minuten die Schalterhalle.

Man schätzt, dass dieses Jahr zum Frühlingsfest allein in der Provinz Guangdong rund 8,7 Millionen Menschen auf Achse sein werden. Ein Anstieg um 10 Prozent im Jahresvergleich. Allein am 25. Januar haben 100 000 Menschen eine Fahrkarte erworben. 

Ende Januar bis Mitte März ist Hochsaison für die Reise in die Heimat aus Anlass des Frühlingsfestes. An 37 Bahnhöfen des Landes soll in einem Modellversuch die Ausweispflicht beim Kauf der Fahrkarte und beim Besteigen des Zuges eingeführt werden.

„Der Wunsch der Bevölkerung nach einer Verbesserung der Situation beim Kauf von Fahrkarten spielt eine große Rolle bei der Einführung der Ausweispflicht, aber man soll diese Rolle auch nicht überbewerten", schreibt der prominente Journalist Tong Dahuan in seinem Blog, „entscheidend ist, was die Spitzenpolitiker für einen Aktenvermerk schreiben und was für ein Spiel die verschiedenen Lokalregierungen treiben."

Ziel der Ausweispflicht ist es, den gewinnbringenden Weiterverkauf von Bahntickets zu verhindern und geheimen Absprachen zwischen Kartenverkäufern und Schwarzhändlern vorzubeugen. Huang Guangmiao, Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes (PKKCV), als Chef der Centralcon Group ein einflussreicher Immobilienentwickler, hat letztes Jahr einen Antrag auf Einführung der Ausweispflicht gestellt. Nach seinen Unterlagen würde durch den illegalen Weiterverkauf von Bahntickets jedes Jahr ein Gewinn von 1,8 Milliarden Yuan erzielt werden.

Frau Liao von der Eisenbahndirektion Guangzhou, die der Abteilung für den Verkauf von Fahrscheinen vorsteht, spricht sich für eine telefonische Bestellung der Tickets aus: „Das halte ich für eine gerechte Lösung." Sie ist optimistisch, was den Nutzen der neuen Ausweispflicht betrifft, aber andere Mitarbeiter der Bahn nehmen eine vorsichtige Haltung ein: „Ob die Einführung der Ausweispflicht wesentlich den Weiterverkauf stoppen kann, wird erst die Erfahrung lehren," sagt der Sprecher des Eisenbahnministeriums Wang Yongping bei der Pressekonferenz am 20. Januar.  

Ob die Ausweispflicht beim Kartenkauf den Schwarzhandel wirklich eindämmen kann, bleibt zunächst offen. Wang Yongping hat bereits 2008 die Ausweispflicht abgelehnt. Er nannte dafür drei Gründe: erstens kann die Ausweispflicht die Zahl der verfügbaren Karten nicht vermehren. Um das Problem mangelnder Transportkapazitäten zu lösen, bedarf es eines Ausbaus der Eisenbahn. Zweitens wird die Ausweispflicht dem Fahrgast mehr Zeit abverlangen, und ihn daher  belästigen. Drittens kann die Ausweispflicht nicht wie beabsichtigt, das Unwesen des Schwarzhandels ausrotten, vor allem die Polizei sollte sich dieser Aufgabe widmen.

Am 14. Januar 2009 hat Staatspräsident Hu Jintao aus Sorge um die wachsenden Probleme beim Verkauf von Eisenbahnfahrscheinen während der Zeit des Frühlingsfests einen Aktenvermerk geschrieben. In ihm wird das Eisenbahnministerium dazu aufgefordert, zeitnah Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, den Erwerb von Fahrkarten durch die Reisenden zu erleichtern. Diese Maßnahmen sollen schon für die Reisehochsaison des bevorstehenden Frühlingsfestes greifen.

Das Ergebnis: Ein Jahr später wurde am Januar 2010 um 7 Uhr, 3 Minuten und 17 Sekunden die erste Fahrkarte ausgestellt, die nach Eingang einer telefonischen Bestellung mit der Ausweisnummer des Kunden versehen und abgeglichen wurde. Nach mehrjähriger Debatte wurde die Ausweispflicht endlich wahr: allerdings nur probeweise und nur im Bereich der Eisenbahndirektion Guangzhou. „Klarer Fall", schreibt Tong Dahuan in seinem Blog, „dies ist das Ergebnis des Drucks, den Spitzenpolitiker auf die Eisenbahnverwaltung ausgeübt haben."

 „Wir wollten eigentlich schon früher die Ausweispflicht einführen", sagt Frau Liao von der Eisenbahndirektion Guangzhou,"wir hatten es dann aber doch verschoben aus Angst davor, dass es während des Massenandrangs während der Reisesaison zu einem Riesengedränge und einer Massenpanik kommen könnte." In der Provinz Guangdong, wo neun Millionen Wanderarbeiter aus allen Teilen des Landes arbeiten, hoffen die meisten, dass durch das Eisenbahnministerium endlich die Ausweispflicht beim Kauf von Fahrscheinen eingeführt wird. Man erwartet sich davon ein Ende des äußerst lästigen Zustands, dass Tickets am Fahrkartenschalter nahezu ständig ausverkauft sind.

Wenigstens für die Provinz Guangdong hat jetzt die Eisenbahndirektion Guangzhou die telefonische Bestellmöglichkeit eingeführt. Das System bildet eine der Grundlagen für die flächendeckende Einführung der Ausweispflicht. Dennoch denkt das Eisenbahnministerium nicht daran, die Ausweispflicht landesweit einzuführen. Zhang Shuguang, stellvertretender Chefingenieur und zugleich Direktor der Abteilung für Personenbeförderung beim Eisenbahnministeriums nimmt den Beijinger Westbahnhof als Beispiel: „Jeden Tag fahren dort mehr als 280 Züge ab, zur Spitzenzeit verlässt alle fünf Minuten ein Zug den Bahnhof. Rechnet man pro Zug mit 2000 Fahrgästen, müssen alle Passagiere innerhalb von 30 Minuten durch die Kartenkontrolle kommen. Wenn zusätzlich die Ausweise überprüft werden sollen, braucht man eine Stunde länger. Da werden viele Fahrgäste ihren Zug verpassen, ich sehe jede Menge Unannehmlichkeiten und alle möglichen Unsicherheitsfaktoren voraus."

In Guangdong hat die Eisenbahndirektion Guangzhou ihr Bestes getan, um die Ausweispflicht einzuführen. Um sieben Uhr morgens beginnt am 25. Januar an 540 Fahrkartenschaltern in der ganzen Provinz, drei davon in Guangzhou, die neue Ära des Ticketverkaufs in China.

„Mitten in der Hochsaison hat das Eisenbahnministerium in Guangdong die Ausweispflicht probeweise und in Vorreiterrolle eingeführt, deshalb ist die Organisation des Kartenverkauf sowohl für die Eisenbahnabteilungen als auch für die Touristen eine große Herausforderung," sagt Cao Jianguo, der Sprecher der Eisenbahndirektion Guangzhou bei einer Pressekonferenz. 

Mehr dazu:
Das Warten auf Karten
 
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