28-10-2009 Beijing Rundschau
Wie man in Shanghai kleine Fische mit dicken Ködern fängt

Die Stimmung am Montagmorgen war höchst eigenartig. Während in der Schalterhalle des Ordnungsamtes gähnende Leere herrschte, wimmelte es vor dem Gebäude nur so vor aufgeregten Leuten: ein Bauunternehmer mit seinen behelmten Wanderarbeitern, der Inhaber einer Möbelfabrik, ein Schweinefleischhändler und ein Angestellter, der seinen Job verloren hat, weil er verdächtigt wird, ein illegaler Taxifahrer zu sein.

Besonders auffällig: Der 18-jährige Sun Zhongjie aus der Provinz Henan, der an seiner linken Hand einen dicken Verband trägt. Als er vor fünf Tagen des illegalen Taxifahrens beschuldigt wurde, hackte er sich zum Beweis seiner Unschuld den kleinen Finger ab. Seine Aktion erregte allgemeines Aufsehen, die Fahndung der Behörden nach illegalen Tätigkeiten mit Hilfe von Lockvögeln, die zu Ordnungswidrigkeiten und Straftaten verleiten, war somit ins Rampenlicht gerückt.

 

Ein verstümmelter Fisch

Sun beteuerte: "ich habe nichts Verbotenes getan, das Selbstopfer meines Fingers soll das ganz deutlich herausstellen."

Sun war erst den dritten Tag in Shanghai, es war der zweite Tag seiner Anstellung als Busfahrer für ein Bauunternehmen. Seine Aufgabe bestand drin, die Bauarbeiter mit einem Kleinbus von ihrem Wohnheim zur Baustelle zu bringen. Um 19:30 Uhr war er unterwegs zum Wohnheim, als er von einem Mann angehalten wurde. Der Unbekannte flehte ihn an: "Ich habe eine Stunde im kalten Wind vergebens auf den Bus gewartet, bitte nimm mich in deinem Bus mit."Sun war kaum eine Minute gefahren, als der Fahrgast ihn bat, anzuhalten. Er kramte zehn Yuan aus der Hosentasche und schmiss den Geldschein auf das Armaturenbrett. In diesem Moment raste ein Kleinbus rechts heran, es sprangen sieben oder acht Männer heraus und nötigten Sun auszusteigen, wobei sie ihm sein Handy abnahmen und ihn dann in den Kleinbus drängten. Sie fuhren mit ihm in eine stille Gasse, wo schon ein größerer Lieferwagen auf sie wartete. Darin wurde bereits ein anderer Mann festgehalten: He Yaxiong, Inhaber einer Möbelfabrik. Innerhalb der nächsten Stunde wurden noch zwei Männer herangekarrt.

Erst beim Aussteigen aus dem Lieferwagen begriff Sun Zhongjie, dass ihm „illegale Personenbeförderung“ vorgeworfen wird.

 

Fische in Aufruhr

Die Opfer dieser rüden Methoden des Ordnungsamtes zeigten sich bislang verzagt, aber die Selbstverstümmelung Suns hat sie wachgerüttelt. Herr Zhou, kam mit seinen Leute zum Eingang des Ordnungsamts. Sie brachten eine Kiste Proviant und eine Kiste Mineralwasser mit, sie begannen einen Sitzstreik und erklärten, nicht eher das Feld räumen zu wollen, bis der Fall geklärt sei. Der Unmut übertrug sich auch auf die Passanten. Die Untätigkeit des Ordnungsamtes verschärfte die Stimmung zusätzlich.

Suns Bruder wusste die Macht der Medien zu nutzen, er nahm Kontakt zu einer Reihe von Journalisten aus der Provinz auf. Reporter des Fernsehens aus Henan eilten zum Ordnungsamt in Shanghai.

Zuvor schrieb Sun dem Parteisekretär der Provinz Henan und bat ihn einzugreifen: "Gib mir meine Ehre wieder, ich werde zu Unrecht beschuldigt!"

Bei vielen, die bezichtigt werden, illegale Bus- oder Taxifahrer zu sein, fehlt jegliches Motiv für die ihnen vorgeworfenen Taten: Sun war erst seit drei Tagen in Shanghai, er kannte nur die Strecke zwischen Wohnheim und Baustelle; Im Wagen des Fleischhändlers Wu stank bereits das rohe Fleisch; He, Teilhaber einer Möbelfabrik, verdient jährlich bis zu 400 000 Yuan, was es sehr unwahrscheinlich macht, dass er sich durch illegales Taxifahren ein Zubrot verdient.

1   2   >  

 
Kurze Nachrichten


Wirtschaft
Top-Services
Hotel
Routenplaner
Wechselkurs
Rent a car
City Apartments Vermietung
Reise durch China
Schreiben Sie an uns
Aboservice
Wetter
Über Beijing Review | Über Beijing Rundschau | Rss Feeds | Kontakt | Aboservice | Zu Favoriten hinzufügen
Adresse: BEIJING RUNDSCHAU Baiwanzhuanglu 24,
100037 Beijing, Volksrepublik China