04-05-2012
Nr. 18, 4. Mai
Mitten in der Konjunkturflaute
 

„Unsere zentrale Prognose bleibt, dass der Abschwung zwar langsam verläuft, aber die zwei signifikanten Rezessionsrisiken weiter bestehen bleiben", heißt es in dem Bericht der Weltbank weiter.

Zwar seien die Sorgen der Finanzmärkte in letzter Zeit weniger geworden, eines der zentralen externen Risiken aber bleibe nach wie vor bestehen: die Unfähigkeit der einkommensstarken Länder, einen noch gravierenden Abschwung abzuwenden. Geht die Nachfrage in den Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weiter zurück, wären die Folgen schnell in den ostasiatischen Produktions- und Handelsnetzwerken zu spüren, in denen China eine immer zentralere Position einnimmt. Das größte heimische Risiko für einen weiteren Abschwung gehe von den derzeit laufenden Korrekturen im Immobilienmarkt aus, obwohl die Nachjustierungen in diesem Bereich bisher schrittweise und geordnet abgelaufen seien. 

Die Langzeitaussichten hingen letztlich davon ab, ob und wie China die zentralen strukturellen Herausforderungen meistere. Es sei abzusehen, dass sich das BIP-Wachstum angesichts der stotternden traditionellen Wachstumsmotoren zunehmend verlangsame. Urbanisierung und Industrialisierung werden künftig wohl einen geringeren Beitrag zum Wachstum beisteuern. Hinzu kommt, dass China vor einer demographischen Wende steht; der Anteil der Alten nimmt zu, während die Gruppe der Menschen im arbeitsfähigen Alter sich weiter verkleinert. Auch das Wachstum der Gesamtfaktorproduktivität wird wohl zurückgehen, da sich die im Zuge der ersten Generation von Reformen erzielte Effizienzsteigerung verringert und die technologische Kluft zu einkommensstarken Volkswirtschaften weiter schrumpft. Hinzu kommt, dass die willkommenen Anstrengungen zur Ausbalancierung der Wirtschaft wohl nicht nur das Wachstumsmodell als solches verändern werden, sondern auch zu einem langsameren, wenn auch qualitativ hochwertigeren Wachstum führen dürften.

 

Politische Prioritäten

Kurzfristig liege die Herausforderung für die Politik darin, durch eine „weiche Landung" der Volkswirtschaft das Wachstum zu stützen, so der Bericht. Der derzeitige Abschwung komme in gewisser Weise sogar gelegen, da er eine Verlangsamung des Wachstums über das vorhandene Potential hinaus reflektiere, und das in einem Kontext, bei dem die Steigerung des Potentials als solches ebenfalls langsam abflaue. Noch immer stünden die Zeichen gut, dass es zu einer weichen Landung der chinesischen Wirtschaft komme, so der Report. Trotzdem gibt es Bedenken, das Wachstum könne zu abrupt abnehmen. Dabei gibt es doch nach Einschätzung der Weltbank ausreichenden politischen Spielraum, um auf die vorhandenen Risiken zu reagieren. Die Last der erforderlichen antizyklischen Gegenmaßnahmen sei vor allem von der Finanzpolitik zu stemmen. Aber auch begleitende Maßnahmen im Bereich der Geldpolitik seien begrüßenswert, angesichts der derzeitigen Verlagerung des Restrisikos von der Inflation zum Wachstum.

Die politischen Maßnahmen müssten allerdings behutsam angegangen werden, warnt die Finanzorganisation, langfristige Effekte und Ziele dürfe man dabei nicht aus den Augen verlieren. Anders als in der Vergangenheit sollten finanzpolitische Anreize im Idealfall weniger kreditlastig, regierungsfinanziert und infrastrukturorientiert sein. Primär sei auf Maßnahmen zu setzen, die den Konsum ankurbelten, etwa gezielte Steuersenkungen, Aufwendungen für soziale  Absicherungssysteme und vergleichbare Ausgaben im Sozialbereich. Das Absenken des Mindestreservesatzes könnte fortgesetzt werden, um Kredite leichter verfügbar zu machen. In Anbetracht bereits bestehender moderater Realzinssätze sollte das Drehen an der Zinsschraube dabei aber für Rezessionsszenarien aufgespart werden. Die Maßnahmen der chinesischen Regierung hätten sich bereits als nützlich bei der Abkühlung des Immobilienmarktes erwiesen. Trotzdem rät die Weltbank, staatliche Eingriffe durch marktorientierte Instrumente zu ersetzen, die die Kosten für Kapital erhöhen und das Spektrum an Investitionsmöglichkeiten erweitern.

Langfristig muss China die schwierige Herausforderung meistern, seine Wirtschaft weiter auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu führen. Angesichts des prognostizierten strukturellen Abschwungs bedeute dies, die Faktoren, die dem Wachstum zugrunde liegen, wiederzubeleben, um ein gesundes Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens zu sichern. In Anbetracht der wirtschaftlichen, sozialen, umweltbezogenen und externen Unausgewogenheiten, die mit dem raschen Wachstum und dem strukturellen Wandel einhergegangen seien, müsse das Land den Perspektivenwechsel von einer Fokussierung auf bloßes Wirtschaftswachstum hin zum Streben nach einer nachhaltigen Entwicklung weiter konsequent verfolgen.

Die Aufgabe, mit der sich China konfrontiert sieht, ist keine leichte. Nur wenigen Ländern ist es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen, die unsichtbare Wand, die zwischen mittleren und hohen Einkommen zu liegen scheint, zu durchbrechen. Durch erneuerte Anstrengungen könnte es China aber gelingen, seine bestehenden Wettbewerbsvorteile zu wahren, indem das Land durch Innovationen eine schrittweise Umorientierung vom Niedriglohnland zu einem Zentrum der Entwicklung und Herstellung hochwertiger Produkte vollziehe. Die neuen Ansätze könnten dabei helfen, die Armut weiter erfolgreich zu bekämpfen, da die Armutsreduzierung immer weniger an Wirtschaftswachstum gebunden ist. Zudem könnten neue Strategien ein „grüneres" Wachstum ermöglichen und erheblich zum Umweltschutz beitragen.         

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