19-10-2009 Beijing Rundschau Auf der Suche nach der Zukunft des Leders -Internationale Tagung in Beijing rund um die Ledertechnologie Von Matthias Mersch
Vom 11. bis zum 14. Oktober hat in Beijing der 30. Kongress des Internationalen Verbandes der Techniker und Chemiker in der Lederindustrie (International Union of Leather Technologists and Chemists Societies, IULTUS) stattgefunden. Der Verband der chinesischen Lederindustrie war der Veranstalter der Beijinger Ausgabe dieses alle zwei Jahre stattfindenden Expertentreffens. Der Kongress gilt als die weltweit wichtigste Plattform zum Austausch von Verfahrenstechniken und Ergebnissen der Grundlagenforschung in der Ledertechnologie. 301 Delegierte aus 21 Nationen nahmen an der Tagung teil. Einhellig wurde die perfekte Organisation der Veranstaltung gelobt. Die Lederproduktion ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in China. Es gibt 20 000 Betriebe, die mit der Herstellung von Produkten rund ums Leder zu tun haben, 7 000 von ihnen haben einen Umsatzertrag von mehr als fünf Millionen Yuan (ca. 500 000 EUR). Die Branche stellte im Jahr 2008 Waren im Wert von 56,1 Milliarden Yuan (ca. 56 Milliarden Euro) her, wozu das Exportgeschäft 42,53 Milliarden Dollar beigesteuert hat. Die Lederindustrie und ihre Zulieferer beschäftigen in China über 11 Millionen Menschen. Jedes Jahr werden mehr als 10 Milliarden Paar Schuhe hergestellt, was 50 Prozent der Weltproduktion entspricht. Bei Lederaccessoires, Taschen und Koffern ist China ebenfalls Nummer 1 unter den Herstellernationen. In ihrem Eröffnungsvortrag wies Zhang Shuhua, Präsidentin des Verbandes der chinesischen Lederindustrie, darauf hin, dass ausländische Firmen und Joint-Ventures einen unverzichtbaren Beitrag zur Entwicklung der chinesischen Lederindustrie in den letzten dreißig Jahren geleistet haben: heute stammen 40 Prozent der Exporte aus der Produktion dieser Firmen. Nach teils erheblichen Einbußen im Zeichen der Weltwirtschaftskrise, scheint sich die Branche in China nun langsam zu erholen. Die Steigerungsraten sind nicht mehr rückläufig, sondern haben sich auf niedrigem Niveau stabilisiert. Trotzdem bleibt in den Augen von Zhang Shuhua das Jahr 2009 das schwierigste Jahr für die Industrie, viel hänge von der Entwicklungstendenz der Weltwirtschaft ab: „Die Branche muss sich auf zwei bis drei kritische Jahre einstellen. Allerdings sind nach Meinung von Experten die langfristigen Perspektiven gut: in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren ist mit einer überaus günstigen Entwicklung zu rechnen." Der scheidende Präsident der IULTUS, Elton Hultow, ein Brite, der in den USA für Buckman arbeitet, den Globalplayer der Spezialitätenchemie, mahnte in seiner Ansprache Innovationen an, um besser auf die veränderten Ansprüche des Marktes reagieren zu können. Als die drei großen Herausforderungen bezeichnete er eine eindeutige Kennzeichnung der Lederprodukte in ihren verschiedenen Qualitätskategorien, eine klare Identität der Produkte, auf die sich der Kunde verlassen kann, und der Aufbau eines „cleaner image" für die Lederindustrie. Im kommenden Jahr wird Professor Shi Bi den Vorsitz über die IULTCS übernimmt, und damit 2011 der nächsten Tagung im spanischen Valencia vorstehen. Shi ist der erste Lehrstuhlinhaber für Gerbtechnologie an einer chinesischen Universität. Als Direktor des Nationalen Labors für umweltgerechte Technologie der Lederherstellung an der Sichuan-Universität in Chengdu, die eine lange Tradition als Forschungs- und Ausbildungsstätte für Ledertechniker hat, betreut er seit Jahren erfolgreich Doktoranden. Gemeinsam mit den Absolventen anderer spezialisierter Hochschulen stellen sie den akademischen Nachwuchs für die Labore der Chemieunternehmen, die sich auf die Produktion von Chemikalien für die Lederbearbeitung spezialisiert haben. Ren Longfang, frischgebackene Doktorin der Technischen Universität Shaanxi, wurde mit dem VESLIC-Award für die beste Forschungsarbeit junger Wissenschaftler ausgezeichnet, die auf dem Kongress präsentiert wurden. Als Vertreter des 1919 gegründeten Vereins Schweizerischer Lederindustrie-Chemiker (VESLIC), überreichte Alois Püntener den Preis, der in Erinnerung an den Chemiker Eckhart Heidemann verliehen wird. Nicht nur der Preisträgerin, sondern auch den „gereiften" Fachleuten im Auditorium gab Alois Püntener den Satz von Konfuzius mit auf den Weg, wonach sich „in große Gefahr begibt, wer lernt, ohne zu denken. Wer aber denkt, ohne zu lernen, setzt sich einem noch größeren Risiko aus."
Die vier Tage eines dichten Vortrags- und Präsentationsprogramms und intensiver Gespräche haben deutlich gemacht, dass die Ledertechnologie nur dann eine Zukunft haben wird, wenn es ihr gelingt, den immer spezielleren Anforderungen ihrer Kundschaft gerecht zu werden. Innovationen sollen in Zukunft schneller zur Marktreife gebracht werden. Dabei sollte das vom Präsidenten der IULTCS, Elton Hultow, formulierte „cleaner image" nicht nur ein „Image" bleiben: umweltschonende Verfahren müssen bei der Bearbeitung von Leder endlich die Oberhand gewinnen.
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