18-12-2009 Beijing Rundschau
Grundlagen und Hintergründe der Klimadiskussion
von Matthias Mersch

Das beschädigt die Wissenschaft und schadet dem Erkenntnisinteresse. Freilich darf man nicht so naiv sein zu glauben, Wissenschaft stünde außerhalb des Feldes von Wirtschafts- und Machtinteressen. Der eingehegte Raum der Wissenschaftler ist nicht wertfrei und Forschungsinteressen richten sich immer auch nach den finanziellen Mitteln, die zu ihrer Verwirklichung bereitgestellt werden.

Von einer „Klimaverschwörung" zu sprechen, ist dennoch unredlich. In der Wissenschaft ist es erforderlich, Aufsehen zu erregen, um wahrgenommen zu werden. Darin ähnelt Wissenschaft der Politik. Durch die Nähe zu Entscheidungsträgern ist ein Effekt jedoch unbillig verstärkt worden, der auch aus der Alltagspraxis der Wissenschaft bekannt ist: Zuspitzung der These und Übertreibung in ihrer Darstellung sind geboten, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen und innerhalb der Fachkreise die Kräfte des Widerspruchs zu wecken. Genau diese Kräfte sind beim Weltklimarat offenbar unerwünscht gewesen.

Es ist aber auch eine Verschwörungstheorie zurückzuweisen, die in die Gegenrichtung wirkt: sie spricht von der Verabredung interessierter Kreise aus Politik und Wirtschaft, deren Interessen dem neuen Trend in der Energiepolitik entgegenstünden. Natürlich ist nicht zu übersehen, dass in der Regierung Bush bedeutende Lobbyisten der Ölindustrie hohe Funktionsträger waren, was deren Zurückhaltung in Sachen Klimaschutz hinreichend erklärte. Aber in der Energiewirtschaft setzt sich immer mehr die Idee vom „Energiemix" durch,  kein Konzern würde es heute riskieren, auf einen Energieträger allein zu setzen. Dadurch wird das Argument ad absurdum geführt, es lägen Interessenskonflikte vor: jede Energiepolitik ist gut, so lange ich mich rechtzeitig auf ihre Erfordernisse einstellen kann. 

 Vermeidung oder Anpassung?

 Auch von den schärfsten Kritikern wie Richard S. Lindzen und Bjørn Lomborg wird nicht in Abrede gestellt, dass durch Treibhausgase eine Erwärmung der Erdatmosphäre herbeigeführt wird. Umstritten sind lediglich der Umfang des menschlichen Beitrags zum Klimawandel und die Strategie, die gegenüber diesem Naturphänomen mit menschlichem Anteil einzuschlagen ist. Lindzen geht von einem Anteil von maximal einem Drittel aller Treibhausgasemissionen aus, die auf das Konto menschlicher Aktivitäten gingen. Die Hauptströmung der Forschung spricht jedoch von einem anthropogenen Anteil an den Emissionen von fünfzig Prozent und mehr. Lomborg weist zu Recht darauf hin, dass sich die Welt weitere zwanzig Jahre der Inaktivität in der Klimafrage nicht wird leisten können. Für ihn sind die formulierten Klimaziele jedoch vollkommen unrealistisch. Anstatt auf das unerschwinglich teure und mithin unerreichbare Ziel der Reduzierung der Erderwärmung auf zwei Grad zu setzen, sollten alle Mittel auf eine Anpassung an die Klimaveränderung konzentriert werden. „Die Kohlendioxid-Einsparungen kosten weit mehr als der Klimawandel selbst", so seine Behauptung. Er stützt sich dabei auf Zahlen, die der niederländische Klimaökonom Richard Tol errechnet hat: das Weltbruttoinlandsprodukt würde sich im Jahr 2100 um 12,9 Prozent oder 27 Billionen Euro im Jahr schmälern, wenn man das Reduktionsziel bei Treibhausgasen erreichen wollte. Die Klimaschäden hingegen beziffert er weltweit auf lediglich rund zwei Billionen Euro im Jahr. Der Bericht der Stern-Kommission kommt zu genau entgegengesetzten Ergebnissen: der Kampf gegen den Klimawandel erscheint aus seiner Perspektive erschwinglich: unter 2,5 Prozent des BIP bis zum Jahr 2100 stehen 5 bis 20 Prozent des BIP als Aufwendung für den Ausgleich der Folgen des Wandels gegenüber. 

 Sparen soll sich rechnen

 Der ökonomische Faktor ist erst in neuerer Zeit in die Klimadiskussion eingeführt worden.

Dies ist vermutlich in der zutreffenden Einsicht geschehen, dass Appelle an Einsparungen und Konsumverzicht in einer Marktwirtschaft denkbar schlecht aufgenommen werden. Wie die Quadratur des Kreises mutet es daher an, was die Grüne Ökonomie verspricht: Wirtschaftswachstum im Zeichen der Nachhaltigkeit, fröhlicher Konsum ohne Belastung der Umwelt und ohne Umkippen des Weltklimas! Man ist sich allerdings noch nicht darüber im Klaren, ob man bereits über die technischen Mittel zu diesem Schritt verfügt. Deshalb rüstet auch die Wissenschaft auf und schafft weitere Arbeitsplätze, nicht zuletzt um sich damit selbst zu versorgen. Am 2. Februar 2009 wurde das Institut für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam gegründet. Gründungsdirektor soll der ehemalige Bundesumweltminister, langjährige Leiter des UN-Umweltprogramms und Professor an der Shanghaier Tongji-Universität Klaus Töpfer werden. Bis zu 50 Wissenschaftler sollen an dem Institut arbeiten.

Um an der Ideologie des Wirtschaftswachstums weiter festhalten zu können, muss man Wachstum vielleicht einfach anders definieren und nachhaltiges und umweltneutrales Wirtschaften in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einbeziehen. Der Verbraucher muss zum Spieler in einer Kreislaufwirtschaft werden, deren Ökobilanz ausgeglichen ist wie die Konten der kaufmännischen Buchführung. Und damit kommen wir zur eigentlichen Botschaft: Klimawandel und das heftig umstrittene Zwei-Grad-Klimaziel sind nichts als Metaphern für einen viel umfassenderen Wechsel in den Methoden menschlichen Wirtschaftens in einem Ökosystems, das über kurz oder lang zehn Milliarden Menschen ernähren muss. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind gezwungen, ein neues Zeitalter zu beginnen, den Ausstieg zu wagen aus einer Ökonomie, die zur Schaffung ihrer Handelsgüter unwiederbringlich Ressourcen verzehrt und mit ihren Abfallprodukten die Lebensgrundlagen vernichtet. Die Stichworte lauten Nachhaltiges Wirtschaften und Grüne Ökonomie.

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