15-12-2013
International
Großbritannien: Zurück an Bord
von Yu Lintao

Cameron sucht auf seiner Chinareise praktische Zusammenarbeit, während über Differenzen hinweg gesehen wird.

Gemeinsames Treffen: Der chinesische Premierminister Li Keqiang (rechts) und der britische Premierminister David Cameron bei einer Pressekonferenz in Beijing (Wang Ye)

David Cameron hat endlich seine Chinareise angetreten, nachdem sie wegen eines Treffens mit dem Dalai Lama vor eineinhalb Jahren verzögert worden war. Heutzutage legt er großen Wert auf den gegenseitigen Respekt in den bilateralen Beziehungen.

Beobachter sind der Ansicht, dass die Verzögerung von Seiten Camerons in keinem schlechten Licht dargestellt werden sollte, da den britischen Politikern dadurch genug Zeit geblieben sei, die Bedeutung der chinesisch-britischen Beziehungen neu zu überdenken. Außerdem hat der jetzige Besuch dadurch an Bedeutung gewonnen; er ist eine wichtige Gelegenheit, die bilateralen Beziehungen wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

„Es gibt keine unlösbaren Konflikte zwischen China und Großbritannien", erklärt Ma Zhengang, ehemaliger chinesischer Botschafter in Großbritannien. „Nur durch gegenseitigen Respekt können beide Seiten eine gute bilaterale Beziehung aufbauen."

Ma behauptet, dass Camerons Beijing-Reise die jährlichen Treffen zwischen China und Großbritannien wieder aufleben lassen und die Spannungen in der chinesisch-britischen Beziehung lockern könnte.

 

 

Ein neuer Anfang

Begleitet von einer großen Delegation aus mehreren Kabinettsmitgliedern sowie 150 Vertretern aus Industrie und Handel war Camerons Reise nach Beijing wohl eines der wichtigsten diplomatischen Ereignisse Großbritanniens in diesem Jahr.

Cameron hatte sich offensichtlich gründlich auf den Chinabesuch vorbereitet. Er legte sich einen Account bei Sina Weibo zu, der chinesischen Version von Twitter,  besuchte eine chinesische Kunstausstellung in London, um mehr über die chinesische Kultur zu erfahren, und gab Interviews in chinesischen Medien. All diese Bemühungen reflektieren seine Entschlossenheit und Engagement im Hinblick auf die Reise.

Britische Medien kommentierten die Reise als Gelegenheit für einen Neuanfang in den beiderseitigen Beziehungen nach Camerons Treffen mit dem Dalai Lama.

Für Ma liegt der Vertrauensbruch in den Beziehungen aber vor allem in der „Kalten-Kriegs-Mentalität" der Briten begründet, die China durch eine „getönte Brille" betrachten würden und zu kritisch gegenüber dem chinesischen System seien.

Das gegenseitige Vertrauen müsse weiter gefördert werden, um Barrieren aus dem Weg zu räumen, meint Cui Hongjian, Direktor der Abteilung für Europäische Studie am China-Institut für Internationale Studien (CIIS),  „Ohne gegenseitiges politisches Vertrauen sind wirtschaftliche Beziehungen und Zusammenarbeit in anderen Bereichen nur schwer zu bewerkstelligen. Es wäre nicht förderlich für eine gute Beziehung zwischen China und Großbritannien."

Die Briten sollten sicher gehen, dass sie sich in Zukunft keine Fehler mehr leisteten, wenn es sich um chinesische Kerninteressen handele, meint Cui.

Cameron versprach vor seiner Ankunft in Beijing, einen „Dialog des gegenseitigen Respekts und Verständnisses" führen zu wollen.

Er scheint sein Versprechen eingehalten zu haben. Während seiner dreitägigen Reise traf Cameron nicht nur chinesische Offiziere, sondern führte auch intensive Gespräche mit örtlichen Geschäftsleuten, um die Zusammenarbeit zu fördern. Zudem hielt er einen Vortrag an einer chinesischen Universität, um einen guten Eindruck bei den jungen Chinesen zu hinterlassen.

Auf der Pressekonferenz mit Li Keqiang erklärte der britische Premierminister, dass er Chinas Aufstieg nicht nur als eine Chance für die Chinesen sähe, sondern auch als eine gute Chance für Großbritannien und die Welt.

Weiterhin kritisierte Cameron die Gegner des freien Handels in China. Er wünscht sich, dass China seinen Traum verwirklicht, und glaubt, dass „die beiden Länder sich gegenseitig unterstützen könnten, um im globalen Rennen zu gewinnen".

„Ein offenes Großbritannien ist der ideale Partner für ein sich öffnendes China. Kein Land auf der Welt ist offener für chinesische Investitionen als Großbritannien", so Cameron.

Praktische Zusammenarbeit sei ein effizienter Weg sei, um das gegenseitige Vertrauen zu stärken, meint Kerry Brown, Direktor des Zentrums für Chinastudien an der Universität Sydney und Associate Fellow des Asienprogramms am UK Chatham House.

„Auch wenn China und Großbritannien in manchen Bereichen unterschiedliche Werte und Meinungen vertreten, so können die beiden Länder sich auf pragmatische Dinge konzentrieren wie etwa Geschäfte und ähnliche Kooperationen. Dadurch wird das Vertrauen gestärkt, nicht nur durch nette Worte", so der Professor in einem schriftlichen Interview mit der Beijing Review.

 

 

Chinesische Chancen wahrnehmen

Bei einem Geschäftsessen am 3. Dezember mit mehreren Hundert chinesischen und britischen Managern in Beijing drängte Cameron die britischen Unternehmer dazu, ihre Chancen in China wahrzunehmen.

Beobachter glauben, dass der riesige chinesische Markt der Grund für Camerons umfangreiche Delegation in China ist.

„Großbritannien hat wahrscheinlich eingesehen, wie viel Potenzial in China steckt. Vor allem nach dem Besuch des britischen Finanzministers im letzten Monat wurde deutlich, wie wichtig China fürs Geschäft ist", erklärte Kerry Brown gegenüber der Beijing Review.

Camerons Besuch in China folgte auf die Besuche des britischen Finanzministers George Osborne und des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson, die kürzlich in Beijing und Hongkong waren, um für London als Spitzenfinanzzentrum zu werben.

Auch CIIS-Direktor Cui glaubt, dass das Interesse der beiden Länder vor allem im Handel und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit liege.

Die britische Regierung ist dabei, eine fundamentale Veränderung in ihrem wirtschaftlichen Wachstum einzuleiten. Der Finanzsektor, Hauptträger der britischen Wirtschaft, litt sehr unter der EU-Krise, und man sucht nun neue Möglichkeiten, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Während Europa immer noch mit der Eurokrise zu kämpfen hatte und die USA in hohen Schulden steckten, erwies sich China als zweitgrößte Wirtschaftsmacht mit der größten Devisenreserve und somit als wichtige Kapitalquelle für Londoner Bankiers.

China sei zu einer politischen und wirtschaftlichen Großmacht geworden sei, die nicht ignoriert werden könne, so Cui. Großbritannien wäre klug, Chinas wirtschaftlichen Aufstieg für sich zu nutzen, um die eigene ökonomische Expansion zu fördern.

In den letzten Jahrzehnten war Großbritannien der Zulieferer für Kapital- und Technologieinvestitionen in den bilateralen Beziehungen, während China das Zielland für Investitionen darstellte. Dieses Mal jedoch ist Cameron daran interessiert, chinesische Investitionen nach Großbritannien zu holen.

Statistiken belegen, dass die chinesischen Investitionen in Großbritannien rapide angestiegen sind und dass Großbritannien nach Hongkong, den USA und Kasachstan zu einem der beliebtesten Investitionsziele geworden ist. Die Gesamtinvestitionen aus China belaufen sich auf rund 9 Milliarden Dollar, währendGroßbritannien etwa das Doppelte in China investiert. Der bilaterale Handel stieg ebenfalls an. Neuste Daten belegen, dass Großbritannien in den ersten zehn Monaten dieses Jahres der zweitgrößte Handelspartner Chinas in der EU war.

Kurz nach seiner Ankunft wurde der britische Premierminister Zeuge eines Vertragsabschlusses zwischen der britischen Automarke Jaguar Land Rover und China im Wert von 4,5 Milliarden Pfund (7,38 Milliarden Dollar), der den Verkauf von 100.000 Fahrzeugen an die National Sales Company in China besiegelte. Dies bedeutet für Großbritannien, dass indirekt 38.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Während Camerons Aufenthalts in China unterzeichneten beide Seiten zehn Verträge in Bereichen wie Weltraumforschung und Investitionen. Sichtbare Erfolge gab es auch im Hinblick auf Hochgeschwindigkeitszüge und Atomenergie.

Was den Finanzsektor angeht, so wurde die Möglichkeit eines Offshore-Business in London und die Eröffnung chinesischer Banken in Großbritannien diskutiert.

Die Agricultural Bank of China (ABC) und die Standard Chartered Bank unterzeichneten einen Vorvertrag, der Banken und anderen Finanzinstitutionen ermöglicht, durch die Standard Chartered UK und die ABC UK Transaktionen in der chinesischen Währung Renminbi durchführen zu können. London wird also als eines der wichtigsten Finanzzentren der Welt gegen Hongkong, Singapur und Taipeh um die Schlüsselposition als einer der führenden Offshore-Märkte für den Yuan konkurrieren.

Peter Sands, Geschäftsführer der Standard Chartered Group, der Cameron auf seiner zweiten Reise in China begleitete, glaubt, dass multiple Offshore-Zentren für den Yuan Banken wie Standard Chartered und HSBC eine große Chance bieten, da sie chinesischen Firmen dabei helfen, chinesische Anleihen ins Ausland zu bringen.

Das Offshore-Yuan-Business käme auch London sehr zugute, da es die neue Position der englischen Metropole als führendes internationales Finanzzentrum zusätzlich untermauern würde, meint Cui. 

Die Beschlüsse der jüngsten 3. Plenarsitzung des 18. Zentralkomitees der KPC hätten positive Signale an die Außenwelt gesendet, so Cui.

„Die neuen Beschlüsse beinhalten u.a. die Öffnung des Bankengeschäfts und Wachstum bei gleichzeitiger Reduzierung des CO2-Austoßes – alles Bereiche, in denen Großbritannien verhältnismäßige Stärken vorweisen kann. Dies bedeutet also auch für Großbritannien neue gute Perspektiven für die Zukunft", meint Cui. 

Beobachter sind der Ansicht, dass Camerons Besuch auch eine wichtige Bedeutung für chinesische Unternehmen hat.

Großbritannien habe als Wiege der industriellen Revolution mit einer alternden Infrastruktur und einer schwächer werdenden Industrie zu kämpfen, erklärt Wang Yiwei, Forscher im Professorsrang für Europa-Studien an der Renmin-Universität in Beijing. Der Finanzsektor macht nun Dreiviertel seiner Wirtschaft aus. Dagegen böte China als „Nachzügler" noch viele Vorzüge, die sich noch nicht erschöpft hätten, wie z.B. im Bereich Infrastruktur, Hochgeschwindigkeitszüge und Atomenergie.

„Die britische Regierung hat soeben einen Auftrag im Wert von 33 Milliarden Pfund (52,3 Milliarden Dollar) für Infrastruktur- und Bauprojekte aufgegeben. Dies ist eine gute Gelegenheit für China, sein überschüssiges Infrastrukturkapital zu investieren", so Wang.