16-12-2009 Beijing Rundschau "Wenn materielle Werte in der Krise verschwinden, versuchen die Menschen, ihrem Leben einen Sinn zu geben." von Florian Siebeck
Weil die Eltern keine Zeit haben, sich um sie zu kümmern? Weil die Eltern nicht wissen, was das ist, was das Kind da hat. Fast drei Viertel aller Waisen haben eine Gaumenspalte oder Herzfehler – gerade Familienangehörige der älteren Generationen denkt da gleich an den Teufel. Aus der Provinz Hunan erhielten wir einen Anruf von einer Mutter, die ein Kind mit Gaumenspalte geboren hatte, ihre Schwiegereltern waren völlig außer sich und schrieen: "Ein Monster! In dem Kind steckt ein Monster!" Wir leben zwar im 21. Jahrhundert, aber diese alten Gedanken werden, zumeist auf dem Land, noch heute weitergetragen. Wir haben auch viele Aids-Waisen in unserer Obhut. In der Henan-Provinz, wo sich in den neunziger Jahren viele Bauern bei der Blutabnahme mit dem HI-Virus angesteckt haben, sind viele Kinder vollkommen auf sich allein gestellt, weil sie beide Elternteile verloren haben.
Wie vermitteln sie denen neue Eltern? Wir helfen beim Zusammenstellen der Dossiers für die neuen Eltern – viel Papier muss ihm Laufe der Adoption gesammelt werden: Lebenslauf, Vorstrafenregister, Gesundheit, Finanzen, Psyche. Die Daten legen wir dann dem "China Center for Adoption Affairs" (CCAA) vor, das unter dem Innenministerium arbeitet. Viele Wahlmöglichkeiten haben die Eltern nicht: Sie können sich das etwaige Alter unter 26 Monaten aussuchen, das Geschlecht und ob es gesund ist oder Einschränkungen wie zum Beispiel eine Gaumenspalte oder angeborene Herzfehler hat. Nachdem das CCAA die Unterlagen durchgesehen und akzeptiert hat, bekommen die Eltern eine Empfehlung von der Regierung mit drei oder vier Fotos des Kindes, einem medizinischen Gutachten, Wachstumstabelle, bevor sie nach China fliegen. Wenn sie das Kind akzeptieren, schreiben sie einen Bestätigungsbrief und bekommen eine Einladung.
Und wieviel kostet das insgesamt? Eltern aus den USA zahlen etwa 5000 bis 6000 US-Dollar, plus Reisekosten und einer Spende an das Waisenhaus. Aber vor allem kostet die Prozedur Zeit und Nerven. Viele Eltern sind zwar wohlhabend, aber nicht unbedingt geduldig – und geben auf. Nachdem sie das Dossier abgegeben haben, müssen sie oft fast drei Jahre warten. 2006 wurden etwa 8000 Kinder adoptiert, im folgenden Jahr fiel die Zahl auf 5000 und ist bis heute weiter rückläufig.
Kommen denn auch Kinder, die erfolgreich vermittelt werden, irgendwann zurück nach China? Schon früh wollen viele Eltern ihren Kindern deren Wurzeln näherbringen, um sie daran zu erinnern, wo sie herkommen und wie schwer es ihre leiblichen Eltern hatten. Sie fahren nicht nur zum Waisenhaus und in die Geburtsstadt, um die Nannys, Direktoren oder Pflege-Eltern wiederzusehen, sondern auch nach Beijing, Xi'an oder Chengdu, um die Geschichte des Landes zu begreifen. Viele Eltern lernen zusammen mit ihren Kindern Chinesisch. Einige von denen sind jetzt selbst schon erwachsen, verheiratet oder haben Kinder. Dann kommen sie manchmal zurück, um ihre leiblichen Eltern zu finden oder den Ort zu besuchen, an dem sie ausgesetzt wurden – Marktplätze, Krankenhäuser oder Landstraßen. Viele wollen Kindern mit einem ähnlichen Schicksal helfen, und arbeiten dann eine Zeit lang als Freiwillige in unseren Einrichtungen.
Wenn Sie auf Ihre 17jährige Geschichte zurückblicken: War 2009 für Sie ein gutes Jahr? Ein besseres Jahr als 2009 hätten wir uns gar nicht wünschen können. Wenn materielle Werte in der Krise verschwinden, versuchen die Menschen, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Und obwohl es in China noch immer schwierig ist, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, und obwohl die wirtschaftlichen Zeiten härter werden, helfen die Menschen Kindern in Not – weil sie etwas Gutes tun wollen und erkannt haben, dass ein Leben nur um des Daseins willen nutzlos ist. Melody Zhang ist Mitgründerin von "Children's Hope International" und Vorsitzende des "Children's Hope Working Committee", das 2001 in China eingetragen und 2007 in "Child Welfare League of Association of Social Work" umbenannt wurde.
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