16-12-2009 Beijing Rundschau
"Wenn materielle Werte in der Krise verschwinden, versuchen die Menschen, ihrem Leben einen Sinn zu geben."
von Florian Siebeck

Vor 17 Jahren gründete Melody Zhang eine Organisation für Waisenkinder in China. Im Interview mit der Beijing Rundschau erklärt sie, warum es nicht leicht ist, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen – und das Krisenjahr 2009 nicht besser hätte laufen können
 

 

Frau Zhang, vor wenigen Jahren wussten ja noch nicht sehr viele Menschen in China, dass es Waisenkinder gibt …

… und daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Regierungsstatistik spricht von mehr als einer halben Million, aber mitbekommen tut man das nicht.

 

Und Sie?

Ich war jung und wollte eine erfolgreiche Journalistin werden. An einem Tag im Jahr 1992 stieß ich im Rahmen meiner Recherchen auf ein Waisenhaus – und war geschockt. Dieser Tag veränderte mein Leben. All meine Ziele, meine beruflichen Perspektiven, waren mir plötzlich nicht mehr wichtig. Wie, dachte ich dann, könnte ich meinen Beitrag leisten, um diesen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen? Also gründete ich eine Hilfsorganisation, der ich mich seitdem vollkommen verschrieben habe.

 

Und das ging so ohne Weiteres?

Einfach war es wahrlich nicht. Man muss sich zuerst beim Staat registrieren, aber gute Absichten nimmt dir hier niemand ab. Warum, sagen sie, würde jemand der Gesellschaft etwas Gutes tun wollen, ohne ein Eigeninteresse dahinter zu verfolgen? Das ist eine Einstellungssache innerhalb der Gesellschaft, nicht nur die Behörden denken so. Ich hatte vorher in Amerika studiert in dort die Organisation "Children's Hope International" mitgegründet, aber als ausländische NGO in China kann man es gleich vergessen. Also gründeten wir hier das "Children's Hope Working Committee" …

… das unter der "Association of Social Work" firmiert – einer Regierungsinstitution.

Im Grunde genommen nennen sie die "Association of Social Work" auch NGO, es ist aber keine. Es ist eine der in China weit verbreiteten "GONGOs" – Regierungs-Nichtregierungs-Organisationen. Sie ist ein Arm der Regierung, gehört dem Innenministerium. Die Leute, die da arbeiten, bekommen Geld von der Regierung, aber die Arbeit machen wollen sie nicht. Da kommen wir ins Spiel. Wir sagen: "Gebt uns die Arbeit! – und gebt uns die Legitimation!" Also gaben sie uns die Legitimation. Von außen gesehen weist unser Land ja mittlerweile freiwirtschaftliche Züge auf. Es geht ums Geld. Es geht um das Individuum. Gleichzeitig will die Regierung die Kontrolle über gesellschaftliche Organisation nicht lockern. NGOs brauchen deswegen eine Regierungs-Schale, gerade wenn es um Fragen wie die Finanzierung geht.

 

Weil Sie dann Geld von offizieller Seite bekommen?

Das nicht – aber weil wir Spenden annehmen dürfen. Die Leute haben dann keine Vorbehalte mehr und sagen: "Ihr sammelt Spenden und werdet von der Regierung anerkannt, dann vertrauen wir euch" – wobei ich sagen muss, dass wir wohl auch sammeln würden, wenn wir es nicht dürften. Es geht hier einfach nur um Verwaltung. Wir haben hier kein System wie in anderen Ländern. Da macht dir die Regierung zwar nicht gleich den Geldtopf auf, aber sie steht dir wenigstens nicht im Weg. Es gibt inoffiziell über 760 000 NGOs in China – das Geld dafür haben die wenigsten.

 

Woher hatten Sie es?

Wir haben uns als NGO erst 2001 registriert – vorher waren wir eine reine Adoptions-Agentur. Viele Eltern hatten uns gleich mit Geldgaben bedacht und unsere Projekte gefördert. Es ist schier unmöglich, Geldgeber zu finden, wenn man nicht gekannt wird. Aber wenn man schon länger zusammenarbeitet oder sich kennt, ist gleich eine Vertrauensgrundlage geschaffen. So haben wir im Laufe der Zeit auch viele regelmäßige Spender gefunden. Das braucht natürlich seine Zeit, aber nach 17 Jahren haben wir eine solide Grundlage geschaffen. Wir brauchen ja nicht viel. Vielleicht 20 Dollar im Monat von einem Spender oder mal 1000 für ein Projekt oder 700 für eine Operation. Mehr nicht. Das klingt jetzt wieder zu einfach – aber uns setzt ja niemand ein Ziel, niemand sagt: "Ihr müsst pro Jahr 10 000 Kindern helfen."

 

Wie vielen Kindern helfen Sie denn?

Das ist schwer zählbar. Zur Adoption haben wir etwa 3600 Kinder vermittelt bis heute, aber wir helfen ja nicht nur denen, sondern auch Kindern, die es vielleicht nicht mehr schaffen, eine Familie zu finden. Waisen sind ja nicht wie andere Kinder, deren Eltern ihnen vielleicht einen Privatlehrer bezahlen oder ein Studium ermöglichen können. Wir helfen beim Lernen, bilden aus, geben Rat in Gesundheitsfragen und bieten allgemein unsere Hilfe an. Aber es gibt zu viele Kinder in den Heimen, wir können nicht allen helfen. Allein im Waisenhaus in Shanghai leben über 1200! Die werden gerade von jüngeren Eltern abgegeben, die in den Industriestätten um die Stadt arbeiten und sich ein Leben mit Kind nicht leisten können – oder ein Mädchen zur Welt gebracht haben.

 

Ein Mädchen?

Seit mehreren tausend Jahren – ab der Zeit von Konfuzius – leben viele Familien nach der Tradition, dass ein Junge den Namen der Familie weiterträgt. Viele schwangere Frauen sind einem enormen Druck ausgesetzt, wenn sie keinen Jungen gebären. Viele Familien auf dem Land brauchen einen Mann, der mit anpackt, wenn sie alt werden. Frauen heiraten und ziehen in der Regel zur Familie des Ehemanns, das ist mitunter ein ganz anderes Dorf und nach der Hochzeit sieht sich die Familie nur noch ein- oder zweimal im Jahr. Diese Vorstellung fällt vielen Menschen auf dem Land schwer – etwa 98 Prozent aller Waisenkinder sind Mädchen. Dies hat sich aber mit der Steuernsenkung für Landwirte langsam verändert. Heute können auch Mädchen zur Schule gehen. Wenn jetzt noch das Gesundheits-System auf Vordermann gebracht wird und Kinder mit Erbkrankheiten vor Ort behandelt werden können, wird die Zahl der ausgesetzten Kinder wohl weiter fallen – denn Babys mit Behinderung werden noch immer sehr oft bei uns abgegeben.

1   2   >  

 
Kurze Nachrichten


Wirtschaft
Top-Services
Hotel
Routenplaner
Wechselkurs
Rent a car
City Apartments Vermietung
Reise durch China
Schreiben Sie an uns
Aboservice
Wetter
Über Beijing Review | Über Beijing Rundschau | Rss Feeds | Kontakt | Aboservice | Zu Favoriten hinzufügen
Adresse: BEIJING RUNDSCHAU Baiwanzhuanglu 24,
100037 Beijing, Volksrepublik China