22-06-2009 Beijing Rundschau Europa - Eine Willensnation wider Willen von Matthias Mersch
Die europäische Einigung ist geboren aus dem Willen, in Europa einen dauerhaften Frieden zu schaffen. Dazu war nach den leidvollen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs in erster Linie sicherzustellen, dass von Deutschland niemals mehr Krieg und staatliches Verbrechen seinen Ausgang nehmen wird. Als aggressive Macht im Herzen Europas, die den Zweiten Weltkrieg ausgelöst und wesentlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beigetragen hatte, sollte Deutschland neutralisiert werden. Dies geschah am besten durch eine Einbindung des einstigen Kriegsgegners in die westliche Wertegemeinschaft, einen Schritt, den die Eliten und die Mehrheit der Intellektuellen seit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 verweigert hatten. Die westliche Welt aber sah sich unmittelbar nach dem erfolgreichen Kampf gegen die nationalsozialistische Herrschaft über weite Teile Europas schon Ende der vierziger Jahre der Bedrohung durch das totalitäre Regime des Kommunismus sowjetischer Prägung ausgesetzt. Der so genannte „Eiserne Vorhang", der die westliche Welt von der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten trennte, verlief mitten durch Deutschland und brachte ein demokratisch verfasstes Westdeutschland gegen ein durch eine sozialistische Einheitspartei regiertes Ostdeutschland in Frontstellung. Durch die Teilung Deutschlands und die Gründung von NATO und Warschauer Pakt, den beiden antagonistischen Militärbündnissen des Kalten Krieges, war der Frieden in Europa zwar keinesfalls sichergestellt, aber immerhin die Gefahr abgewendet, dass Deutschland erneut eine Hegemonie über Europa anstreben konnte. Der Kontinent stand während der ganzen zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter der Bedrohung eines Atomkriegs zwischen den USA und der Sowjetunion. Dessen Ausbruch hätte weite Gebiete Europas für unabsehbare Zeit unbewohnbar gemacht. Deutsch-französische Verständigung Zentral für die Schaffung einer wenigstens Westeuropa umfassenden europäischen Friedensordnung war die Überwindung der traditionellen „Erzfeindschaft" zwischen Frankreich und Deutschland. Diese beiden Staaten hatten innerhalb des zurückliegenden Jahrhunderts drei Kriege miteinander geführt, die zu politischer Instabilität geführt und erheblich zu dem außerordentlichen Machtverlust Europas und dem nachhaltigen Aufstieg der Vereinigten Staaten beigetragen hatten. Da traf es sich gut, in der Person des ersten Kanzlers der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, einen überzeugten Regionalisten und entschiedenen Gegner preußischen Militarismus an der Spitze der westdeutschen Regierung zu haben. Die Verhandlungen über eine europäische Friedensordnung konnten von ihm ohne Rückfall in die nachhaltig diskreditierten Vorstellungen von der Weltmachtrolle eines deutschen Nationalstaates geführt werden. Adenauers ausgezeichnetes Verhältnis zum charismatischen Präsidenten Frankreichs, Charles de Gaulle, bewirkte die ebenso notwendige wie kaum je für möglich gehaltene Überwindung der Feindschaft zwischen beiden Seiten des Rheins. Eine Ironie der Geschichte liegt darin, dass de Gaulle ein ebenso überzeugter Nationalist wie Adenauer ein militanter Antinationalist gewesen ist, was dem ausgezeichneten persönlichen Verhältnis der beiden Politiker jedoch keinen Abbruch tat. Dass Adenauer allerdings im Interesse einer deutsch-französischen Aussöhnung auf das Konzept eines „Europas der Vaterländer" eingegangen ist, sich also auf die Fort- und Festschreibung der Nationalstaaten im Kontext der europäischen Einigung einließ, hat den Zusammenschluss der europäischen Staaten mit einem Konstruktionsfehler belastet, der noch heute den Einigungsprozess erheblich behindert. In Anbetracht der kulturellen und landschaftlichen Vielfalt des Kontinents wäre ein Europa der Regionen besser geeignet, einen leistungsfähigen europäischen Bundesstaat unter der längst überfälligen Auflösung der Nationalstaaten zu schaffen.
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