18-03-2009 Beijing Rundschau
Reden statt Schießen
von Wu Yanfei

Am 11. März hat Tim Kretschmer, ein 17-jähriger Schulabsolvent, in einer Realschule in Winnenden bei Stuttgart und auf der anschließenden Flucht 15 Menschen erschossen. Die Opfer waren überwiegend Mädchen und Frauen, acht Schülerinnen und drei Lehrerinnen. Nach einem Feuergefecht mit der Polizei nahm sich der Täter schließlich das Leben. Wie konnte es passieren, dass aus dem Sohn wohlhabender Eltern der Mörder von neun Schülern und sechs Erwachsenen wurde?

Am Tag nach dem blutigen Amoklauf von Winnenden fand die Polizei erste Hinweise auf das Tatmotiv. Tim Kretschmer litt an Depressionen, war zwischen April und September 2008 fünfmal zur psychiatrischen Behandlung im Krankenhaus. Eine Schülerin hat eingeräumt, dass sie einen Tag vor dem Mord das Liebeswerben von Tim zurückgewiesen habe.

Zhu Song, Psychologe am chinesischen „Forschungszentrums für Jugendliche" ist der Meinung, der Mörder habe nicht nur wegen der Ablehnung des Mädchens die extreme Tat begangen. Die Ursache liege vielmehr in der langdauernden Depression des Gewalttäters. Der Fachmann für psychologische Probleme von Jugendlichen bezeichnete diesen Tat als „erweiterten Selbstmord". Viele schwer unter Depression leidende Menschen haben die Neigung zum Selbstmord, aber nur wenige unter ihnen werden den Tötungsgedanken auf den Kreis der Familienmitglieder, Kollegen oder Freunde ausdehnen. Liebeskummer, Wirtschaftskrise und Arbeitsdruck können alle als Anlässe gelten. Laut Berichten sei Tim ein Einzelgänger und verschlossen gewesen. Er hatte nur wenig Freunde, mit denen er sich unterhalten und verständigen konnte. Wegen seines Charakters sei er von seinen Schulkameraden isoliert worden. In den Augen seiner Lehrer sei Tim ein normaler Junge ohne Neigung zu Gewalttaten gewesen, deshalb wurde ihm keine große Aufmerksamkeit geschenkt. So meint Zhu Song, der Mörder habe lange Zeit in einer abgeschlossenen Welt gelebt, seine Aggressionen konnten lange Zeit nicht in geeigneter Weise ausagiert werden. Die Eltern und die Schule sollten sich mehr um Veränderungen in der Gefühlswelt von Kindern kümmern und eine regelmäßige und offene Kommunikation mit den Kinder aufbauen, damit diese einen gesunden Reifungsprozess ihrer Psyche durchleben könnten, so Zhu weiter.

Tim Kretschmer hing lieber zu Hause an seinem Computer, als unter Menschen zu gehen. Die Polizei fand bei der Hausdurchsuchung Killerspiele, Horrorfilme und Pornobilder. Sein Freund hat bestätigt, dass Tim eine sehr große Geschicklichkeit im Counterstrike-Spiel erworben hatte. Ob Computerspiele die Gewaltneigung des Menschen verstärken, ist in der Psychologie umstritten. Die Gegner der Gewaltthese meinen, die virtuellen Kampfspiele seien reine Unterhaltung. Man kann sich in gewissem Umfang auf sie einlassen, und dies kann zum Abbau negativer Emotionen hilfreich sein, so dass sich dadurch reale Gewalt reduzieren lässt. Zhu Song hingegen ist anderer Meinung. Zwar gebe es keinen Beweis dafür, dass sich die Gewalt in Computerspielen auf Gewalt in der Wirklichkeit überträgt, in diesen Spielen werde Gewalt jedoch als der effektivste Lösungsansatz bei Problemen dargestellt. Dies beeinflusst ohne Zweifel die Denkweise der Jugendlichen. Stoßen Jugendliche auf Probleme, so werden sie geneigt sein, diese mit Gewalt lösen zu wollen. „Aber die richtige Lösung sollte sein, dass Schwierigkeiten in einer von der Gesellschaft akzeptierten Weise überwunden werden", sagt Zhu Song. Sport, durchaus aus Kampfsport, sei auch eine Art von Gewalt, allerdings eine Gewalt, die in ein Regelwerk eingebettet sei und daher sozial verträglich ist.

Der Zugang zu Schusswaffen ist eine weitere wichtige Frage im Zusammenhang mit der Tragödie von Winnenden. Zwar gibt es in Deutschland strenge Gesetze über Erwerb und Besitz von Feuerwaffen, aber die Einhaltung dieser Regeln werden nicht in ausreichendem Maße überwacht. Die Bestimmungen sehen vor, dass die Waffen sicher verwahrt werden müssen, der Vater des Amokläufers aber hatte eine Pistole ungesichert im Schlafzimmer aufbewahrt. Diese Pistole wurde zur Tatwaffe. Der Vater hat mit einer Anklage wegen Verletzung der Waffengesetze zu rechnen, zudem wird gegen ihn wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt.

Nach der Tragödie begann man unverzüglich damit, Überlebende und Angehörige der Opfer psychologisch zu betreuen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach angesichts eines der blutigsten Amokläufe in der Geschichte der Bundesrepublik von einem «Tag der Trauer für ganz Deutschland». Als Zeichen der Anteilnahme wurden die Fahnen an allen Gebäuden von Bundesbehörden auf Halbmast gesetzt. Das Blutbad löste blankes Entsetzen und Bestürzung aus. Am Abend gedachten in Winnenden Hunderte in einem Gottesdienst der Toten. Die Schule hat auch die Überwachung verstärkt, die Schultaschen der Schüler sollen am Eingang kontrolliert werden. Zhu ist der Meinung, es sei selbstverständlich, nach einer extremen Tat eine derartige Maßnahme zu greifen, aber die Kontrolle von Schulränzen sei nicht die effektivste Vorbeugungsmaßnahme. Dies schaffe kein Vertrauen zwischen Schulleitung und Schülern, sondern rufe eher das Widerstreben der Schüler hervor. Nach der Tragödie ist in vielen deutschen Online-Foren die Mitteilung erschienen, dass „jemand ein Blutbad anrichten will". Aber die Polizei fand heraus, dass dies nur schlechte Scherze von Jugendlichen waren. Aber sie lösten noch einmal blankes Entsetzen und Bestürzung in der Gesellschaft aus. Zhu Song meint:„Um Tragödien dieser Art zu verhindern, ist es am wichtigsten, sich um die psychologische Gesundheit der Kinder zu kümmern. Den Schulen und den Familien kommt dabei die Hauptrolle zu."

 
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